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Saudi-Arabiens erste Chefredakteurin : Diese Frau will alles ändern

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In der Redaktion der „Saudi Gazette“ hat sie das Sagen: Chefredakteurin Somayya Jarbati Bild: Katharina Eglau

Somayya Jabarti ist die erste Chefredakteurin Saudi-Arabiens. Seit März leitet sie die Tageszeitung „Saudi Gazette“ - und muss vor jeder Reise ihren Mann um Erlaubnis fragen. Ihre Ziele bestimmt sie selbst.

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          Über manche Dinge kann sich Somayya Jabarti richtig aufregen. „Für jede Reise, die ich unternehmen will, muss ich mir vorher von meinem Ehemann die Erlaubnis holen“, sagt die resolute Frau empört. „Wie eine Minderjährige werde ich behandelt, das kann einfach nicht sein.“ Doch die Gesetze Saudi-Arabiens sehen dieses herabwürdigende Prozedere vor, das Frauen von Weisungen ihrer Männer abhängig macht. „Die Umstände haben sich geändert“, hält Somayya Jabarti dem entgegen, „deshalb sollten sich auch die Vorschriften ändern.“ Wie man es auch drehe und wende, es führe einfach kein Weg daran vorbei, „den rechtlichen Status von Frauen in diesem Land zu ändern“.

          Dass die Vorwürfe von der ersten Chefredakteurin des strikt islamischen Regeln folgenden Königsreichs kommen, machen sie umso gewichtiger. Sie zeigen, wie weit der erzkonservative Wüstenstaat von Gleichberechtigung entfernt ist. Auch hinter Somayya Jabarti liegt ein steiniger Weg, begleitet von männlichen Störenfrieden und Neidern, doch er führte sie im März an die Spitze der „Saudi Gazette“. Die Tageszeitung hat ihren Sitz in der für saudi-arabische Verhältnisse liberalen Hafenstadt Dschidda; zuvor arbeitete Somayya Jabarti mehrere Jahre als Reporterin und Redakteurin bei der englischsprachigen Konkurrenz, der „Arab News“ in Riad, zuletzt als stellvertretende Chefin.

          Sie bringt unliebsame Themen in die Medien

          Schon ihre erste Dienstreise zeigte ihr, dass der Aufstieg zur Chefredakteurin allein ihre Stellung unter den männlichen Kollegen nicht unbedingt verbessern würde. „Die anderen Redakteure waren nicht gerade begeistert, dass ich sie zum Gipfel der Arabischen Liga begleitete“, erzählt Somayya Jabarti und lacht. Als sie sich in die erste Reihe des Busses gesetzt habe, der die Medienvertreter zum Konferenzgebäude in Kuweit brachte, habe sie viele abschätzige Blicke kassiert. „Manchmal muss man halt ein bisschen frech sein, um sich durchzusetzen.“

          Das empfiehlt sie auch ihren Landsleuten, die sie mit Geschichten kleinen Widerstands aus dem Alltag aufzurütteln versucht. Anfang September etwa hievte sie einen Bericht auf die Titelseite, der das gewaltsame Vorgehen von Mitgliedern der Religionspolizei Haia gegen einen britischen Mann beschrieb. Der hatte in einem Supermarkt bei einer Kassiererin bezahlen wollen. Das aber erlauben die Vorschriften in dem Wahhabiten-Staat nicht. Der Angriff der Beamten auf den Briten wurde gefilmt und sorgte auf Twitter und Facebook für eine Welle der Empörung, die wenige Tage später zur Versetzung der Haia-Mitglieder führte.

          Auch wenn das autoritäre Königreich auf den Listen, mit denen Nichtregierungsorganisationen die Meinungsfreiheit in verschiedenen Staaten einschätzen, ganz unten rangiert, ist Saudi-Arabien bei der Nutzung der sozialen Medien Vorreiter in der arabischen Welt und bei Twitter sogar Weltspitze. Mehr als acht Millionen Saudis sind auf Facebook registriert, und das bei einer Einwohnerzahl von 27 Millionen. Drei Viertel der fünf Millionen Twitter-Nutzer verwenden ihre Mobiltelefone, um Zugang zu dem Kurznachrichtendienst zu erhalten. Davon profitieren auch Zeitungen wie die „Saudi Gazette“, deren Story über die Übergriffe der Religionspolizei ohne den Druck aus dem Netz nie eine solche Schlagkraft hätte entwickeln können, dass die Beamten bestraft wurden.

          Der Wille zur Veränderung liegt in der Familie

          „Die sozialen Medien haben die Verhältnisse vom Kopf auf die Füße gestellt“, sagt Somayya Jabarti. „Rechenschaftspflicht“, nicht Demokratie oder Freiheit ist das Schlagwort, das sie am häufigsten nennt, wenn sie für Veränderungen wirbt. Für das Treffen nach Redaktionsschluss hat sie in das Büro ihres Vorgängers Khaled Almaeena geladen. Eigentlich stünde das große Chefzimmer nun ihr zu. „Aber es ist so unlogisch weit weg vom Geschehen, dass ich völlig abgeschnitten wäre von dem, was in der Redaktion passiert.“ So behielt sie ihr altes Büro, in dem die Wände voller Zeitungsausschnitte hängen.

          Der Flughafen von Dschidda. Die saudi-arabischen Hafenstadt gilt als verhältnismäßig liberal.

          Nah an den Geschehnissen zu sein und so viele Fragen zu stellen, wie man will, ist Somayya Jabartis journalistisches Credo: „eine Lizenz zur Neugierde“. Druckreif sind die Sätze, die die Tochter zweier Wissenschaftler spricht, engagiert ihr Auftritt. Sie neige dazu, „extrem zu sein“, sagt sie lächelnd; etwas anderes bleibt ihr auch kaum übrig in der von Männern dominierten Gesellschaft. Immerhin fünfzehn Frauen arbeiten inzwischen neben ihr bei der Zeitung, allerdings getrennt von den männlichen Redakteuren in einem eigenen Newsroom.

          Dass ihre Kindheit und Jugend in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien Somayya Jabarti geprägt haben, gibt sie offen zu. Ihre Mutter war die erste Frau in Saudi-Arabien, die in Mathematik promovierte. „Sie hat uns immer ermutigt, den Mund aufzumachen“, erinnert sich die Journalistin. Als ihre Familie aus England zurückkehrte, war sie fünfzehn Jahre alt und musste auf eine Mädchenschule gehen. Dort begehrte sie zum ersten Mal auf. Nur widerwillig fügte sie sich ein, heiratete früh und studierte nach einem kurzen Versuch in Medizin europäische Sprachen und Literatur. Ein erster Abstecher brachte sie zur „Saudi Gazette“, ehe sie Englisch unterrichtete.

          Chefposten auf Zeit?

          Das marode Bildungssystem hält sie für das größte Problem ihres Landes, die überstürzte Nationalisierungspolitik für einen Fehler. Solange einheimische Lehrer nicht die nötigen Qualifikationen hätten, sollten sich weiter ausländische Fachkräfte um die Kinder kümmern - schließlich seien Schulen die Orte, an denen Wandel beginne. Die Entscheidung, nach ihrer Tochter keine weiteren Kinder großzuziehen, traf sie bewusst. „Wenn wir die Bildung auf die richtige Spur bringen, regelt sich alles andere von allein.“ Weil sie die starrköpfige, reformunwillige Bürokratie nicht mehr ertrug, stieg sie nach fünf Jahren im Schuldienst aus und landete wieder im Journalismus. 2012 dann holte ihr Vorgänger sie von der „Arab News“ zur „Saudi Gazette“. Als Khaled Almaeena sie im Februar den Lesern als seine Nachfolgerin vorstellte, begründete er das mit ihrer Leistung und nicht als Ergebnis einer Frauenquote. Sie lobt ihn als „progressiven Führer“.

          Dass sie die neue Rolle an der Spitze der Zeitung nutzen will, um ihre intolerante und erstarrte Gesellschaft aufzurütteln, ist offensichtlich. „Diese Position würde keinen Sinn ergeben, wenn sich dadurch nicht andere Türe öffnen“, sagt sie. Neben dem Bildungssektor sei das von Religionshütern gelenkte Justizsystem das Haupthindernis für Fortschritt. In vielen Artikeln seien seit ihrem Amtsantritt aber auch das Arbeits- und das Gesundheitsministerium für Missstände angegriffen worden. Bei der Beschreibung macht sie nicht halt, es gehe darum, „die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen: Sie müssen gefeuert werden.“

          Über ihren Einfluss macht Somayya Jabarti sich keine Illusionen. „Um Wandel herbeizuführen, bedarf es einer großen kollektiven Anstrengung, und die wird nicht ohne Turbulenzen vonstattengehen“, sagt sie. Bis an die Grenzen des Erlaubten will sie gehen. Die aber sind unscharf und kosteten liberale Mitstreiter Somayya Jabartis wie Jamal Khashoggi, der 2003 als Chefredakteur der Tageszeitung „al Watan“ den Einfluss des religiösen Establishments kritisierte, nach wenigen Wochen den Job. „Nur Gott weiß, wie lange ich diese Stelle behalten werde“, sagt auch Somayya Jabarti. Ihr Ziel ist es, so lange wie möglich zu bleiben, „um so viel wie möglich zu ändern“.

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