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Sarah Silverman : Schneewittchen und die sieben Witze

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Kein Unschuldslamm: Sarah Silverman Bild: AP

Langes, schwarzes Haar, Porzellanteint und jugendliche Unschuldsmiene: Wer Sarah Silverman sieht, sollte nicht meinen, dass er es hier mit der Splatter-Königin unter Amerikas Komikern zu tun hat, die ihre Wut am liebsten gegen die Political Correctness ihrer Landsleute richtet.

          Was ist nur los mit dieser Frau? Sarah Silverman singt Lieder, die Kindermelodien mit derben Kraftausdrücken kombinieren. Sie ruft Dinge wie: „Dein Auto riecht nach Furz, Laura!“ über eine belebte Straße oder fragt: „Wer interessiert sich schon für eine Sexsüchtige mit einer winzigen Vagina?“ Es geht ziemlich pubertär zu in der Sendung „The Sarah Silverman Program“, die seit Anfang Februar auf Comedy Central läuft, aber die sechsunddreißigjährige Komikerin hat in den Vereinigten Staaten einen Ausnahmestatus. Und ihre neue Sendung, in Silvermans echter Wohnung und mit ihrer wirklichen Schwester wie ein Stück aus ihrem Leben inszeniert, ist so erfolgreich, dass Comedy Central bereits nach zwei Folgen eine komplette zweite Saison bestellt hat. Vielleicht sollte man fragen: Was ist nur los mit den Fans von Sarah Silverman?

          Jerry Lewis hat einst in einem Interview mit Larry King behauptet, dass Frauen nicht komisch sein könnten: „Wir sprechen von einem Wunder Gottes, das Kinder hervorbringen kann.“ Man muss die moralistische Seite der amerikanischen Seele im Sinn haben, um die zornige Zotenlust der Sarah Silverman zu verstehen - denn hier setzt sie an. Eine schneewittchenartige Gestalt mit langem schwarzen Haar, Porzellanteint und jugendlicher Unschuldsmiene, die „Vagina“ und „Kacke“ sagt, das lässt Amerika die Haare zu Berge stehen. In Kreisen, die das Verbot des Wörtchens „shit“ im Fernsehen im vergangenen Jahr mit Eifer betrieben, ist dies vermutlich die höchste Form der Subversion.

          Die Splatter-Königin unter Amerikas Komikern

          Sarah Silverman hat es auf die stickige amerikanische Kultur der political correctness und der verlogenen Nettigkeiten abgesehen, hinter der die hässlichen Seiten der menschlichen Natur und jeder entspannte Umgang mit der Realität verschwindet. Wer kürzlich miterlebte, wie ein ironischer Werbespot mit Kevin Federline als Hamburger-Servierer, der sich eine Karriere als Popstar erträumt, von amerikanischen Restaurantverbänden attackiert wurde, weil er Millionen von Fastfood-Angestellten „herabwürdige“, der mag wie Silverman nur noch schreien.

          Am liebsten zertrümmert sie das puritanische Porzellan Amerikas

          Doch Silvermans überschnappende Lust an der Zertrümmerung puritanischen Porzellans und der Ausweidung delikater Themen wirkt oft befremdlich statt komisch. Tabus kennt sie nicht: Vergewaltigung, der 11. September 2001, ihr eigener Freund - der Talkmaster Jimmy Kimmel -, je prekärer, desto besser. Silverman singt in einem Seniorenheim „Ihr werdet bald sterben!“, sie reimt: „I love you more than bears love honey/ I love you more than jews love money.“ Sie ist die Splatter-Königin unter Amerikas Komikern. Für den Zuschauer ist es bisweilen ein zweifelhaftes Vergnügen, ihren Grobianismus zu ertragen, denn anders als die Rotzgören aus der Satireserie „South Park“, die ähnlich derb mit amerikanischen Verlogenheiten aufräumen, scheint bei Silverman ein dunkler Selbsthass durch.

          Ein böser Witz und seine Folgen

          Sogar „Saturday Night Live“, die Komikerschmiede des amerikanischen Fernsehens, ertrug Sarah Silverman nur eine Saison lang, von 1993 bis 1994, dann wurde sie entlassen. Die Frau ist zu schrill, darin ist man sich hierzulande einig. Nur die Urteile über sie fallen unterschiedlich aus. Der „Rolling Stone“ nennt sie „die dreist-komischste Frau in Amerika“, die „New York Times“ urteilt, ihr beleidigender Humor schmeichele bloß ihr selbst und denen, die ihn goutieren.

          Dabei kann Sarah Silverman auch feiner komisch sein. 2001 gelang ihr dies, als sie dem Latenight-Talker Conan O'Brien erzählte, wie sie sich aus einer Jury-Pflicht mogeln wollte. Eine Freundin habe vorgeschlagen, sich mit einem rassistischen Spruch wie „Ich hasse Chinks“ auf dem Fragebogen zu disqualifizieren, aber sie habe stattdessen „Ich liebe Chinks“ draufgeschrieben, weil sie schließlich keine Rassistin sei. Der Witz wurde dadurch untermalt, dass NBC ihr zuvor nahegelegt hatte, anstatt „Chink“ (abfälliger Slang für Asiaten) lieber auf „Spics“ (Latinos) oder Juden zu verweisen, was Silverman erst recht bestärkte.

          Und richtig komisch wurde es, als ein Verband namens Media Action Network for Asian Americans eine offizielle Entschuldigung vom Sender verlangte und sogar erhielt und der Vorsitzende des Verbandes Sarah Silverman allen Ernstes nahelegte, ihn künftig bei der Abfassung ihrer Witze zu konsultieren. Vermutlich hat das die Wut der Sarah Silverman noch angestachelt.

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