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„Die Ketzerbraut“ auf Sat.1 : Genoveva berlinert sich durchs Mittelalter

Was hat man ihr nur angetan? Ruby O. Fee als und in „Die Ketzerbraut“ Bild: Sat.1

In der Verfilmung von „Die Ketzerbraut“ des Autoren-Duos „Iny Lorentz“ zeigt Sat.1 eine Phantasie-Epoche aus Historienschwartenland.

          3 Min.

          Womit haben wir das eigentlich verdient? Nach drei Teilen „Wanderhure“ jetzt also auch noch „Die Ketzerbraut“, ebenfalls basierend auf einem dicken (720 Seiten) Roman des Autorenduos, das sich Iny Lorentz nennt. Ebenfalls verfilmt von Sat.1, ebenfalls mit einer ansehnlichen jungen Dame im Mittelpunkt, die sich so lange gegen alle Konventionen ihrer Zeit stellt, bis ihre Verhaltensweisen weitgehend an unser modernes Raster angepasst sind, was in Historienschwartenland gemeinhin als Happy End angesehen wird.

          Andrea Diener
          Korrespondentin im Main-Taunus-Kreis

          Diesmal handelt es sich um die junge Genoveva (gespielt von Ruby O. Fee, die sich mit rotzigem Görenslang durchs Spätmittelalter berlinert), Tochter eines Münchner Glashändlers, der ein großer Verehrer Leonardo da Vincis ist. Das spricht für ein ziemliches Insiderwissen bei einem einfachen Bürger, denn Leonardo hat zu Lebzeiten im Gegensatz zu anderen Gelehrten keine seiner Schriften veröffentlicht und demnach kaum Wirkung auf seine Zeitgenossen, aber egal.

          Fernsehtrailer : „Die Ketzerbraut“

          Wie Mona Lisa in schlecht und nackt

          Genoveva könnte eigentlich ganz bequem vor sich hin leben und im tiefdékolletierten Prunkgewand milde Gaben an Bedürftige verteilen (in Historienschwartenland gehen immer alle im Abendkleid zum Brötchenholen), wie sie es eingangs tut, doch dann wird ihre Familie ermordet und sie selbst von Übeltätern in Ketzermasken vergewaltigt. Daraufhin sinnt sie auf Rache und setzt auf die Hilfe ihres Jugendfreundes, des Malers Ernst Rickinger (Christoph Letkowski), der aber schwer verknallt in sie ist, was das dumme Kind natürlich auch dann nicht mitbekommt, als er sie nackig porträtiert. (Kunsthistoriker atmen jetzt bitte kurz in eine Tüte.) Das Ergebnis sieht aus wie Mona Lisa in schlecht und nackt.

          Sie heiratet Ernst dann trotzdem, aber aus taktischen Gründen und weil es ihr mehr Rechte verleiht, was später zu einem reichlich seltsamen Dialog führt. Sie: „Warum küsst du mich? – Er: „Du hast mich geheiratet.“ – Sie: „Aber doch nicht aus Liebe!“ Dass Ernst reformatorischen Ideen anhängt und mit dem Luther klüngelt, bekommt sie auch lange nicht mit.

          Warum haust hier niemand in schiefen Fachwerkbutzen?

          Außerdem verbündet sich Genoveva mit der Frau eines Ritters, mit Walpurga von Gigging (stets dämonisch guckend: Elena Uhlig), die trotz Ehe haubenlos mit wildem roten Wallehaar herumläuft und trotzdem so vornehm ist, dass sie gut hundert Jahre vor Resteuropa ihr Fleisch mit der Gabel isst. Da weiß man gleich, dass mit der was nicht stimmt.

          Wo soll man da bloß anfangen? Man wünschte sich so sehr, jemand hätte den Machern wenigstens mal ein Bilderbuch über das Spätmittelalter in die Hand gedrückt. Dann liefen vielleicht nicht alle ständig um schicke Steinhäuser mit hübscher Patina herum, sondern hausten auch mal in fiesen, krummen Fachwerkbutzen bei Tranfunzellicht, wie es damals durchaus vorgekommen sein muss. Da können die Sünderinnen in ihren Käfigen noch so malerisch bei Fackelschein in den Gassen baumeln, in die jemand Stroh und ein halbes Bauernmuseum hindrapiert hat. Wie Mittelalter sieht das nicht aus.

          Was muss die arme Kaufmannstochter nach der Ermordung ihrer Familie und der Niederbrennung ihres Hauses noch alles ertragen? Bilderstrecke
          Was muss die arme Kaufmannstochter nach der Ermordung ihrer Familie und der Niederbrennung ihres Hauses noch alles ertragen? :

          Und da sind wir immer noch nicht bei den Dialogen, die zwischen zart angedeuteter Wirtshausdeftigkeit und Erklärsprech („Veva Leibert, du bist die Tochter eines reichen Händlers“) schwanken und keine rechte Mitte finden. In hölzern herumstehenden Herrengrüppchen werden mit bedeutungsvoll gesenkten Stimmen Intrigen besprochen, die im zweiten Teil mit reichlich herumrennenden Hellebardentypen und polternd umgeworfenem Mobiliar ihre Umsetzung finden.

          Drama wechselt sich mit Arglist ab, Arglist mit Drama, dazu hektisches Stromgitarrengeschrammel, wenn mal etwas brennt. Szenen, die sich potentiell für leisere Töne eignen, kleistert Streichermusik zu, dann folgt schnell wieder Action und Herumgeblute, damit sich keiner langweilt. Alle Regler stehen permanent auf Maximum, jede Regung plakativ, jeder Satz proklamierend, wir sind ja in Historienschwartenland, da herrscht die ewige Angst, der Zuschauer bekäme irgendetwas nicht mit, also malt man besser noch einen Hinweispfeil dran. Und noch einen: Da, schaut, wie böse er ist. Schaut, wie zwielichtig sie agiert. Und dann schnell weiter, wir haben diesmal keine drei Teile, das muss alles irgendwie in zwei Stunden passen, inklusive Emanzipation und Wandlung der Protagonistin.

          Nein, man lernt trotz Anwesenheit von Martin Luther himself (Adrian Topol) nichts über die Reformation und nichts über die Zeit des späten Mittelalters, nichts über Leben, nichts über Sitten, nichts über den Glauben. Und das im Reformationsjahr! Es werden aber auch keine heute noch gültigen Dilemmata verhandelt oder zumindest wirklich interessante Intrigen intelligenter Protagonisten wie in „Game of Thrones“. Es ist ein buntes Abenteuergeschichtchen, das niemandem wehtut und schön weit weg ist, aber leider ohne Witz oder wenigstens Piraten. Wer sich heil über die Angelegenheit hinwegretten will, der schaut am besten nur halb hin oder zählt Fehler, das immerhin ist ganz unterhaltsam und gibt einiges her.

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