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Schlagworte der Internetriesen : Kommt uns bloß nicht mit digitalem Sozialismus

  • -Aktualisiert am

„People first“? Was Mark Zuckerberg und das restliche Silicon Valley nicht alles versprechen. Bild: AP

Der Normalbürger soll sein Kapital digitalisieren und damit reales Geld machen? Silicon Valley verspricht der Welt das Blaue vom Himmel herunter - trauen sollte man ihm nicht.

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          Die Außenwelt mag in Silicon Valley eine Bastion des skrupellosen Kapitalismus erblicken, doch die Hightech-Unternehmer stilisieren sich zu treuen Verfechtern von Solidarität, Autonomie und Zusammenarbeit. Diese Venture-Menschenfreunde glauben aufrichtig, sie wären die wahren Verteidiger der Armen und Schwachen. Wer sonst vermöchte dafür zu sorgen, dass die bösen Märkte den an den Rändern der Gesellschaft Lebenden gewaltige materielle Vorteile verschaffen? Einige ihrer Hausintellektuellen schwärmen gar von einem „digitalen Sozialismus“, der nach einem 2007 im Magazin „Wired“ erschienenen Leitartikel von Kevin Kelly „als dritter Weg gelten kann und die alten Debatten bedeutungslos macht“.

          Lässt man einmal die endlosen Schlachten um die wahre Bedeutung des „sharing“ in Schlagworten wie „Sharing Economy“ beiseite, dann erkennt man hinter dieser ganzen selbstgefälligen Rhetorik ein interessantes Argument: Das großherzige Silicon Valley möchte das perfekte Gegengift zur gierigen Wall Street sein. Während Wall Street die Ungleichheit der Einkommen ständig vergrößert, trage Silicon Valley dazu bei, die Ungleichheit des Konsums zu verringern. Das heißt, Sie verdienen vielleicht immer weniger als Ihr reicher Nachbar, aber Sie beide zahlen auch immer weniger - und wahrscheinlich gar nichts - für die Musik auf Spotify, für die Suche bei Google oder für lustige Videos auf YouTube. Schon bald könnte diese Logik sogar für den Internetzugang gelten. Internet.org, die Vorzeige-Initiative von Facebook in den Entwicklungsländern, bietet Nutzern einen nominell kostenlosen Zugang zu grundlegenden Diensten wie Facebook und Wikipedia.

          Der größte Gleichheitsbringer der Welt

          Vor dem Hintergrund des scheiternden Sozialstaats, der die dem eigenen Volk gemachten Versprechen nicht einzuhalten vermag, bietet Silicon Valley uns ein neues soziales Netz an: Wir sind möglicherweise gezwungen, unser Auto zu verkaufen, und können vielleicht unsere Hypothek nicht mehr bedienen - aber wir werden niemals den Zugang zu Spotify und Google verlieren. Der Tod durch Verhungern bleibt eine Gefahr, doch ein Tod durch Mangel an „Inhalten“ droht uns nicht mehr. Bevor Auto und Heim verschwinden, könne Silicon Valley uns dabei helfen, sie in produktives Kapital zu verwandeln. Durch Start-ups wie JustPark - eine modische App, die es Hausbesitzern ermöglicht, ungenutzten Parkraum an verzweifelte Autofahrer zu vermieten - lasse sich sogar die Ungleichheit der Einkommen verringern, wenn auch nur ein wenig. Der Normalbürger sollte frohlocken. Er zahlt nicht nur nichts mehr für grundlegende Dienste, sondern kann sein stagnierendes regelmäßiges Einkommen sogar aufstocken, indem er bislang „totes“ Kapital zu Geld macht.

          Die Behauptung, der größte Gleichheitsbringer der Welt zu sein, macht Silicon Valley zu einer unbesiegbaren Teflonbranche, an der jede soziale Kritik abperlt. Aber die Voraussetzungen dieser Venture-Menschenfreundlichkeit sind keineswegs so streng und unerschütterlich, wie sie erscheinen. Es gibt mindestens drei Gruppen von Gegenargumenten.

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