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Schlechte Presse : Die Anzeige ist storniert

Szene aus dem Werbefilm des Gesundheitsministeriums Bild: BMG

Das Eigentor des Monats: Nach einem kritischen Artikel der „Bild“-Zeitung hat der Sprecher des Gesundheitsministeriums eine geplante Anzeige dort zurückgezogen - ein merkwürdiges Verständnis von Pressefreiheit.

          So kommt man auch auf die erste Seite der „Bild“-Zeitung: Man ärgert sich über eine Meldung von Seite zwei, ruft den zuständigen Autor und Redakteur an, kündigt die Streichung einer geplanten Anzeige an und bestätigt das anschließend auch noch in einer E-Mail. Und landet dann tatsächlich auf Seite eins, mit dem Eigentor des Monats - dem man grundsätzliche Bedeutung beimessen darf, nicht weil es um „Bild“ geht, sondern um ein Bundesministerium und dessen Verhältnis zur Kritik der Presse.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der Mann, der am vergangenen Dienstag bei „Bild“ anrief, seinem Unmut Luft machte und eine für den kommenden Monat geplante Anzeige stornierte, die 61.000 Euro kostet, heißt Klaus Vater und ist Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums von Ulla Schmidt. Er hatte sich über einen kleinen Bericht geärgert, in dem „Bild“ den neuen Werbespot kritisierte, mit dem das Ministerium in rund fünfhundert Kinos für die gesetzliche Krankenkasse und für den Gesundheitsfonds Reklame macht. „Kranker Gesundheitsspot“, hieß es bei „Bild“.

          „Das ist rausgeworfenes Geld“, sagte der FDP-Gesundheitspolitiker Daniel Bahr - 400.000 Euro hat der Spot gekostet. Ansehen kann man ihn sich auch im Internet auf der Homepage des Ministeriums (www.bmg.bund.de). Er zeigt, welche Gesundheitsleistung wie viel kostet. Ein Junge steht vor dem Badezimmerspiegel und bohrt sich ein Reinigungsstäbchen ins Ohr, und wir erfahren im Text, dass eine Trommelfellverletzung Kosten von 2018 Euro verursacht, bezahlt von der gesetzlichen Krankenkasse. Es geht weiter mit einer Oberschenkelfraktur (4958 Euro), einer Zwillingsgeburt (4460 Euro) und einer doppelten Bypass-Operation (18.600 Euro).

          Neue Wege in der Kommunikation

          Auf diesen Spot ist Klaus Vater, der Sprecher des Gesundheitsministeriums, wie er im Gespräch erzählt, recht stolz. Er versuche in der Kommunikation neue Wege zu gehen, es gehe darum, den Menschen vor Augen zu halten, „was was kostet“. Und insofern ärgerte er sich mächtig über die Kritik der „Bild“. Dass er die avisierte Anzeige stornierte, stellt Vater nicht in Abrede, es sei vielleicht ein Fehler gewesen, so spontan reagiert zu haben, einen Fall von versuchter Zensur will Vater darin aber nicht erkennen. Es gebe nun einmal Konflikte zwischen der Freiheit der Presse zu kritisieren und der Informationspflicht eines Ministeriums. Und schließlich habe er sich zu überlegen, in welchem Umfeld Anzeigen des Ministeriums am rechten Platz stünden. „Für mich ist das keine Zensur“, sagt Vater und fügt hinzu, dass er sich gerne mit den Leuten der „Bild“-Zeitung zusammensetzen wolle, um „abzuräumen, was abzuräumen ist“. Die Anzeigenplanung werde kritisch geprüft, einen generellen Anzeigenboykott gegen „Bild“ gebe es nicht.

          Abzuräumen gibt es etwas. „Mit wirtschaftlichem Druck soll missliebige Berichterstattung verhindert werden“, schreibt „Bild“. Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Michael Konken, stellte fest, das Gesundheitsministerium wolle „kritische Berichterstattung mit Anzeigenentzug bestrafen. Das ist unglaublich und verstößt gegen alle Regeln des freien und kritischen Journalismus.“ Ließen sich Journalisten „durch solche Praktiken einschüchtern“, gebe „es bald nur noch Hofberichterstattung“. Und darin liegt in der Tat des Pudels Kern, Anzeigen schalten oder nicht schalten kann ein Ministerium nach - hoffentlich begründetem - Gutdünken, die Verbindung zwischen kritischer Berichterstattung und dem ausdrücklichen Entzug von Anzeigen markiert den Fauxpas.

          Die „Bild“-Zeitung hat den Vorgang jetzt beim Vorsitzenden der Bundespressekonferenz, dem ZDF-Redakteur Werner Gössling, hinterlegt. Der Vorstand der Vereinigung der Parlamentsjournalisten wird sich damit befassen. Und bei „Bild“ trug man sich mit dem Gedanken, ein Kurzinterview mit der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt zu machen. Ob sie wohl den Betrag benennen könnte, den ein kleiner Kommunikations-Gau wie dieser verursacht? Die Krankenkassen übernehmen das jedenfalls nicht.

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