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Serie „Scenes From A Marriage“ : Das Alphabet des Unglücks

Untröstlich: Mira (Jessica Chastain) und Jonathan (Oscar Isaac) Bild: F.A.Z.

Hagai Levi setzt Ingmar Bergmans Klassiker „Szenen einer Ehe“ an der amerikanischen Ostküste neu in Szene. Vor allem auf seine Hauptdarstellerin Jessica Chastain kann er sich verlassen.

          4 Min.

          Man übertreibt nicht sehr, wenn man Hagai Levi als zurzeit interessantesten Serienautor der Welt bezeichnet. Levi hat nicht nur für das israelische Fernsehen die Psychotherapeuten-Serie „Be Tipul“, sondern auch ihr amerikanisches Remake „In Treatment“ geschrieben und inszeniert und die zahlreichen weiteren Adaptionen in verschiedenen Sprachen – zuletzt die von Arte gezeigte französische Version „En thérapie“ – als Berater und Exekutivproduzent mitverantwortet. Er ist auch der Erfinder der Showtime-Saga „The Affair“, mit der das Serienformat der Streamingdienste zum ersten Mal die dramaturgische und visuelle Qualität des zeitgenössischen Autorenkinos erreicht hat, jedenfalls in den ersten beiden Staffeln, nach deren Ab­schluss Levi aus der Produktion ausstieg. Wie ein erwachsenes, aufgewecktes, nichtstereotypes serielles Erzählen aussehen kann, das hat „The Affair“ vorgeführt. Man kann nur hoffen, dass die Saga nicht das einzige Muster ihrer Art bleibt.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es hat deshalb eine gewisse Logik, dass sich Levi den Urtypus des Autoren-Fernsehens für ein Remake vorgenommen hat, auch wenn die Idee, Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ neu zu verfilmen, nicht von Levi selbst, sondern von Bergmans Sohn Daniel kam. Und schon die ersten Einstellungen zeigen, dass „Scenes From A Marriage“ keine Kopie, sondern eine selbständige Weiterentwicklung von Bergmans großer Erzählung über das Ende einer Mittelstands-Ehe sein will. Da ist ein Filmstudio, ein Wagen fährt vor, die Schauspielerin Jessica Chastain steigt aus und geht, umgeben von Menschen mit Atemschutzmasken, in ihre Garderobe, wo sie für ihren Auftritt vorbereitet wird. Dann läuft sie über einen Gang, eine Tür öffnet sich, mit einem Schlag ändert sich die Atmosphäre. Jetzt herrscht keine Jovialität, sondern professioneller Ernst, die Kameras stehen bereit, das De­ko­r ist fertig, das Spiel beginnt.

          Rabiates Durchbrechen der vierten Wand

          Levis „Scenes“, das spürt man, wollen nicht nostalgisch, sondern ganz heutig sein, ein Augenöffner, kein Augentrost. Deshalb hat er die Konstellation aus Bergmans schwedischem Sechsteiler von 1972 umgekehrt. Bei ihm ist es nicht der Mann, Jonathan (Oscar Isaac), der die Beziehung platzen lässt, sondern Mira (Jessica Chastain), seine Frau. Sie arbeitet als Produktmanagerin, er ist Dozent an der Tufts University, beide sind An­fang vierzig, seit zwölf Jahren verheiratet und haben eine vierjährige Tochter. An­sons­ten hat Levi erstaunlich viel von Bergman übernommen: Aus dem Zeitschrifteninterview, mit dem die „Szenen einer Ehe“ beginnen, ist zwar eine Befragung für eine Genderstudie geworden, aber die Art, wie sich Mira und Jonathan als Musterpaar präsentieren, folgt bis in kleine Nuancen dem Original.

          Auch in der stufenweisen Abwicklung des Dramas ist Levi nah bei Bergman ge­blieben, von der Abtreibung am Ende der ersten und dem Betrugsgeständnis in der zweiten Folge bis zu den Handgreiflichkeiten bei der Unterzeichnung der Schei­dungspa­pie­re und der erotischen Wiederversöhnung in den Schlusskapiteln. Dass die Neuverfilmung die Geschichte von sechs auf fünf Episoden verkürzt, merkt man kaum. Der Fluss der Zeit wird ohnehin durch die Enthüllung der Studiosituation immer wieder rabiat unterbrochen, und ebenso unvermittelt setzt er jedes Mal wieder ein, sobald Jessica Chastain und Oscar Isaac die Szene betreten.

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