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Schirach-Serie „Schuld“ : Großes Fernsehen auf Abruf im Netz

Szene aus der „Schuld“-Folge „Ausgleich“: Mit Sicherheit ist Alexandra (Anna Maria Mühe) das Opfer ehelicher Gewalt, Anwalt Kronberg (Moritz Bleibtreu) aber muss beweisen, dass sie keine Mörderin ist. Bild: GORDON MUEHLE

Auf neuen Sendewegen: Bevor wir vom 20. Februar an die fabelhafte Schirach-Serie „Schuld“ im Fernsehen sehen können, hat sie das ZDF bereits komplett in seine Online-Mediathek gestellt. Gewinnt man auf diese Weise mehr Zuschauer?

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          Im Fernsehen wird man „Schuld“, die sechsteilige Reihe nach Justiz- und Kriminalgeschichten des Strafverteidigers und Bestsellerautors Ferdinand von Schirach, erst in eineinhalb Wochen sehen können: vom 20. Februar an jeweils freitags um 21.15 Uhr. Im Internet aber, in der ZDF-Mediathek, gibt es die komplette Staffel bereits seit dem vergangenen Wochenende: Der Sender nennt das „Premiere im Netz“ und schwärmt von „völlig neuen Wegen“, die man auf diese Weise beschreite. Das Stichwort dafür heißt Binge Watching - wörtlich übersetzt: Glotzen bis zum Exzess.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Geläufig wurde es durch den amerikanischen, inzwischen auch auf dem deutschen Markt agierenden Streaming-Anbieter Netflix. Weltweit Aufsehen erregte er vor zwei Jahren, als er die erste Staffel der Politserie „House of Cards“ auf einen Schlag online stellte und damit das nicht-lineare, also von festen Programmplätzen und Sendezeiten unabhängige Fernsehen erstmals auch einer breiteren Öffentlichkeit schmackhaft machte: Man schaut, wann und solange man mag, im Suchtfall gleich alles hintereinanderweg. Bei privaten Betreibern wie Netflix gegen Bezahlung, beim gebührenfinanzierten ZDF ohne zusätzliche Kosten.

          Gegen Aktenstudium ist nichts einzuwenden: Der Strafverteidiger Friedrich Kronberg, gespielt von Moritz Bleibtreu Bilderstrecke

          Von seinem Schirach-Experiment erhofft sich der Sender letztlich eine wundersame Zuschauervermehrung. Zumal junge und jüngere Leute, für die gerade am Freitagabend die Dauerpräsenz vor dem häuslichen Fernseher keineswegs in Frage kommt oder denen das Programmieren des eigenen Recorders schlicht zu lästig ist, will man in die Mediathek locken - und das traditionelle Publikum auf altgewohnte Weise bedienen. Ob die Rechnung aufgeht oder ob man durch das Doppelangebot eher die Quote am Sendetag selbst kannibalisiert, wird sich zeigen.

          Die Höhen und Tiefen im Brennglas

          Am vergangenen Wochenende wurden die sechs Folgen von „Schuld“ um die 200.000 Mal abgerufen - über Computer und Laptops, Mobiltelefone und internetfähige Fernsehgeräte. Das entsprach etwa fünf Prozent der gesamten Mediathek-Nutzung - ein, so Martin Berthoud, der Programmplaner des ZDF, sonst „eher selten“ erreichter Wert für ein einzelnes Angebot. „Vielversprechend“ nennt Berthoud deshalb den Online-Start, versagt sich aber jede Prognose über den weiteren Verlauf. Sicher jedoch ist, dass das ZDF schon in Kürze nachlegt und das Experiment dabei ebenso erweitert wie einschränkt: Die europäische Thrillerserie „The Team“ wird am 22. Februar mit zunächst sieben von acht Folgen online gehen – im englischen Original mit deutschen Untertiteln und ohne das Ende zu verraten –, um vom 8. März an dann im Wochenrhythmus synchronisiert ins lineare Fernsehen zu kommen.

          Die Verfilmung von Schirachs Geschichten eignet sich als Test für das Fernsehen auf Abruf jedenfalls bestens. Denn „Schuld“, die vor fünf Jahren erschienene Sammlung von kurzen, bisweilen kürzesten Erzählungen, bietet - wie schon der Vorgängerband „Verbrechen“ von 2009 - eben keine durchgehende Handlung, sondern fünfzehn in sich abgeschlossene Fälle, die in Schirachs manisch-parataktischer Prägnanz Höhen und Tiefen menschlicher Absurdität wie im Brennglas versammeln. Tragische Verstrickung, erbarmungswürdige Not, exzessive Bösartigkeit, enthemmte Gewalt und himmelschreiendes Unrecht scheinen blitzartig auf, um im Gerichtssaal dann mit kühler, keineswegs jedoch leidenschaftsloser Vernunft abgewogen zu werden.

          Hier der Wider-, ja der Wahnsinn der einzelnen Tat, dort der rationale Prozess der Rechtsfindung, damit auch des Urteils: Es ist diese Grundspannung, die Schirachs beste Geschichten nahezu unwiderstehlich macht. Vor zwei Jahren haben der Produzent Oliver Berben, der dem Autor die Filmrechte abhandelte, sowie die Regisseure Jobst Christian Oetzmann und Hannu Salonen für das ZDF bereits sechs Geschichten aus dem Debütband „Verbrechen“ in Szene gesetzt - und dabei Schirachs im Hintergrund bleibendem Ich-Erzähler einen Namen, ein Gesicht, eine Statur und einen Charakter gegeben: Den Strafverteidiger Friedrich Leonhardt spielte weiland Josef Bierbichler - und er war eine Wucht.

          Friedrich Kronberg heißt der Anwalt nun. Er ist entschieden jünger als sein Vorgänger, zeigt gleichwohl erste graue Strähnen selbst im stets kurz gehaltenen und akkurat auf Form geschnittenen Bart, er fährt einen ältlich-edlen Jaguar und trägt mit Vorliebe Sakkos mit Lederflicken an den Ellenbogen. Wenn er am 20. Februar in der Folge „Der Andere“ erstmals ordentlich im Fernsehen erscheint, wird er uns zunächst etwas fremd bleiben, denn just in diesem Fall kommt er eher selten und dann auch eher peripher ins Bild.

          Anders in der Mediathek, in der das ZDF an die erste Stelle jenes „Volksfest“ setzt, in dem eine Blaskapelle aus ländlichen Biedermännern hinter der Bühne den Exzess inszeniert, Kronberg von Anfang an als Anwalt gefordert ist und Moritz Bleibtreu, der ihn spielt, deshalb auch sofort zeigen kann, was diese Figur ausmacht: eine in sich stimmige Melange aus, wenn nötig, stubenhockerischem Aktenstudium und, wo immer möglich, fast jungenhafter, tatkräftiger Nonchalance. War Bierbichler eine Wucht, so ist Bleibtreu lakonisch und zugleich unbeschwert, dabei voller Empathie und Hilfsbereitschaft seinen Mandanten gegenüber, kurzum: ein überaus vertrauenerweckender Leichtfuß.

          Im Wechsel mit Hannu Salonen inzeniert Maris Pfeiffer die sechs „Schuld“-Geschichten. Ob die außer Kontrolle geratene erotische Phantasie eines wohlsituierten Paares („Der Andere“), ob eine Drogenmalaise im Berliner Hinterhof („Schnee“), ein fatales Internats- und Adoleszenzdrama in Ingolstadt („Die Illuminaten“), eine kammerspielartige Missbrauchs- und Gewaltelegie in Oldenburg („Ausgleich“), eine grotesk verspätete und tödlich endende Sühneaktion rund um den Bahnhof Zoo („DNA“) oder eben die Provinzkatastrophe des „Volksfests“: alle Folgen nutzen ihre jeweils fünfundvierzig Minuten für eine ungemein dichte, dabei nie gedrängt wirkende Handlungs- und Figurenintensität.

          Jede Folge findet auch ein treffliches Bild für die durchgängige Metapher von „Schuld“: die Schwerkraft, die Dinge wie Menschen erbarmungslos niederzwingt, auf den Boden der Tatsachen, wenn es gerade noch gutgeht - oder in einen Abgrund ohne Entrinnen, wenn es das Schicksal will.

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