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Satirejubiläum : Böser Verdacht: „Titanic“ nimmt uns nicht ernst

Selbstzitat 2005 Bild: Titanic

Von Zonen-Gaby, Genschman und dem badenden Herrn Engholm: Zum dreißigsten Geburtstag des Satiremagazins widmet das Frankfurter Museum für Komische Kunst dem Blatt eine schön bösartige Ausstellung.

          3 Min.

          Was machen eigentlich die Freunde gespielter Empörung, die vor nunmehr vierzehn Jahren, am 2. Juni 1995, in Bremerhaven ihren ersten Kongress durchführten? Damals schrien Damen und Herren mit hochroten Köpfen aufeinander ein und traten vor Wut derart kräftig gegen die Wände, dass alle Bilder in Schieflage gerieten. Leider hat Ernst Kahl, der uns diese Szene überliefert hat, nicht festgehalten, was die Empörung seinerzeit auslöste. Aber wenn man sich umsieht im Frankfurter Museum für Komische Kunst, könnte man leicht auf den Gedanken kommen, dass es Zeichnungen wie ebendiese von Kahl gewesen sind. Sie erschien in der monatlich publizierten Satirezeitschrift „Titanic“ unter der Rubrik „Vergessene Großereignisse“.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die „Titanic“ war in den nunmehr dreißig Jahren ihres Bestehens für manchen Ärger gut. Fünfunddreißig Hefte mussten nach Gerichtsentscheidungen vom Markt genommen werden. Daran erinnert in der Jubiläumsschau, die das Museum nun ausrichtet, nur ein einziges Objekt, allerdings das größte: In einer Ecke ist eine Badewanne hochgekachelt worden, exakt jenem Genfer Exemplar nachempfunden, in dem Uwe Barschel 1987 zu Tode kam. Mittels Fotomontage hatte die „Titanic“ im April-Heft 1993 einen grinsenden Björn Engholm dorthinein appliziert und darunter geschrieben: „Sehr komisch, Herr Engholm!“ Das fand der damalige SPD-Vorsitzende gar nicht und verklagte das Blatt erfolgreich. In der Frankfurter Ausstellung werden die Besucher nun aufgefordert, selbst in der Wanne Platz zu nehmen, sich ablichten zu lassen und „Titanic“ dann auf 20.000 Euro Schmerzensgeld zu verklagen - „SPD-Mitglieder das Doppelte“.

          Toleranter Kohl

          In Sachen Geschmack ist „Titanic“ grenzenlos, und dennoch ist etliches am Zorn über die mehr oder minder geglückten Scherze wohl tatsächlich Folge gespielter Empörung. Leuchtendes Beispiel für eine tolerante Haltung ist dagegen der Mann, den das Heft „Birne“ nannte: Helmut Kohl. Die Ausstellung kann deshalb mehr als fünfzig Titelbilder zeigen, die den Altkanzler verspotteten; gegen keines ist Kohl juristisch vorgegangen. Er wusste, dass ihm Spott eher nutzte.

          Selbstzitat 2005 Bilderstrecke

          Das ist der Fluch von Satire, und Birne Kohl wurde deren Erfindern Pit Knorr und Hans Traxler bald zu populär, als dass er weiter dem humoristischen Anspruch der „Titanic“ hätte genügen können. Er verschwand deshalb ebenso schnell wieder aus dem Heft wie „Genschman“, die Superheldenparodie, die Hans Zippert, Christian Schmidt und Achim Greser 1989 auf den damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher schrieben. Damals hallte der Buchmessenstand der „Titanic“ vom Lärm der Genschman-Gesänge wider; wenige Monate später lief die Serie aus, als nicht nur die FDP, sondern auch die „Bild“-Zeitung vom Hype darum zu profitieren versuchte.

          Wer „Genschman“ heute wiedersehen will, muss hoch hinaus im Museum für Komische Kunst - bis in den zweiten Stock, wo sonst die Hausheiligen F. K. Waechter, Hans Traxler, Chlodwig Poth, Robert Gernhardt und F. W. Bernstein, also die fünf Zeichner der Neuen Frankfurter Schule, ihre eigenen Abteilungen haben. Die sind nun etwas ausgedünnt worden, denn natürlich muss auch dokumentiert werden, wie in der öffentlichkeitswirksamsten Aktion der Blattgeschichte der „Titanic“-Redakteur Bernd Fritz 1988 Thomas Gottschalk hereingelegt hat, als er in „Wetten, dass ...?“ behauptete, Buntstifte am Geschmack erkennen zu können. Auch die von Jörg Metes erdachte fiktionale Werbekampagne für „Echtes Geld“, die vier Jahre lang die Leser verzauberte, hat hier ihren Platz gefunden. Und natürlich stammen alle Originale, die derzeit von Bernstein, Gernhardt, Poth, Traxler und Waechter gezeigt werden, auch aus der „Titanic“. Außer Bernstein gehörten sie nämlich alle zu den Gründern von „Titanic“.

          Noch nicht Kanonisiertes

          Wer von der Schau eine ausführliche Blattgeschichte erwartet, wird enttäuscht. Die „Titanic“ will lieber überraschen, und so gibt es manches von den insgesamt 135 am Eingang namentlich genannten Mitarbeitern, was noch nicht kanonisiert ist: Rudi Hurzlmeiers Zukunftsvisionen etwa, die er unter dem Pseudonym Nic Schulz gemalt hat, Stefan Rürups bösartige Karikaturen oder Hauck & Bauers Vignetten, die das Heft seit einigen Jahren zieren.

          Aber der Klassiker hat es auch viele: Greser & Lenz sind mit einer großen Werkgruppe vertreten, Nicolas Mahler brilliert mit seinen minimalistischen Comics und Cartoons, und abermals im Obergeschoss hat man ein Denkmal errichtet, auf dem Hunderte von Eckhard Henscheid verdammte Doppelnamen deutscher Frauen aufgelistet werden - „die Realisierung des wohnblockgroßen Monuments scheiterte bislang an den hohen Granitpreisen“ steht neben dem nun aus Plastik ausgeführten Mahnmal.

          Ja, es gibt reichlich Stoff für gespielte Empörung. Und einige ganz ernstgemeinte Empörung gibt es auch zu hören, gleich im Erdgeschoss, wo Aktionen der letzten zehn Jahre dokumentiert werden. Dort laufen auf einer der erfreulich zahlreichen Hör- und Videostationen Mitschnitte der Protestanrufe erzürnter „Bild“-Leser, als die Boulevardzeitung darüber berichtet hatte, dass „Titanic“ einen getürkten Bestechungsversuch vor der Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006 an Deutschland durchgeführt hatte. „Sie sind Schweine, wissen Sie das auch?“, tönt es aus den Kopfhörern. Da war eine Leserin vor 21 Jahren zurückhaltender, als sie nach dem „Wetten, dass ...?“-Schwindel an die Redaktion schrieb: „Bitte gehen Sie nicht mehr zum Fernsehen, sonst kann man ja gar nichts mehr glauben.“ Daran hat sich die „Titanic“ gehalten; das Heft aber erscheint weiter.

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