https://www.faz.net/-gqz-9bqs7

Satireprojekt „Wahrewelle.tv“ : Claus Klebers Entlarvung als Reptiloid

  • -Aktualisiert am

Sicherheitshalber heißt es am Ende jedes Films, man solle sich „keinen Scheiß erzählen“ lassen. Bild: bpb

Das Satireprojekt „Wahrewelle.tv“ tappt wirklichkeitsfern durch die Welt der selbsternannten Wahrheitsfinder im Netz. Es ist also alles so unlustig wie immer, wenn eine Behörde mit Ironie spielt.

          3 Min.

          Manchmal haben auch Richter gut lachen, etwa über einen knuffigen Werbespot aus dem Jahr 2005, in dem ein „Bild“-Käufer von einem zu Scherzen aufgelegten Trinkhallenbetreiber die „taz“ vorgelegt bekommt und die Welt nicht mehr versteht, bis sich alles in Gelächter auflöst (Nachsatz: „taz ist nicht für jeden“). Der Bundesgerichtshof entschied am 1. Oktober 2009, dass dieser Spot „keine unlautere Herabsetzung“ der Leserschaft des Sex-and-Crime-Blattes darstelle, nur weil man den Reingelegten vermeintlich prototypisch durch Unterhemd, Bierbauch, Hund und Schundstufengrammatik gekennzeichnet hatte. Wie dankbar war man den Richtern, dass sie uns ein wenig Humorkompetenz zutrauten. Man konnte damals ja kaum ahnen, dass die Boulevardpresse noch gar nicht den Endpunkt markierte. Heute wuchern sogenannte News-Seiten selbsternannter Wahrheitsfinder im Netz und verbreiten hochpotenzierten Blödsinn mit erstaunlich oft rechter Einfärbung. Kann man darüber noch lachen?

          Satirefilmchen im Stile bekannter Fernsehformate

          Man kann und soll, dachte sich die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Die wird vom Bundesinnenministerium beaufsichtigt und hieß tatsächlich einmal – dafür ist der höchstwahrscheinlich von Marsmenschen in die Regierung eingeschleuste Horst Seehofer jedoch kaum verantwortlich, aber wer weiß – „Bundeszentrale für Heimatdienst“. Für den Pseudo-Sender „www.wahrewelle.tv“ ließ man hier sechs kurze Satirefilmchen im Stile bekannter Fernsehformate produzieren. Da findet sich etwa der Shoppingkanal REA51, der Aluregenschirme verkauft (nur gegen Gold), da weist die Wettervorhersage auf Chemtrails hin, da berichtet „Frontal 23“, das ZDF habe mit einem Ü-Wagen „fünfunddreißig langbärtige Salafisten“ nach Oberhausen geschleust: „Damit sollte die Ruhrpottmetropole wohl islamisiert werden.“

          „Wahrwelle.tv“ widmet sich den großen Verschwörungstheorien unserer Zeit. Mit dabei: Die Suche nach den „wahren“ Tätern von 9/11
          „Wahrwelle.tv“ widmet sich den großen Verschwörungstheorien unserer Zeit. Mit dabei: Die Suche nach den „wahren“ Tätern von 9/11 : Bild: dpa

          Martin McFly rast derweil „Zurück in die Jewkunft“, damit der hier stramm antisemitische „Doc“ die Fälschung der „Protokolle der Weisen von Zion“ mit eigenen Augen sieht – und trotzdem weiter daran glaubt. Im Stil einer Daily Soap unterhalten sich in einem anderen Clip zwei Frauen darüber, dass die Welt vermutlich eine Scheibe ist. Es ist also alles so unlustig wie immer, wenn eine Behörde mit Ironie spielt. Am Ende jedes Films steht der Hinweis „Lass Dir keinen Scheiß erzählen“. Nur dafür wird hier also all der „Scheiß“ erzählt. Die umgebenden Anzeigen führen sämtlich zu dem brauchbaren, aber schlichten Informationsangebot zum Thema Verschwörungstheorien.

          Um ihren Honigtopf zu bewerben tat die Bundeszentrale, was man gerne tut in solchen Fällen: Sie lancierte einen nicht als Satire gekennzeichneten (aber dennoch zu solchen Vermutungen einladenden) Trailer bei Facebook, der einige Likes bekam. Das kommunizierte man wiederum als subversive Aktion an die traditionellen Medien, die auch brav über den gelungenen Coup berichteten. Dabei ging weitgehend unter, wie verkniffen die Drehbücher der zum Fremdschämen schlecht gespielten Clips sind. Ihre Betrachtung lässt nur einen Schluss zu: Öffentliche Informationsanbieter mit belehrendem Anspruch sollten einfach die Finger von Satire (und vermeintlicher Facebook-Unterwanderung) lassen.

          Parodien gibt es in den Weiten des immer mehr zum Klingelstreichmedium verlotternden Internet ohnehin längst mehr als genug, so dass sogar die gelungenen, man denke an Jan Böhmermanns aufwendig produzierte Fakes, inzwischen fast so sehr nerven wie die Selbstausstellungen der eigenen Dummheit von „Truthern“ oder „Reichsbürgern“. Kommt aber noch eine knüppeldicke, von Fachleuten geprüfte Moral hinzu, wird aus Redundanz die pure Peinlichkeit. Das geht dann so: Nachdem in der Ratgeber-Sendung „Such den Sündenbock“ der Arzt „Islamisierung“ bei Dennis festgestellt hat (verräterische Blutkörperchen in Halbmondform; außerdem gibt die Mutter zu, „Tagesthemen“ geschaut zu haben), wird noch die Heilung gezeigt: Dennis als schulbefreiter Internet-Zombie, der das Haus nicht mehr verlässt und nur noch deutsche Schlager hört. Himmel! Damit erweist man den Esoterik-Rechten einen Heimatdienst.

          Warum war die „taz“-Reklame so lustig? Weil sie so nah an der Wirklichkeit gebaut war. Und weil das Gegenüber ganz entgegen der Wahrnehmung im Axel-Springer-Haus eben nicht diskreditiert wurde. Was an dem lachenden Onkel sympathisch war, ging sogar auf Kosten der leicht hochnäsig rüberkommenden „tageszeitung“. Die Bundeszentrale für politische Bildung, für die anders als für die „taz“ gilt: bpb ist für jeden, wollte keinerlei Risiko eingehen. Sie hat, weil sie der jungen Generation offenbar gar nichts mehr zutraut, alle Inhalte dermaßen absurd übersteigert, dass man sich die Gegenseite, über die ja hier gelacht werden soll, nur als komplett geistig umnachtete vorstellen kann. Das aber ist schlicht nicht witzig. Dabei liegt viel echte Komik darin, wenn etwa Claus Kleber, unser Captain Future im hyperdigitalen Studio, bei Facebook als Reptiloid entlarvt wird, auch, weil das so gut passt wie die Faust aufs zweite Auge. Kurz: Mehr Humor bitte, weniger Satire.

          Weitere Themen

          Weit weg von Demokratie

          Brief aus Istanbul : Weit weg von Demokratie

          Nach Erdogans Reformversprechen hofften viele zumindest auf ein milderes Klima. Nun verhallt es, kaum dass es ausgesprochen ist. Dafür tönt ein Schwerkrimineller, der unverhofft aus dem Gefängnis entlassen wurde.

          Türkiye’de koalisyonun yeni ortağı: Mafya

          İstanbul’dan mektuplar : Türkiye’de koalisyonun yeni ortağı: Mafya

          Erdoğan’ın “reform” iddiasının raf ömrü, ortağının Çakıcı’yı meydana çıkarması kadarmış. Gıkını çıkaranı kapıya koyan Erdoğan’ın “Yeni Türkiye”sine yaşananlar 90’lardan çok da farklı değil. Bir tek “Beyaz Toros”larımız eksik, onların yerini alan siyah panelvanlarımız var zaten.

          Topmeldungen

          Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Ende November nach einer Kabinettsitzung in Ankara

          Brief aus Istanbul : Weit weg von Demokratie

          Nach Erdogans Reformversprechen hofften viele zumindest auf ein milderes Klima. Nun verhallt es, kaum dass es ausgesprochen ist. Dafür tönt ein Schwerkrimineller, der unverhofft aus dem Gefängnis entlassen wurde.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.