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Satire im Ersten : Die Schlange im Shangri La der letzten Tage

  • -Aktualisiert am

Anneliese Behrens (Hannelore Elsner, li.) und Susanne Neuendorff (Anneke Kim Sarnau) auf der Fullmoonparty. Bild: BR

Eine Verbindung von Charme und Satire: Mit „Die Diva, Thailand und wir!“ zeigt die ARD ein glänzend besetztes Generationenstück über eine irrwitzige Mutter-Tochter-Beziehung.

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          Es gibt ein Land, das ist der Traum aller Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen. Ein Land, in dem den Gebrechlichen jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird und es als ehrenwerte Aufgabe gilt, Greisen mit schmalem Budget den Lebensabend zu verschönern. Wo nicht um fünf Uhr Schließzeit ist und man Krankenhausbetten in neonerleuchteten Zweibettzimmern, ungewürzte Breikost eher mit Haft in Verbindung bringen würde als mit einem Standard-Altenwohnheim in Deutschland. Wo die Einteilung in Pflegestufen Entsetzen hervorrufen würde und der Vorschlag, Betagten Prostituierte auf Rezept mit Steuergeldern zu spendieren, befremden, weil es genügend Freiwillige gibt, die an Alterserotik Gefallen finden. Dieses Shangri La der letzten Tage liegt in Thailand, ist eine luxuriöse „Wellness Residence“ und die letzte Rettung für Susannes Pläne (Anneke Kim Sarnau).

          Susanne, patent, durchgetaktet, kontroll- und harmoniesüchtig, hat ein spontanes Problem. Es heißt Anneliese (Hannelore Elsner), ernährt sich vorzugsweise von Wodka Lemon, ist kapriziös, stets pelzverhüllt, und ihr Domizil ist neuerdings zwangsgeräumt. Anneliese ist Ex-Operndiva, mehrfache Ex-Ehefrau, der heimelige Typ war sie nie. Entsprechend fällt der Erstkontakt beim Arzt aus. Frostig. „Neue Frisur? Steht dir nicht.“ „Habe ich seit vier Jahren.“ In diesem Mutter-Tochter-Drama fällt der Apfel ganz weit weg vom Stamm. Plötzlich, nachdem das Krankenhaus Susanne über die hilflose Ohnmacht der Frau, die sie ins Internat abschob, in Kenntnis gesetzt hat, heißt es: Wohin mit Mutter? Kurzzeitpflege? Sechs Monate Wartezeit. Irre Preise. Ehemann Frank (Marcel Mohab) entwickelt mit Susanne rettende Ideen: „Auftragskiller?“ „Totschlag im Affekt?“. Diät vom Kugelfisch oder Entsorgen in der Kiesgrube? Erst einmal raucht Anneliese das Kinderzimmer neblig und hört sich selbst als „Königin der Nacht“ in Endlosschleife.

          Frank (Marcel Mohab) entwickelt mit Susanne (Anneke Kim Sarnau) Ideen:  „Auftragskiller?“ „Totschlag im Affekt?“
          Frank (Marcel Mohab) entwickelt mit Susanne (Anneke Kim Sarnau) Ideen: „Auftragskiller?“ „Totschlag im Affekt?“ : Bild: BR

          Thailand ist ein La La Land, ein Paradies der Wunschträume

          „Thailand sehen und sterben“ hieß die Mittwochs-Tragikomödie „Die Diva, Thailand und wir!“ mit Arbeitstitel, was treffender und fast so schwarzhumorig klingt wie viele der treffsicheren Dialog-Schlagabtausche in diesem glänzend besetzten und formidabel gespielten Generationenstück. Vielleicht wollte man keine Krimi-Assoziationen wecken. Denn um das Sterben geht es nicht in dem von Aglef Püschel und Franziska An der Gassen geschriebenen Drehbuch. Obwohl Susanne ihrer Callas-Wiedergeburt von Mutter permanent an die Gurgel zu gehen wünscht. Und trotz des verheimlichten Hirntumors ebendieser. Die Regie von Franziska Buch macht auch kein Problemstück als sozialen Kommentar zur Lage der Altenpflege aus dem Stoff. Das Thailand, das hier in den glühendsten subtropischen Farben bildlich geschildert wird (Kamera Konstantin Kröning) ist ein La La Land, ein Paradies der Wunschträume, wie es sich nur die Satire ausdenken kann, die ja schon per Definition mit Idealen zu tun hat.

          Mit Party-Sonnenbrille und guter Laune in Thailand unterwegs. Noch, denn Susanne (re.) will ihre Mutter in die „Wellness Residence“ abschieben.
          Mit Party-Sonnenbrille und guter Laune in Thailand unterwegs. Noch, denn Susanne (re.) will ihre Mutter in die „Wellness Residence“ abschieben. : Bild: dpa

          Die Schlange im Paradies heißt Anneliese. Mit Abschieben hat das nichts zu tun, findet Tochter Susanne, als sie Mutters Unterschrift zur Aufnahme in die „Wellness Residence“ fälscht und sich klammheimlich auf den nächsten Todesfall freut, der den Platz frei macht. Inzwischen kommen sich Alois Strasser (Karl Fischer), österreichischer Pensionär in situ mit Appetit aufs Leben, und die Opernsängerin näher. Dem umgehenden Versinken im Altersglühen aber sei der spitzzüngig ausgetragene Generationenkonflikt zwischen Mutter, Tochter und Enkelin vor. Leni lernt von Oma das Feiern auf der Beach-Party. Und die durchorganisierte Susanne lässt nach dem Genuss berauschender Pilze die Sau raus. Ehemann Frank ist nach dem ersten richtigen Streit seit Jahren da schon längst als glücklicher Eremit an den Strand gezogen.

          Scharf, aber nicht unerträglich absurd

          Wenn die Verbindung von Charme und Satire ein österreichisches Alleinstellungsmerkmal sein sollte, dann hätte man in dieser Kooperation von ORF und BR einen schlagenden Beweis. Schön böse ist „Die Diva, Thailand und wir!“, scharf, aber nicht unerträglich absurd, familienfreundlich, vorhersehbar und ein großes Vergnügen. Hannelore Elsner und Anneke Kim Sarnau spielen nicht zum ersten Mal Mutter und Tochter. In Stefan Krohmers Debüt „Ende der Saison“ starb Elsners Figur an Krebs, die Tochter sah sich in der Pflicht. Hier wiederholt sich die Geschichte als Farce. Doch selbst über die Friede-Freude-Pflegeheimlösung des Endes kann man sich nicht unbeschwert freuen. Das nennt man dann wohl, nicht nur in Nestroy-Österreich, Komödie mit Tiefgang.

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