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Doku: „Die Akte Oppenheimer“ : Das Kapitel ist nicht abgeschlossen

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Der jüdische Kaufmann wurde vorgeführt und exekutiert: zeitgenössischer Kupferstich zum (Schau-)Prozess gegen Joseph Süßkind Oppenheimer. Bild: Phoenix

In der Dokumentation „Die Akte Oppenheimer“ schildert Ina Knobloch die wahre Geschichte des jüdischen Kaufmanns. Und sie zeigt, wie diese als Pars pro Toto für antisemitische Hetze bis heute herhält.

          Während auf Berlins Straßen Flaggen mit dem Davidstern darauf brennen und Jakob Augstein im „Spiegel“ über die „Israelisierung“ des Westens philosophiert, zeigt der Sender Phoenix eine Dokumentation über antisemitische Propaganda, die vor allem eines auszeichnet: Sie bewahrt einen kühlen Kopf. „Die Akte Oppenheimer“ beleuchtet detailgetreu und fundiert die Geschichte des jüdischen Kaufmanns Joseph Süßkind Oppenheimer, der 1737, ein Jahr nach dem Tod seines Arbeitgebers Herzog Karl Alexander von Württemberg, Opfer antijüdischer Hetze und schließlich eines Justizmordes wurde.

          „Europa war jahrhundertelang einer Gehirnwäsche unterzogen“, sagt die Filmautorin Ina Knobloch über die antijüdischen Mythen und Klischees. Vorurteile, die – auch befeuert von Schriften wie Martin Luthers „Von den Juden und ihren Lügen“ – schon im Mittelalter tief im Denken europäischer Gesellschaften verankert sind und immer wieder zu Pogromen führen. Die Regisseurin und Produzentin Ina Knobloch, die bisher vor allem Dokumentationen über Pflanzen oder Schatzinseln gedreht hat, möchte so „das dunkle Erbe antisemitischer Fake-News“ aufdecken, wie es sie bis heute gibt. Dafür gräbt sie sich durch Archive und Aktenberge, befragt Historiker und Medienwissenschaftler. Was zunächst trocken klingt, fördert Spannendes zutage. Ina Knobloch schildert, wie Joseph Süßkind Oppenheimer, der wirtschaftspolitische Berater des Herzogs, gefoltert wurde, um seine vermeintliche Schuld einzugestehen. Die politischen Gegner der progressiven Finanz- und Wirtschaftspolitik Karl Alexanders hatten Oppenheimers Hinrichtung den Gerichtsakten zufolge schon beschlossen, bevor der eigentliche Prozess begann. „Die Akte Oppenheimer“ rekonstruiert die Gerichtsverhandlung gegen den jüdischen Kaufmann mit großer Sorgfalt und enttarnt sie als bloßen Schauprozess seiner Feinde.

          Auf den Spuren des Antisemitismus: Die Regisseurin Dr. Ina Knobloch mit einem Bild von Joseph Süßkind Oppenheimer.

          Bis hin zu dieser Wahrheit ist es ein langer Weg. Die Nationalsozialisten griffen die Geschichte des Finanzrats Oppenheimer, den Wilhelm Hauff und Lion Feuchtwanger in ihren Werken nicht gerade in einem guten Licht hatten erscheinen lassen, auf, und verzerrten sie zu einem antijüdischen Propagandafilm: „Jud Süß“. Ina Knobloch führt in ihrem Dokumentarfilm diverse Biographiefehler des verantwortlichen Regisseurs Veit Harlan auf. Da lebt der – für den Propagandaeffekt diabolisch überzeichnete – Bankier etwa in einem Getto, einer sogenannten „Judengasse“, die er dank seiner beruflichen Stellung in der Realität längst hatte verlassen dürfen. An den Haaren herbeigezogen ist die Darstellung Oppenheimers als Vergewaltiger, dessen Opfer sich in dem NS-Film von 1940 das Leben nimmt. Auch wird, um den jüdischen Kaufmann als Täter zu stilisieren, bei „Jud Süß“ angedeutet, dass er den Herzog mit Hilfe von Gift getötet hat. Tatsächlich konnte niemals festgestellt werden, ob es sich bei Karl Alexanders Tod um Mord oder einen natürlichen Tod handelte. Wahrscheinlich verstarb er an einem Lungenödem.

          Nachdem Ina Knobloch die historische Person Joseph Süßkind Oppenheimer aus dem Lügengebilde geschält hat, schlägt ihr Film eine Brücke zum gegenwärtigen Antisemitismus. „Die Bevölkerung, die wütend auf den Regenten war, übertrug den Hass nicht nur auf Oppenheimer, sondern auf alle Juden. Auch heute steckt hinter Bürgerwut oft Fremdenfeindlichkeit oder Antisemitismus“, heißt es in dem Film – fast 280 Jahre nach der Hetzkampagne. Die alten antijüdischen Stereotype leben bis heute in den Köpfen der Menschen weiter. „Die Vorstellung von übersexualisierten Männern, Giftmördern und wirtschaftlichen Strippenziehern prägen bis heute das Bild von Juden“, sagte die Regisseurin bei der Vorpremiere der Dokumentation im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt.

          Nun ist es nicht zwangsläufig antijüdisch, die Regierung des israelischen Staates zu kritisieren. Bedient sich die Israel-Kritik aber antisemitischer Ressentiments, ist sie es durchaus. Bei den Protesten in Berlin und den Ausschreitungen gegen jüdische Einrichtungen in ganz Europa hat man das in den vergangenen Tagen wieder gesehen. Es gibt den muslimischen Antisemitismus und denjenigen der Rechtsextremen. Angesichts dessen ist es erstaunlich, wie sehr sich der besonnene Dokumentarfilm mit Anschuldigungen zurückhält. Nur ein paar Bilder protestierender Pegida-Anhänger stehen für das Bedrohungspotential.

          Nico Hofmann, Geschäftsführer der Ufa (in deren Kinopalast am Berliner Zoo „Jud Süß“ einst seine Premiere hatte), ist, wie er im Film sagt, davon überzeugt, dass eine Situation wie im Dritten Reich „hier im Moment nicht mehr möglich wäre“. Die Sprecherstimme hält dem entgegen, dass auch Oppenheimer nicht gedacht habe, dass man ihn lynchen und alle Juden abermals aus Württemberg vertreiben würde. „Und schon gar nicht ahnte er, dass zwei Jahrhunderte später alles noch viel schlimmer werden und sein Name für eine antisemitische Propaganda missbraucht werden würde“, heißt es aus dem Off. Wozu „antisemitische Fake News“ heute führen, das verdeutlichen im Film die persönlichen Schilderungen jüdischstämmiger Künstler über Diskriminierung und Hass. Wegen des noch immer dröhnenden Nachhalls dieses „dunklen Kapitels deutscher Geschichte“ plädiert Ina Knobloch in ihrer Dokumentation dafür, „Die Akte Oppenheimer“ noch lange nicht zu schließen.

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