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Schlagerstreit-Glosse : Zahlen, bitte!

Nicht alle sind glücklich mit dem glücklichen Gewinner: Mahmood mit der Trophäe des Festivals di Sanremo. Bild: ETTORE FERRARI/EPA-EFE/REX

Ein Sänger mit ägyptischem Vater gewinnt den großen italienischen Schlagerwettbewerb? Wie konnte das passieren? Der nationalistisch denkende Teil Italiens rechnet nach. Wir helfen nach.

          Das Schlagerfestival im italienischen Sanremo ist das traditionsreichste seiner Art überhaupt. Ausgetragen jeden Winter seit 1951, also heuer in 69. Ausgabe, diente das „Festival della canzone italiana“ als Vorbild für den fünf Jahre später begründeten Eurovision Song Contest, der den Teilnehmern aber gestattete, jeweils in ihren Landessprachen zu singen. Was heute dabei kaum noch jemand tut, während Sanremo weiterhin stolz auf italienischen Texten beharrt. Und so hielt es auch der diesjährige Sieger namens Mahmood.

          Vor Kritik hat ihn das gleichwohl nicht bewahrt: „Das schönste italienische Lied?!?“, twitterte ersichtlich verstimmt Innenminister Matteo Salvini in der Nacht vor den Regionalwahlen in den Abruzzen, aus denen seine Lega Nord dann mit 28 Prozent als stärkste Kraft hervorgehen sollte. Wohl nicht nur wegen Mahmoods ungeliebtem Schlager-Sieg am Vorabend, denn dann hätten es 46 Prozent werden müssen. Dieser Anteil nämlich sprach sich in einer Telefonabstimmung unter den Fernsehzuschauern des Festivals von Sanremo für Mahmoods Konkurrenten Ultimo aus – darunter natürlich auch Salvini, der in seinem Tweet betonte: „Ich habe Ultimo gewählt, was denkt ihr?“

          Ultimo klingt viel italienischer als Mahmood, der nur 14 Prozent der Publikumsstimmen erhielt, weshalb seit Samstag in Italien ein Meinungskampf um den wahren Sieger von Sanremo tobt. Denn Mahmood setzte sich durch, weil die Zuschauerabstimmung das Endergebnis nur zu 50 Prozent beeinflusst, während es sich außerdem zu 30 Prozent aus Stimmen von Musikjournalisten und zu 20 Prozent aus einem Juryvotum zusammensetzt, und da war beide Male Mahmood vorne.

          Wie aber, so fragt sich der nationalistisch denkende Teil Italiens, konnte bei jeweils hälftiger Berücksichtigung von grundvernünftigem Publikum und arroganten Fachleuten der Favorit des Volkes geschlagen werden, zumal jeder Anruf der Zuschauer auch noch mit 51 Cent zu Buche schlug, während die Experten natürlich nichts für ihr Votum zahlen mussten? Suggeriert die abverlangte Summe von 51 Cent nicht geradezu den Anspruch auf eine absolute Mehrheit? Während Alessandro Mahmoud, der seinen Künstlernamen ja auch noch englisch schreibt, nur zu 50 Prozent Italiener ist (durch die Mutter, der Vater stammt aus Ägypten).

          Dass er vor 27 Jahren in Mailand geboren wurde und seitdem dort lebt, tut nichts zur Sache, zumal er ja auch noch arabische Zeilen in sein Lied einschmuggelte: „Waladi waladi habibi“, und das gleich zweimal, dazu „ta’aleena“ – satte sieben Störenfriede in einem Text von insgesamt 324 Wörtern, also mehr als 2 Prozent Fremdanteil, und da ist die Namensnennung von „Jackie Chan“ noch gar nicht mitgerechnet! Das Lied von Mahmood heißt übrigens „Soldi“ – Geld, Kies, Kröten, Mammon, Keschkesch. Es dreht sich also alles ums Zahlen. Für den rechten rechnenden Teil Italiens dagegen nur um Zahlen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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