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Sat.1-Western „In einem wilden Land“ : Wir Deutsche sind bessere Amis

Sprach der alte DDR-Indianer (Gojko Mitic, links) zum jungen Häuptling (Wesley French): Trau, schau, wem, hugh! Den weißen Siedlern aus dem Land von Karl May traut man besser nicht. Aber vielleicht ihren Frauen (Emilia Schüle)? Bild: Boris Guderjahn/Sat.1

Sat.1 traut sich was: einen Deutsch-Western zu erzählen, der 1844 spielt, aber Sprüche anno 2013 klopft. Und diese Flintenweiber und Preußenmachos! „In einem wilden Land“ ist der Kracher des Jahres.

          Eins vorweg: Die Landschaftsaufnahmen sind wirklich toll. Aber das Hinterland von Kapstadt kann ja auch nichts dafür, dass es die Wildwestkulisse gibt für ein Auswandererepos von Sat.1, so richtig mit Planwagen und Indianerangriffen. Nur die Bisons fehlen naturgemäß in Afrika, aber das ist immer noch besser, als hätte man sie so absurd schlecht ins Bild kopiert wie die Segelschiffe oder die springenden Delphine in der Szene, als die Einwanderer texanischen Boden betreten.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Da orakelt einer von „schweren Prüfungen“ und meint die Cholera, könnte aber auch über den Film reden, in dem er spielt und in dem gleich Pfeile, Kugeln und grausame Dialoge über die Pseudo-Prärie fliegen: Böser Indianer (zähnefletschend): „Die weißen Squaws sollen brennen!“ Alle Indianer (wild mit Kriegsbeilen fuchtelnd): Jihihihhjjijhihiji! Gefesselte Heldin mit den vollen Lippen: „Ich verfluche euch! Ahhhhhh!“ Guter Indianer: „Du bist still, weiße Frau.“

          Galoppierender Schwachsinn

          Ach, wenn sie es doch wäre. Aber Emilia Schüle, das „Wegwerfmädchen“ aus dem gleichnamigen „Tatort“ vom vergangenen Jahr, hat als Noch-schlesische-Weberwitwe und Fast-texanische-Indianerbraut Mila vor allem eine Aufgabe: mit „Jetzt-reicht’s-mir-aber-Mentalität“ den Männern und der Obrigkeit - was ja eins ist in diesem 1844 - mal ordentlich die Mainstream-Meinung von 2013 zu sagen und dabei so zuckersüß auszusehen, dass ja keinem der Tomahawk ausrutscht. Wobei man sich beständig fragt, wo sie wohl den angekokelten Korken versteckt, mit dem sie vermutlich auch unterwegs den Hauch Ruß auf den rosigen Wangen auffrischt. Denn irgendwann wäre schon mal Gelegenheit, sich das Gesicht zu waschen.

          „Frau mit dem Donnerherzen“ geht ihren Weg, soll das wohl sein, eine Emanzipationsgeschichte in bester Wanderhuren-Tradition. Nur dass Milas Mission hehrere Ziele hat: zu zeigen, wie aus preußischen Untertanen in der Neuen Welt - schwupps - lupenreine Demokraten und Indianerfreunde werden. Mit den Bilderbuch-Ureinwohnern hat man einen gemeinsamen Feind: die bösen Texaner. Und so will uns der abendfüllende Western-Schmarrn von Rainer Matsutani nicht nur geschmeidig weismachen: Wer motzt, kommt voran. Sondern auch: Wir Deutsche sind die besseren Amerikaner.

          Mit einem Lied auf den Lippen in die neue Welt

          Aber der Reihe nach. „In einem wilden Land“ (Buch Rainer Matsutani, Carolin Hecht) verarbeitet drei historische Ereignisse, die jedes für sich schon für einen Historienfilm taugen würden: den Weberaufstand von 1844, die Auswanderungswelle, die der Mainzer Adelsverein im frühen 19. Jahrhundert organisierte, und den Friedensvertrag, den deutsche Siedler (allerdings erst 1847) mit den Komantschen schlossen - und nie brachen. Keine üble Idee für einen deutschen Western. Eigentlich. Aber dann geht es los.

          Am Abzug: Offiziersgattin Cecilie von Hohenberg (Nadja Uhl) emanzipiert sich Bilderstrecke

          Und zwar mit einer Demo in Peterswaldau, mehr ist der Aufstand nicht. „Brot für Arbeit“ skandiert die wohlgenährte Mila mit anderen wohlgenährten Gestalten in adretter Kulisse, dann fallen Schüsse, und ihr Mann gurgelt letzte Worte: Geh nach Texas. Also ab aufs lauschige Zwischendeck, wo Auswanderer „Kein schöner Land“ intonieren. Das musikalische Motiv wird uns durch alle synthetisch-sinfonischen Höhen und Tiefen begleiten (Musik Karim Sebastian Elias), was immerhin mal eine gute Idee ist. An nicht so guten Ideen mangelt es dagegen nicht.

          Da hilft nur Feuerwasser

          Wunder-Mila zuckt nur kurz, weil sie als Witwe nicht auf den Treck zum Llano River darf, dann zieht sie dem bösen preußischen Grafen (Benno Fürmann, der nichts weiter zu tun hat, als böse aus preußischblauen Augen zu starren) eins mit der Bierflasche über, weil der gerade seine Gemahlin (Nadja Uhl) vergewaltigen will, und rammt ihm noch den abgebrochenen Flaschenhals in die Kehle. Die Frauen fliehen, der Mann gurgelt vermeintlich letzte Worte: Sucht sie. Gefunden werden sie von Indianern, und der schmucke Winnetou, pardon, Buffalo Hump (Wesley French), ist sofort verliebt in Mila und tut nur böse, und deshalb kann sie seinen Vergewaltigungsversuch auch mit einem Ave Maria abwehren.

          Selten war eine Sex-Szene peinlicher. Es gibt natürlich auch noch einen alten weisen Indianer, den darf Gojko Mitic geben, der DDR-Winnetou von einst, und einen bösen, der es auf die arme Cecilie abgesehen hat, die vor allem blass und herzensgut ist. Da kann Nadja Uhl noch so versuchen, ihrer Figur Leben einzuhauchen.

          Es kann nicht klappen, schon geht’s retour zum Treck, wo der genesene böse Graf alle mit seinem hässlichen Preußentum terrorisiert. Bald fegt es ihn hinweg, puh, Bahn frei für den Arzt, der mit der Gräfin eine Schwäche für Homöopathie teilt. Dafür erwischt es den guten Indianer im Kampf, er gurgelt letzte Worte. Oder reiten am Ende doch alle in den Sonnenuntergang? Irgendwann in dem ganzen Trubel sagt ein Trapper, die Deutschen seien doch ein seltsames Volk - und man fürchtet schon große Weisheit. Aber dann sagt er nur: Sie haben keinen Whiskey. Stimmt. Dabei könnte man den verdammt gut gebrauchen.

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