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„Mordkommission Berlin 1“ : Willkommen in der Berliner Unterwelt

Kommissar Paul Lang (Friedrich Mücke) kann sich seine Helfer nicht aussuchen. Doch was hat er mit der „Krokodil“-Bande zu schaffen? Bild: Sat.1

Wieso entdeckt Sat.1 die goldenen Zwanziger erst jetzt für den Krimi? „Mordkommission Berlin 1“ huldigt Ernst Gennat, dem Pionier der modernen Kriminologie: Endlich mal ein großer Mafia-Film made in Germany.

          Zu dieser Party ist der Kommissar eingeladen, aber er fühlt sich nicht wohl. Ihm reicht ein Blick, und er weiß, was im Varieté Irrgarten gespielt wird. Der Bürgermeister „möchte sich ein wenig die Nase pudern“, raunt der Clubbesitzer Viktor Parkov (Oliver Masucci) im Hintergrund einem Adlaten zu, während Kommissar Paul Lang (Friedrich Mücke) die illustre Gesellschaft taxiert, die sich auch noch ein paar weiteren Vergnügungen hingibt. Mittendrin sein Freund, Staatsanwalt Barnekow, der lieber ein Auge zudrückt, als Berlins organisierte Kriminalität aufzumischen. Die „Krokodile“, hinter denen Lang her ist, hielten sich doch an gewisse Regeln und damit lasse sich leben, meint Barnekow.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Am nächsten Morgen liegt er tot und zerpflückt in einem Becken. „Der Staatsanwalt, der die ,Krokodile‘ verknackt, landet bei den Krokodilen“, schnauzt Lang seinen Assistenten Conrad Ruppert (Frederick Lau) an, der meint, es könnte doch auch ein Unfall sein. Will heißen: Das ist kein Unfall und kein Zufall, sondern eine Kampfansage - an die Polizei, an die „Mordkommission Berlin 1“ und selbstverständlich auch an ihn persönlich.

          Irma Berger (Antje Traue) führt den angesagtesten Nachtclub der Stadt. In ihrem „Irrgarten“ verliert mancher den Kompass.

          An dieser Stelle haben wir von den Qualitäten, die diesen Fernsehfilm auszeichnen, schon einige gesehen: Schauspieler, die richtig in ihren Rollen stecken und richtige Charaktere spielen dürfen; eine überzeugende Kriminal-Handlung (Buch Arndt Stüwe und Benjamin Hessler), die noch mit einigen Volten aufwarten wird, ohne dass sie überdreht wirkte; und - digital unterfütterte - Bilder (Kamera Armin Franzen) aus dem Berlin der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, die Fülle und Farbe haben. Dieses Berlin ist das deutsche Chicago. Da sind Tableaus, bei denen man an Max Beckmann denkt, und Figuren, die Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ entstiegen scheinen. Sie werden von dem Regisseur Marvin Kren durch einen sehenswert kolorierten Großstadtdschungel und schließlich buchstäblich in den Untergrund gejagt, ansehnliche Explosionen und Schießereien in Mannschaftsstärke inklusive.

          Und der Beigaben gibt es noch mehr. So ist die Hauptfigur des Kommissars Lang dem legendären Kriminalisten Ernst Gennat nachempfunden, der in Deutschland als Erster für moderne Ermittlungsarbeit sorgte. Spurensicherung, Beweisaufnahme, Gerichtsmedizin, ja sogar das, was man heute „Profiling“ nennt, also das Studium der Täterpsyche, gehen auf Gennat zurück, der im Laufe seiner Karriere 95 Prozent der seiner „Zentralen Mordinspektion“ übertragenen Fälle aufklären konnte - 298 Morde waren es insgesamt. Sogar die erste Fernsehfahndung leitete dieser Ernst Gennat (der sich von den Nazis fernhielt) ein. 1938 war das, ein Jahr vor seinem Tod. Wie Gennat arbeitete, das interessierte schließlich sogar Schriftsteller wie Heinrich Mann und Regisseure wie Charlie Chaplin und Edgar Wallace. Zu dem realen Vorbild der Geschichte von der „Mordkommission Berlin 1“ zeigt Sat.1 nach dem Fernsehfilm eine Dokumentation.

          Kriminalkommissar Paul Lang (Friedrich Mücke, r.), sein Assistent Conrad Ruppert (Frederick Lau, M.) und Sekretärin Masha Kampe (Emilia Schüle, l.) bekommen es mit dem organisierten Verbrechen zu tun.

          Aus der Figuren-Vorlage machen die Drehbuchautoren das Beste, und sie schöpfen aus der Historie. Schließlich hatte das Berlin der zwanziger Jahre eine Mafia, wie man sie aus dem amerikanischen Kino kennt und erst jetzt in einem deutschen Fernsehfilm findet. Die Berliner Mafia, das waren die sogenannten Ringvereine, zunächst gebildet von ehemaligen Sträflingen oder Soldaten, die arbeitsteilig vorgingen, Bereiche des illegalen Geschäfts unter sich aufteilten und ihr eigenes Versorgungssystem unterhielten.

          Victor Parkov führt einen solchen Ringverein an: Besagte „Krokodile“ sind ehemalige Frontsoldaten, die sich geschworen haben, dass sie niemals mehr für irgendwelche Autoritäten, sondern nur noch für sich selbst kämpfen. Parkovs Vorgänger, Immanuel Tauss (Tobias Moretti), ging dabei äußerst rücksichtslos vor. Er legte keinen Wert auf eine legale Fassade. Er zögerte und verhandelte nicht, er tötete, erklärt Kriminalassistent Ruppert der Sekretärin Masha Kampe (Emilia Schüle), die alles ganz genau wissen will. Warum, das geht dem verliebten Ruppert etwas spät auf. Dieser Tauss sitzt im Knast, weil ihn Parkov verpfiffen hat, und will Rache nehmen. Rache an Parkov und an Kommissar Lang. Dessen Familie hat Tauss schon ermordet, jetzt nimmt er die Varieté-Besitzerin und Sängerin Irma Berger (Antje Traue) ins Visier. Dass der in Einzelhaft sitzende Tauss sich auf seine Helfershelfer draußen verlassen kann, haben wir schon zu Beginn gesehen - am Beispiel des Staatsanwalts, der bei den Krokodilen landet.

          Die Damen und Herren bitten zum Tanz: Emilia Schüle, Frederick Lau, Friedrich Mücke, Tobias Moretti, Oliver Masucci und Antje Traue (von links)  bilden das Ensemble von „Mordkommission Berlin 1“.

          Mit „Mordkommission Berlin 1“ liefern die Produzenten Quirin Berg und Max Wiedemann bei Sat.1 ein Stück ab, dem es an nichts mangelt. Es bietet eine packende Story, überzeugende Figuren, eine starke Besetzung, satte Bilder und hat dabei noch Zeit für kleine Ausflüge in die Zeitgeschichte (in einer Szene fliegt der erste Zeppelin über Berlin, in einer anderen boxt der junge Max Schmeling), so dass man sich denkt: Wären nicht gerade die ARD, Sky und die Firmen X-Filme und Beta Film auf die Idee gekommen, mit „Babylon Berlin“ unter der Regie von Tom Tykwer eine entsprechende Serie zu produzieren - hier wäre der Stoff, aus dem man etwas Derartiges machen könnte. Und am Ende, nach immerhin zwei Stunden und einem mit allen Regeln der Kunst inszenierten Showdown, wüsste man gerne, wie es mit den Figuren, die noch am Leben sind, weitergeht. Vorhang auf für den nächsten Auftritt im Varieté Irrgarten.

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