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Sat.1 entdeckt die Hausserie : Zwei gegen den Rest der Welt

Ihre Zeit ist noch nicht abgelaufen: Annette Frier als Danni Lowinski Bild: SAT.1 / Frank Dicks

Ein Paradigmenwechsel deutet sich an: Sat.1 ist euphorisiert vom Erfolg der Hausserien „Danni Lowinski“ und „Der letzte Bulle“ und schickt sie in die zweite Staffel. Geht damit die Vorherrschaft amerikanischer Produktionen zu Ende?

          Ob wir das als Anzeichen für einen Paradigmenwechsel nehmen sollen? Das wäre doch was: Während der amerikanische Sender CBS gerade bekanntgegeben hat, dass unter anderem die drei Serien „Ghost Whisperer“, „Numbers“ und „Cold Case“ eingestellt werden, die bei uns allesamt bei Kabel 1 laufen, setzt dessen großer Schwestersender Sat.1 seine beiden neuen, selbst produzierten Serien fort. Die erste Staffel von „Der letzte Bulle“ mit Henning Baum wird nicht die letzte sein, und dasselbe gilt für „Danni Lowinski“ mit Annette Frier. Am Mittwoch beschlossen die Sat.1-Macher, dass die Serien in die zweite Staffel gehen, nach den ersten dreizehn Folgen werden ebenso viele im zweiten Anlauf produziert, die Drehbucharbeiten haben begonnen, zu sehen sind die Folgen im nächsten Jahr.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Vormachtstellung der Amerikaner

          Damit gelingt dem Sender Sat.1, der einst für seine unterhaltsamen Serien einen Namen hatte, nicht wenig. Die Vormachtstellung amerikanischer Serien im deutschen Privatfernsehen scheint seit einem halben Jahrzehnt zementiert, ihre Zahl ist Legion: „Navy CIS“, „The Mentalist“, „CSI“, „Monk“, „Dr. House“, „Two and a Half Men“, „Fringe“, „Grey’s Anatomy“, „Criminal Intent“, „Crossing Jordan“, „Good Wife“, „Law & Order“ ...

          Der melancholisch-rüde „Letzte Bulle” steht ihm gut: Henning Baum

          Die Befürchtung, dass man dagegen auch im Frühjahr 2010 mit eigenen Serien nicht anstinken könne, war groß. Hinzu kommt der Kostendruck: Eigene Stücke zu erstellen ist mehr als doppelt so teuer, wie solche anzukaufen, im Falle des Misserfolgs steht man schnell ohne Programm da, und schließlich muss Pro Sieben Sat.1 noch immer den Schuldenberg von 3,4 Milliarden Euro abtragen, den die Eigentümer, die Finanzinvestoren KKR und Permira, den Sendern bei der Übernahme und Fusion mit der skandinavischen SBS-Gruppe aufgebürdet haben.

          „Echte Sat.1-Gesichter“

          Umso größer war der Jubel bei Sat.1, als sich „Der letzte Bulle“ und „Danni Lowinski“ von Beginn an bei drei bis 3,3 Millionen Zuschauern und einem durchschnittlichen Marktanteil von 12,7 („Der letzte Bulle“) und 15,3 Prozent („Danni Lowinski“) bei den jüngeren Zuschauern festsetzten. Das entsprach der Vorgabe, nach den ersten sechs Folgen zeigen sich die Serien stabil und behaupten sich gegen die nicht eben schwache Konkurrenz am Montagabend – den Fernsehfilm des ZDF und vor allem gegen „Wer wird Millionär?“ mit Günther Jauch bei RTL. „Der Erfolg gibt uns recht – die beiden Serien passen nicht nur sehr gut zu Sat.1, sondern auch sehr gut zueinander“, sagt Joachim Kosack, der bei Pro Sieben Sat.1 Leiter der deutschen Fiktion ist, im Gespräch mit FAZ.Net. „Annette Frier und Henning Baum sind echte Sat.1-Gesichter, die über Jahre mit dem Sender verbunden sind und beim Zuschauer gut ankommen. Sowohl mit ,Danni Lowinski‘ als auch mit ,Der letzte Bulle‘ – beide aus der Schmiede erfahrener Produzenten – erzählen wir originäre Geschichten mit starken Charakteren. Zwei Helden, die mit unkonventionellen Mitteln um Gerechtigkeit kämpfen – jeder auf seine Art. Sie sind einfach liebenswert, das macht die beiden Figuren so besonders.“

          Sat.1 hat nun zwei ausgewiesene Serienabende: sonntags den amerikanischen mit „Navy CIS“ und „The Mentalist“, und tags darauf den eigenproduzierten mit „Der letzte Bulle“ und „Danni Lowinski“. So etwas muss man erst einmal etablieren, und insofern darf man von einem kleinen Paradigmenwechsel sprechen, den Sat.1 auch nötig hat. Weder Johannes B. Kerner noch Oliver Pocher haben dem Sender bislang echte Freude gemacht, der Blockbuster schlechthin ist allein die Champions League, dem FC Bayern sei Dank.

          Auf die Autoren kommt es an

          Die Produzenten Markus Brunnemann („Danni Lowinski“), Jan Kromschröder und Philipp Steffens („Der letzte Bulle“) haben jetzt Grund, zu feiern. Auf ihre Hauptdarsteller können sie bauen. Henning Baum steht der melancholisch-rüde Bulle sehr gut, das Geplänkel mit dem Kollegen (Maximilian Grill) und der Widerwilligkeitsflirt mit der Psychologin (Proschat Madani) passen. Und wer von Annette Frier als Danni Lowinski nicht hingerissen ist, dem ist wirklich nicht zu helfen. Doch wird nun alles darauf ankommen, dass die Autoren die Langstrecke bewältigen – der Altmeister Marc Terjung („Edel & Starck“) bei „Danni Lowinski“ und das junge Team Anna Dokoupilova, Robert Dannenberg und Stefan Scheich bei „Der letzte Bulle“. Von den Drehbüchern hängt es ab, wie lange eine Serie das Publikum in Bann schlägt, und da liegt auch die Achillesferse der hiesigen Fernsehproduktion. Talentschmieden, wie sie etwa ein schreibender Produzent wie David E. Kelley („Ally McBeal“, „Boston Legal“) in den Vereinigten Staaten aufgebaut hat, die für nachhaltige und ausdauernde Qualität sorgen, und zwar im Schnelldurchlauf, gibt es bei uns immer noch nicht.

          Zur Fußballweltmeisterschaft im Juni gönnt Sat.1 seinen beiden Serienhelden übrigens eine Pause – gegen die Spiele der Nationalmannschaft hätten sie beim Publikum wohl in der Tat keine Chance. Danach geht es weiter. Möglichst lange, möchten wir sagen.

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