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Schlageraltstar als DSDS-Juror : Heinos High Noon

  • -Aktualisiert am

Der Mann mit der Faust: Als Superstar-Juror ist Heino ganz in einem Element Bild: dpa

Der Unterhaltungswert, den der Schlageraltstar in die Sendung bringt, besteht zum größten Teil aus Grusel. Doch manchmal wird es auch für Dieter Bohlen eng. Wie sich Heino bei „Deutschland sucht den Superstar“ schlägt.

          Heino sitzt in der Jury von „Deutschland sucht den Superstar“ und probiert verschiedene Gesichter aus. Das Unterschiedlich-Gucken ist ein wesentlicher Teil der Aufgabe eines Jurors in dieser Show. Während die Kandidaten ihr Talent oder ihre Selbstüberschätzung vorführen, reagieren die Juroren um die Wette, damit die Fernsehleute Material haben, das sie dazwischenschneiden können: ihre überraschten, gequälten, begeisterten, amüsierten, skeptischen, hoffnungsvollen, hoffnungslosen Gesichter.

          Das Gesicht von Heino ist eine Maske. Es erinnert in seiner ledrigen Knautschigkeit an die Puppen aus „Spitting Image“, die in Deutschland vor zwanzig Jahren in „Hallo Deutschland“ Politiker und Prominente karikierten. Man kann sich leicht vorstellen, dass Heino drei oder vier verschiedene Masken hat, alle mit leicht verändertem Mundwinkel unter der schwarzen Brille und dem festgeklebten blonden Haar, um verschiedene Emotionen anzudeuten. Oder dass die Falten von Helfern in kurzen Gesichtsumbaupausen in eine jeweils etwas andere Position geschoben werden.

          Es wäre natürlich Unsinn zu sagen, dass Heino seine eigene Karikatur oder Parodie geworden ist: Eine bizarre Kunstfigur war er in seinen Auftritten ja schon immer. Nur dass diese Figur irgendwann ihren natürlichen Lebensraum, die Studios der ZDF-„Hitparade“ mit Dieter Thomas Heck, verlassen hat und auf ihre alten Tage beschloss, es noch einmal wissen zu wollen. Er verkleidete sich als Rocker, trat mit Rammstein auf, animierte seine Schlager- und Volkstümliche-Musik-Kollegen dazu, in einem Video mitzuwirken, in dem sie sich als ganz harte Heavy-Metal-Truppe ausgeben. Die „Bild“-Zeitung promotet das mit größtem Nachdruck.

          Dass Heino im Alter von 76 Jahren nun als Juror bei „Deutschland sucht den Superstar“ sitzt, ist so irre wie konsequent und würdelos - für alle Beteiligten. Vor dem Studio halten bestellte Jubler Schilder wie: „Heino, du geile Haselnuss.“ Der Sprecher kündigt ihn an als „Herrn der Haselnusstorte“.

          Vermutlich Ersatz für eine Regung im Gesicht

          Einmal unterhält Heino sich mit Dieter Bohlen, dem eigentlichen Untoten der Sendung, darüber, ob er auch so hoch singen könne wie der Kandidat, der gerade aufgetreten ist: „Ich hol’ mir ’nen Stuhl“, sagt Heino, „wat meinste, wie hoch ich da komme? Ich hol’ mir ne Leiter.“ Bohlen erwidert: „So viel könnte ich dir nicht in die Eier treten, dass du da hochkommst.“

          Die jungen Leute ruft Heino: „Komm, Kerlchen.“ Manchmal, als Trost oder Aufmunterung oder Anbiederung, hält er ihnen seine Faust zum „Fistbump“ hin. Er macht das auch, wenn er hinter seinem Schreibtisch sitzt, was besonders rätselhaft aussieht, vermutlich als Ersatz für eine Daumen-hoch-Geste oder eine überzeugende Regung in seinem Gesicht. Er sagt Sätze wie: „Du bist ein toller Typ, du bist gut angezogen, modern gekleidet, siehst gut aus, bist schlank, bist groß, alles“, und alles daran, dass er da sitzt und das sagt und junge, ehrgeizige Menschen sich von ihm bewerten lassen, ist falsch.

          Richtig gesungen klingt das ganz anders

          Er bringt zweifellos einen Unterhaltungswert in die Sendung, auch wenn der zu erheblichem Teil aus Grusel besteht. Seine Frau Hannelore ist dabei, ruft ihn mit dem gemeinsamen „Lockruf“, einem Schnalzen, oder erzählt den Leuten im Warteraum, dass ihr Mann ihr eine neue Hüfte und ein neues Knie geschenkt habe. Als ein Kandidat darauf später beim Vorsingen anspielt, entwickelt sich eine endlose Folge von Missverständnissen: Der junge Mann hält Hannelore für Heinos Mutter, Heino glaubt verstanden zu haben, er habe ihr ans Knie gefasst und geht verwirrt-bedrohlich auf ihn zu, „High Noon mit Heino“, textet der Sprecher. Die Sache geht aber gut beziehungsweise mit einem Fistbump aus.

          Der schönste Moment ist allerdings, als „Take me tonight“ vorgesungen wird und Heino Bohlen fragt, ob das von ihm sei, und dann zum Vergleich den frappierend ähnlichen Refrain von „Ciao, ciao, bambina“ anstimmt. Das Hin und Her mit Bohlen, der beteuert, dass das doch, richtig gesungen, ganz anders klinge, beendet Heino mit den Worten: „Ja, schön. Einmalig.“ Wer hätte gedacht, dass in dem Mann solch trockene, böse Ironie steckt.

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