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„Zwei Leben“ bei Sat.1 : Sterben ist keine Option

  • -Aktualisiert am

Keine leichte Entscheidung: Der Transplantationschirurgin Dr. Hellweg (Annette Frier, l.) steht nur ein lebensrettendes Organ zur Verfügung, dabei hat sie zwei sterbenskranke Patienten. Bild: © SAT.1

Was geschieht, wenn Menschen um eine lebensrettende Organspende konkurrieren? Der Sat.1-Film „Zwei Leben. Eine Hoffnung“ mit Annette Frier zeigt dieses Dilemma, ohne ins Melodram zu kippen.

          Warten. Nichts machen können, außer dem Leben einen Anschein von Alltag geben. Erste Liebe, Sport, Bloggen. Untersuchungen. Medikamente. Das Krankenhaus als zweites Zuhause. Oder als eigentliches, je nach Geborgenheitslage daheim. Wenn man siebzehn ist, soll das Leben anfangen. Sterben ist keine Option, finden die Jugendlichen, also her mit der neuen Leber, der Lunge, der Niere. Frank Regener (Valentino Fortuzzi) speist sein Videoblog „Tote-Leber-dot-com“ mit Galgenhumor. Für später, wenn er nicht mehr ist, oder wenn er nicht mehr krank ist?

          Frank ist siebzehn, sieht gut aus, sportlich, cool. Seine Leber arbeitet nicht. Seit zwei Jahren wartet er auf ein Spenderorgan. Als der Anruf aus der Klinik kommt, grinst er wortlos. Die Station macht sich bereit zur Transplantation, im Zentrum die Chirurgin Dr. Hellweg (Annette Frier). Dann die Nachricht: Der Organtransport hatte einen Unfall, die Leber ist nicht mehr zu gebrauchen. Franks Mutter Regine (Carina Wiese) ist verzweifelt, Vater Peter (Jörg Pose) will in Indien ein Organ kaufen, um seinem Kind das Leben zu retten. Denn einen Anspruch auf die nächste verfügbare Leber hat sein Sohn nicht. Die zentrale europäische Verteilungsstelle soll für faire und transparente Verteilung sorgen. Das Konzept der Fairness ist dabei eine ethische Krücke. Möglicherweise sterben Empfangsanwärter, während eine kleine Abweichung in der Passgenauigkeit, die größere Not eines ähnlichen Falls oder der Zufall über den Zuschlag entscheiden.

          Fast dokumentarisch

          In „Zwei Leben. Eine Hoffnung“ spielt das Buch von Benedikt Röskau einen solchen Fall durch. Richard Huber (Regie) behält dabei seine Schauspieler vorzüglich im Blick. Entschieden, aber zurückgenommen bildet Annette Frier zwar das Kraftzentrum des Films, sie spielt aber nicht die Hauptrolle. Ob man ihr zur Steigerung der Seriosität eine dick gerandete Brille geben musste, sei dahingestellt. Einem Kind, Toni (Daan Lennard Liebrenz), der bei der Operation stirbt, und zwei Jugendlichen, neben Frank die aus dem Kosovo geflohene Dafina (Barbara Prakopenka), gehört dieser Film eigentlich. Die jungen Darsteller spielen nicht rührselig, sie spielen selbst ihre Verzweiflung cool, und machen das Dilemma der Organvergabepraxis deutlich.

          Frank verliebt sich in Dafina. Beide haben die gleiche seltene Blutgruppe. Ihre Blutwerte sind noch viel schlechter als seine. Bald steht Dr. Hellweg vor einer Frage, die es, wenn es genügend Organspender gäbe, nicht gäbe. Ihr Chef (Martin Umbach), ein Funktionär und Dokumentationsgläubiger, ist keine Hilfe. Der Klinikseelsorger (Cornelius Schwalm) wenigstens findet Worte, die den Betroffenen Halt geben.

          Um die Haupthandlung herum gibt es zwei Nebenstränge. Durch den gesamten Film ziehen sich Szenen, die die Arbeit der europäischen Vermittlungszentrale zeigen. Im dreigeteilten Schirm sieht man die Freude der Wartenden, die Organentnahme, die Reaktion der Angehörigen und das Einsatzzentrum mit der Datenverwaltung (hier arbeitet die Kamera von Robert Berghoff fast dokumentarisch). Am anderen Ende der Nüchternheitsskala steht die Familiengeschichte Dafinas: Vater tot, mit der Mutter in Deutschland nur geduldet, stellt sich die Frage, wie es im Fall der Ablehnung des Asylantrags um die Nachsorge bestellt wäre.

          Könnte das ein Ausschlusskriterium für die Transplantation sein? Selbst mit der Gefahr der Überfrachtung des Themas Organspende geht das Buch souverän um. Subtil ist dieser Sat.1-Film nicht. Er ist deutlich, aufklärend und emotional. Er hat ein Anliegen. Dass er nicht ins Melodram abstürzt, ist bemerkenswert.

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