https://www.faz.net/-gqz-7zm57

Schirach-Serie „Schuld“ : Großes Fernsehen auf Abruf im Netz

Hier der Wider-, ja der Wahnsinn der einzelnen Tat, dort der rationale Prozess der Rechtsfindung, damit auch des Urteils: Es ist diese Grundspannung, die Schirachs beste Geschichten nahezu unwiderstehlich macht. Vor zwei Jahren haben der Produzent Oliver Berben, der dem Autor die Filmrechte abhandelte, sowie die Regisseure Jobst Christian Oetzmann und Hannu Salonen für das ZDF bereits sechs Geschichten aus dem Debütband „Verbrechen“ in Szene gesetzt - und dabei Schirachs im Hintergrund bleibendem Ich-Erzähler einen Namen, ein Gesicht, eine Statur und einen Charakter gegeben: Den Strafverteidiger Friedrich Leonhardt spielte weiland Josef Bierbichler - und er war eine Wucht.

Friedrich Kronberg heißt der Anwalt nun. Er ist entschieden jünger als sein Vorgänger, zeigt gleichwohl erste graue Strähnen selbst im stets kurz gehaltenen und akkurat auf Form geschnittenen Bart, er fährt einen ältlich-edlen Jaguar und trägt mit Vorliebe Sakkos mit Lederflicken an den Ellenbogen. Wenn er am 20. Februar in der Folge „Der Andere“ erstmals ordentlich im Fernsehen erscheint, wird er uns zunächst etwas fremd bleiben, denn just in diesem Fall kommt er eher selten und dann auch eher peripher ins Bild.

Anders in der Mediathek, in der das ZDF an die erste Stelle jenes „Volksfest“ setzt, in dem eine Blaskapelle aus ländlichen Biedermännern hinter der Bühne den Exzess inszeniert, Kronberg von Anfang an als Anwalt gefordert ist und Moritz Bleibtreu, der ihn spielt, deshalb auch sofort zeigen kann, was diese Figur ausmacht: eine in sich stimmige Melange aus, wenn nötig, stubenhockerischem Aktenstudium und, wo immer möglich, fast jungenhafter, tatkräftiger Nonchalance. War Bierbichler eine Wucht, so ist Bleibtreu lakonisch und zugleich unbeschwert, dabei voller Empathie und Hilfsbereitschaft seinen Mandanten gegenüber, kurzum: ein überaus vertrauenerweckender Leichtfuß.

Im Wechsel mit Hannu Salonen inzeniert Maris Pfeiffer die sechs „Schuld“-Geschichten. Ob die außer Kontrolle geratene erotische Phantasie eines wohlsituierten Paares („Der Andere“), ob eine Drogenmalaise im Berliner Hinterhof („Schnee“), ein fatales Internats- und Adoleszenzdrama in Ingolstadt („Die Illuminaten“), eine kammerspielartige Missbrauchs- und Gewaltelegie in Oldenburg („Ausgleich“), eine grotesk verspätete und tödlich endende Sühneaktion rund um den Bahnhof Zoo („DNA“) oder eben die Provinzkatastrophe des „Volksfests“: alle Folgen nutzen ihre jeweils fünfundvierzig Minuten für eine ungemein dichte, dabei nie gedrängt wirkende Handlungs- und Figurenintensität.

Jede Folge findet auch ein treffliches Bild für die durchgängige Metapher von „Schuld“: die Schwerkraft, die Dinge wie Menschen erbarmungslos niederzwingt, auf den Boden der Tatsachen, wenn es gerade noch gutgeht - oder in einen Abgrund ohne Entrinnen, wenn es das Schicksal will.

Weitere Themen

Wieder nichts im Kühlschrank als Licht

Elektropop-Band Oehl : Wieder nichts im Kühlschrank als Licht

Was ist das für eine Gang in Trenchcoats und Stoffschuhen, deren Synthiesound und gläserne Gitarren einen Ohrwurm nach dem anderen erschaffen? Ein Abend mit der Band Oehl, die auf dem besten Weg ist, ganz groß zu werden.

Victoria trifft auf Bad Banks Video-Seite öffnen

Filmkritik „Limbo“ : Victoria trifft auf Bad Banks

Tim Dünschedes Bankenkrimi „Limbo“ bedient sich bei Vorbildern wie „Victoria“ oder „1917“. Der Film kommt ohne Schnitt aus. Maria Wiesner hat in bereits gesehen.

Das Phantom von Erfurt

FAZ Plus Artikel: Politische Stabilität : Das Phantom von Erfurt

Thüringen führt uns einen Irrtum vor Augen, schreibt der Jurist Christoph Schönberger in seinem Gastbeitrag: Der Fall zeigt, wie wenig Stabilität das Grundgesetz und die Länderverfassungen bieten können.

Topmeldungen

Staatsmännisch im Rollkragenpulli: Ramelow mit Hennig-Wellsow am Montagabend

Ramelows Vorschlag : Ein Angebot, das du nicht ablehnen kannst

Wie Bodo Ramelow seinen Vorschlag, Christine Lieberknecht zur Ministerpräsidentin zu machen, einfädelte und damit die CDU unter Druck setzte – die Christdemokraten müssten bei raschen Neuwahlen schwere Verluste fürchten.
Mitarbeiterin in einem Diagnostiklabor in Wuhan

Coronavirus-Epidemie : Zweifel an einer Trendwende

Immer hörbarer spekuliert Peking über ein Abflauen der Coronaseuche, doch der neueste Bericht des Seuchenzentrums gibt keine Sicherheit. Dazu kommen neue Hinweise über eine mögliche Übertragung des Virus durch die Luft.
Sollten sich Anleger komplett von vermeintlichen Klimasündern abwenden? Experten haben dazu verschiedene Meinungen.

Öl-, Gas- und Kohlekonzerne : Die Luft für Klimasünder wird dünner

Immer mehr Investoren verbannen klimaschädliche Anlagen aus ihren Portfolios – während andere darin unterbewertete Aktien mit soliden Bilanzen sehen. Dass die Bewertung so unterschiedlich ausfällt, hat verschiedene Gründe.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.