https://www.faz.net/-gqz-94j75

Macron und Frankreichs Sender : Eine „Schande der Republik“

Zürnt den öffentlich-rechtlichen Sendern seines Landes: Franreichs Präsident Emmanuel Macron Bild: VALAT/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Frankreichs öffentlich-rechtliche Sender stehen in der Kritik. Macron will sie auf Diät setzen. Und serviert zum Horsd’œuvre eine halbherzig dementierte Indiskretion.

          Als „Schande der Republik“ habe Präsident Emmanuel Macron die öffentlich-rechtlichen Sender Frankreichs bezeichnet. Das meldete das Magazin „L’Express“. Der Sprecher des Elysées und mehrere Zeugen, die dabei waren, haben dementiert: „Es handelte sich um einen privaten Vortrag vor einem privaten Publikum“, sagte ein Abgeordneter von Macrons Partei „La République en marche“ (LRM). Die Rede sei entstellt wiedergegeben worden.

          Dementis sind selten glaubwürdig – aber man kann sie sehr wohl glaubwürdiger formulieren, als es in diesem Fall geschieht. Gehalten hat Macron seine Ansprache im Elysée-Palast vor den Mitgliedern der parlamentarischen Kommission für Kultur und Erziehung. Eingeladen waren ausschließlich LRM-Mitglieder. Aber bei siebzig Teilnehmern ist die Vertraulichkeit des Wortes schwer zu garantieren.

          Solche „privaten“ Versammlungen sind beim Präsidenten an der Tagesordnung. Auf ihnen werden die Parlamentarier aus den eigenen Reihen auf die anstehenden Debatten vorbereitet. Ob Macron die Sender tatsächlich beschimpft hat oder nicht, ist relativ unwichtig. Denn was ihnen der Präsident vorwirft, dementiert niemand: schlechte Verwaltung, Verschwendung der Mittel, miese Programme, Vetternwirtschaft zwischen den Redaktionen und „unabhängigen“ Produktionsfirmen, überzogene Honorare. Auch die Ernennung der Senderchefs durch die Medienaufsicht CSA (Conseil supérieur de l’audiovisuel) habe der Präsident kritisiert, heißt es. Sie seien niemandem gegenüber zur Rechenschaft verpflichtet.

          Schon im nächsten Jahr werden die Sender mehrere Dutzend Millionen einsparen müssen. Die Informationsmagazine von „France 2“ leiden am meisten. Die zuständige Kulturministerin Françoise Nyssen hat nach der Zusammenkunft beim Präsidenten bestätigt, dass die Reform des Rundfunks zum „Kern von Macrons politischem Projekt“ gehöre. Vorgesehen ist die Zusammenlegung der Sender, eine „BBC à la française“ soll gebildet werden. Als die Zeitung „Le Monde“ einen ersten Entwurf der Reform veröffentlichte, drohte die Ministerin (und frühere Verlegerin) Françoise Nyssen mit einem Prozess.

          Man kann sich indes durchaus vorstellen, dass die Indiskretion mit der „Schande der Republik“ gezielt gestreut wurde – um die Sender ein wenig zu verunsichern und ihnen einen Schuss vor den Bug zu verpassen. Die Sprecherin der parlamentarischen Kommission, Catherine Morin-Desailly, bringt die radikalen Pläne auf den Punkt: „Die Senderchefs wollen eine Vielzahl von Geldquellen. Das ist das berühmte ,Käse und Nachspeise‘. Beide werden, wie ich hoffe, 2018 durch ein Glas Wasser ersetzt.“

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Ich errede mich

          Dirk von Lowtzow erzählt : Ich errede mich

          Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow hat mit „Aus dem Dachsbau“ einen Roman über die eigene Verdachsung geschrieben. Der gibt sich als Wörterbuch aus, und das ist gut so.

          Der Schurke, der die Fäden zieht Video-Seite öffnen

          Filmkritik : Der Schurke, der die Fäden zieht

          Nicht viel ist über den Vize-Präsidenten des George W. Bush bekannt, außer dass Dick Cheney mehr Einfluss auf die amerikanische Politik hatte, als es einem Vize zusteht. Adam McKay hat nun satirisch sein Leben aufgerollt und überschätzt Dick Cheney dabei, findet F.A.Z.-Redakteur Bert Rebhandl.

          Wie national ist Kunst?

          Restitution : Wie national ist Kunst?

          Das Argument der „identitären Kunst“ taugt nicht als Begründung für Restitution. Denn mit dieser Denkfigur kehrt Unseliges aus der Frühzeit der Kunstgeschichte wieder.

          Topmeldungen

          Karl Lagerfeld : Der letzte Modeschöpfer

          Karl Lagerfeld, der das Erbe von Coco Chanel neu belebte, ist gestorben. Er war ein ganz anderer Typ als die selbstquälerischen Modekünstler, die sich gerade so mit ihrer Mode ausdrücken können, aber meist nicht mit ihren Worten.
          Bayern in Not: Mané versucht Spektakel

          Champions League im Liveticker : Spektakel ohne Ertrag

          Die zweite Halbzeit läuft im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League an der Anfield Road. Die Bayern halten gut dagegen beim FC Liverpool. Noch immer steht es 0:0. Verfolgen Sie die Partie im Liveticker.
          Jean-Claude Juncker (l.) in Stuttgart, im Gespräch mit Günther Oettinger, EU-Komissar für Haushalt und Personal

          Juncker in Baden-Württemberg : Europa als „Angebot an den Rest der Welt“

          EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker verschob einen Termin mit der britischen Premierministerin May, um in Stuttgart aufzutreten. Dort warnte er vor einem Kuschelkurs gegenüber Ungarns Regierungschef Orban – und dem Zerfall der EU.
          Der Vapiano-Chef Cornelius Everke während eines Interview am Dienstag in Frankfurt

          Vapiano-Chef : „Wir haben uns verzettelt“

          Miese Geschäftszahlen, Talfahrt an der Börse: Vapiano-Chef Cornelius Everke erwägt auch Filialschließungen, um die Restaurantkette wieder auf Kurs zu bringen. Und nicht nur das.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.