https://www.faz.net/-gqz-156pi

„Satire Gipfel“ im Ersten : Keine Atempause, Kabarett wird gemacht

Neuer Titel, altes Programm: Mathias Richling Bild: rbb

Hildebrandt mag's gefreut haben: Der „Satire Gipfel“ von Mathias Richling bot trotz der Comedians konventionelles Kabarett. Selbst die Parodie Richlings auf unseren neuen Broadway-Star Guttenberg wollte nicht recht zünden.

          3 Min.

          Druck, hatte Mathias Richling vor der Sendung behauptet, besonderen Druck verspüre er keinen. Dabei war der Mann gewiss nicht zu beneiden. Er musste nicht nur, nachdem ihm Dieter Hildebrandt den Titel „Scheibenwischer“ entzogen hatte, binnen zwei Wochen ein neues Sendekonzept, einen neuen Namen samt neuem Vorspann und neuer Titelmusik präsentieren. Durch den so heftigen wie hässlichen Streit mit Hildebrandt (siehe: Kabarett-Zwist: Auf die Enterbung folgt der Vatermord) musste Richling seinen Plan, die alte ARD-Kabarettsendung behutsam zu modernisieren, um die Vorgabe erweitern, die alarmierten Gesinnungspolizisten seiner Zunft davon zu überzeugen, dass hier ja nicht vom rechten, also in diesem Falle eher linken, politisch-kritischen Weg abgewichen werde. Und nachdem der Oberwachtmeister Hildebrandt ihm, der vor zwanzig Jahren in seiner ersten eigenen Fernsehsendung aufgetreten war, die Befähigung zur Leitung einer solchen abgesprochen hatte, sah sich Richling in seinem allerersten „Satire Gipfel“ praktisch in die Rolle des Debütanten gedrängt.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vielleicht hatte er deswegen sein Maskottchen mitgebracht. Mit der Ulla, weniger Vertrauten als Gesundheitsministerin Schmidt bekannt, saß das politische Alter Ego des Parodisten wie schon häufiger bei Richling inmitten des um kleine Tische mit roten Schirmlämpchen gruppierten Studiopublikums und lachte stets herzhaft, wenn die Kamera zu ihr linste. Für den Glanz sorgte aber der Gastgeber, der sich den Zuschauern ganzkörperschimmernd präsentierte: Pomade im Haar, Sakko mit Lackrevers, rotleuchtende Lederkrawatte - und von der ersten Sekunde an mit Gesichtshaut der höchsten Feuchtigkeitsstufe. Richling sah aus, als habe er erst im letzten Moment die Studiotür gefunden, was entweder gelungene Maskerade war oder die anschauliche Widerlegung seiner Beteuerung, nicht unter Druck zu stehen.

          Nur keine Pointen zelebrieren

          Im deutschen Kabarett mal gut durchzulüften, ist sicher keine schlechte Idee; doch ob es gleich in Hyperventilation ausarten muss? Sowohl bei seinem Anfangsmonolog als auch beim anschließenden Rededuell mit dem blassen Ingolf Lück hetzte Richling vom Papst über die Krise und den Amoklauf bis zur Abwrackprämie durch sämtliche nachrichtenrelevanten Themen. Keine Atempause, Kabarett wird gemacht: Bloß nicht den Eindruck erwecken, wie ein dahergelaufener Comedian Pointen zelebrieren zu wollen. Wobei die, die hier zu hören waren, allzu feierlich auch nicht waren. Erst Frank Lüdecke nahm kurz das Tempo heraus mit dem Satz, die neuen Verbandskästen gingen nur gegen Vorkasse auf. Ein Kalauer, doch das Publikum nahm die Einladung dankbar an, mal befreit lachen zu dürfen.

          Vom Neuanfang sollte auch eine neue Kulisse zeugen: In einem Newsroom wollte Richling das Publikum begrüßen. Bei der Premiere stand dann auch ein Schreibtisch mit Computer im Studio, allerdings nur irgendwie so im Weg herum. Platz auf dem Anchorman-Stuhl nahm niemand. Gewohnt zappelig mühte sich Richling, seinen und allen anderen Ansprüchen gerecht zu werden. Von Hildebrandt als egozentrischer Solist gebrandmarkt, reihte er mit seinen Partnern einen Dialog an den nächsten. Er schoss - aufgepasst, Herr Hildebrandt! - gegen Sozialdemokraten wie den Geschäftemacher Gerhard Schröder und den „Ökognom“ Peer Steinbrück. Und er demonstrierte klassisch kabarettistische Haltung, indem er Rechtsextremismus geißelte: „Die NPD ist die SS-Tätowierung, die Deutschland noch unter dem Arm trägt.“ Besonders glücklich indes schien es nicht, dass sich Richling bei seiner Forderung nach einem NPD-Verbot ausgerechnet auf den noch immer undurchsichtigen Fall des mit einem Messer verletzten Polizeichefs Mannichl bezog.

          Kraxeln durchs Mittelgebirge

          Statt des avisierten Gipfelsturms kraxelte man hier allenfalls durch kabarettistisches Mittelgebirge. Am überzeugendsten war noch das Jungtalent Philipp Weber, der sich etwa über den Begriff „Gemäßigter Taliban“ wunderte („jemand, der mit Kieseln steinigt?“), aber Weber kann mehr. Und auch Richling blieb unter seinen Möglichkeiten, selbst in seiner Abschlussparodie, in der er sich unseren neuen Broadway-Star Karl-Theodor zu Guttenberg vornahm: Löblich, weil dessen Amerika-Tournee in der Tat satirisches Potential bot, aber auch problematisch, weil Guttenberg als Figur noch nicht allzu präsent und damit parodistisch schwer zu packen ist.

          Während bei Richlings Glanznummern wie seinen Ulla-Schmidt-Persiflagen die Leute am Boden liegen, musste gestern niemand fürchten, vom Sitz zu kippen. Schon gar nicht Dieter Hildebrandt aus seinem heimischen Fernsehsessel. Den Zoff mit dem Kabarett-Übervater hatte Richling nur indirekt mit seinem Begrüßungssatz „Sie haben eine neue Satiresendung gewonnen“ erwähnt. So richtig freuen können wir uns nach der Premiere über diesen Gewinn noch nicht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der türkische Präsident mit seiner Ehefrau Emine in der Hagia Sophia

          Zukunft der Türkei : Kommt jetzt das Kalifat?

          Versperrte Wege: Wofür die Türkei dem Westen nicht mehr zur Verfügung steht und wohin sie unter dem „neuen Sultan“ treibt. Ein Gastbeitrag.
          Der Hauptangeklagte Stephan E. mit seinem Verteidiger.

          Geständnis von Stephan E. : „Es war falsch, feige und grausam“

          Eine schwere Kindheit, Jähzorn und Ausländerhass, der vom Vater übernommen sein soll. Nach dem Geständnis von Stephan E., Walter Lübcke erschossen zu haben, ist dessen Familie empört.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.