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Sanssouci Media Colloquium : Durch die Datenwüste

Am großen Tisch: Teilnehmer des Potsdamer Media Colloquiums in Sanssouci Bild: dpa

Gegen die Überwachungswirtschaft: Beim Potsdamer Media Colloquium debattierten Chefredakteure und Politiker, Datenschützer und Netztheoretiker über die Folgen von Big Data. Und Vitali Klitschko erhielt einen Preis.

          Über Big Data wurde schon so viel geschrieben, dass man auch in dieser Datenflut ertrinken kann. Dass Klarheit über den Begriff besteht, lässt sich trotzdem nicht sagen. Zu vieles lässt sich darunter subsumieren.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass beim großflächigen Abschöpfen und Verrechnen von Daten anders als bisher ein Ausgleich von Sicherheit und Datenschutz, von Freiheitsrechten und Geschäftsinteressen bestehen muss, war die Prämisse, unter der das Sanssouci Media Colloquium einen erlesenen Kreis von Medienvertretern, Unternehmern und Politiker nach Potsdam geladen hatte.

          Chefredakteure großer europäischer Zeitungen und Medienhäuser, Verbandsvertreter, Internetaktivisten saßen an der langgezogenen weißen Tafel im noblen Saal der Orangerie. Die Politik war durch den grünen Netzpolitiker Konstantin von Notz  und Christopher Lauer von der Piratenpartei vertreten. Der weißrussische Netztheoretiker Evgeny Morozow war aus Harvard angereist. Auch Google hatte einen Vertreter entsandt. Wofür es gelobt wurde. So selbstverständlich ist die Teilnahme aus dem Kreis der großen Fünf bei solchen Anlässen nicht.

          Die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff, eine profilierte Stimme in der transatlantischen digitalen Debatte,  rief in einer flammenden Eingangsrede Europa auf, die Fackel im Kampf gegen den Überwachungskapitalismus in die Hand zu nehmen und die Bürger aus der Wüste herauszuführen, in die man sie unter dem Stichwort „data exhaust“ und verwandten Euphemismen geführt hat. In Wirklichkeit steht der Begriff für einen Enteignungsakt. Was Nutzer nichtsahnend über sich im Netz hinterließen, wurde von den Datenfirmen unbewilligt und unbezahlt abgeschöpft und mangels Widerspruch zum eigenen Besitz erklärt.

          Lösbar nur auf internationaler Ebene

          Die Reconquista, so Zuboff, könne nicht Sache des Einzelnen sein, sondern müsse, in Koordination mit den Unternehmen, aus Europa kommen, das den Vereinigten Staaten in der kritischen Reflexion auf die Datenökonomie weit voraus ist.  Die einheitliche europäische Datenschutzgrundverordnung wird die entscheidende Arena sein. Der stellvertretende europäische Datenschutzbeauftragte Giovanni Buttarelli kündigte ihr Inkrafttreten für das Jahr 2017 an.

          Vitali Klitschko, Bürgermeister von Kiew, mit dem „M100-Medien-Preis“, der ihm in Potsdam überreicht wurde.

          Vieles, darüber bestand Konsens, lässt sich im Datenschutz nur auf internationaler Ebene lösen. Erfahrungsgemäß endet die Leidenschaft der Regierungen für Freiheitsrechte da, wo die nationale Sicherheit beginnt. Gefordert wurde ein internationales Abkommen zum Datenschutz nach Art der Genfer Konvention. Bei  der Einschätzung seiner baldigen Verwirklichungschance blieb man realistisch

          Forderung nach Algorithmentransparenz

          Was sagte Google? Sein europäischer Entwicklungsdirektor Jens Redmer verwandte viel Rhetorik darauf, das Geschäftsmodell seines Arbeitgebers hinter Worthülsen der Wissensgesellschaft  zu verstecken. Auf all seine Nutzerdaten könne Google gut und gerne verzichten, erst wenn es seine kreativen Köpfe, seine Ingenieure verliere, sei sein Modell im Kern bedroht. Auf einen Praxistest wird man sich kaum einlassen.

          Zu negativ klang in Redmers Ohren die Rede vom Überwachungskapitalismus. Die meisten ethischen Unternehmen seien an einem fairen Abkommen mit ihren Nutzern interessiert. Ob für Google, das sich hier offenbar einbegriff, darunter auch der Verzicht auf das Mitlesen von Mails und die Herausgabe der Nutzerdaten fällt, sagte Redmer nicht. Man habe die Botschaft verstanden und wolle in Zukunft etwas besser zuhören.

          Gut zugehört hatte Redmer der stellvertretende ZDF -Chefredakteur Elmar Theveßen, der ihm seine Schockiertheit über die Snowden-Enthüllungen nicht ganz abnehmen wollte. Google hat lange vor den Enthüllungen mit der NSA kooperiert und sich anders als Yahoo nicht dagegen gewehrt. Es gab auch Stimmen, die Google weniger kritisch sahen, aber trotzdem die Einsicht in seine geheimen Algorithmen für unabhängige Schiedsstellen forderten. Algorithmentransparenz gehört zweifellos zu den wichtigsten Anliegen des Datenschutzes, weit über Google hinaus.

          Die Erwartungen der Wirtschaft

          Wo es um Informationsasymmetrien, Kontrollmacht,  Selektion und Verhaltungssteuerung durch Anreizsysteme geht, ist Big Data nämlich anders als Redmer suggerierte gewiss kein weltanschaulich neutraler Begriff.  Was ist es anderes als Manipulation, wenn Google wie bei der Fußball-WM negative Begriffe herausfiltert oder den  Nutzer in seinen Filterblasen in die eigene Weltsicht verstrickt?

          Algorithmentransparenz ist bei dieser Auslese das Mindestgebot. Der Datenschutzaktivist Mathias Spielkamp schlug härtere Töne an. Wenn die Unternehmen ihre Geschäftsmodelle nicht ändern, müsse es eben die Gesellschaft durch weitreichende Gesetzesänderungen tun. Bis dahin prophezeite der Grünen-Politiker Konstantin zu Notz viele weitere Gerichtsurteile.

          Die wirtschaftlichen Interessen blieben in Potsdam nicht unterrepräsentiert. Joachim Bühler vom Branchenverband Bitkom forderte mit Nachdruck, beim Datenschutz auch die Geschäftsmodelle der deutschen Wirtschaft im Auge zu haben, die oft zwingend auf Big Data aufbauten. Der aktuelle Entwurf der Datenschutzverordnung habe nur den Schutz der Bürger in sozialen Netzwerken im Sinn. Auf dem Spiel stehe aber auch das Überleben von ganzen Industriezweigen. Bühlers Parole „Digital heißt immer Freiheit“ klang nach Snowden freilich arg phrasenhaft.

          Ehrung für Vitali Klitschko

          Die Verlage sehen sich  in der Big-Data-Ökonomie in einer doppelten Rolle. Auch sie sind Teil der Informationsökonomie und bedienen sich nicht selten der Methoden, die sie bei anderen kritisieren. Christoph Fiedler vom Verband deutscher Zeitschriftenverleger wies mit Aplomb auf die Gefahren der europäischen Datenschutzverordnung für die Pressefreiheit hin. Im Vergleich zur bisherigen Richtlinie schwäche die Verordnung die Ausnahmeregelungen für die Presse deutlich. Worüber könne sie überhaupt noch berichten, wenn alles unter den Schutz personenbezogener Daten fällt? Fiedler sah eine Katastrophe auf die Verlage zukommen. Das gelte auch für ihre Marketingabteilungen, die es mit der kontrollierten Verbreitung ihrer Produkte schwer haben würden, wenn die Verordnung auf das Einwilligungsprinzip umstellt.

          Die Überlegungen, was die Medien unter dem Stichwort Datenjournalismus publizistisch mit den großen Datensätzen anfangen könnten, waren noch recht vage formuliert. Hier steht man noch am Anfang. Gleiches gilt für den „neuen Pakt mit den Informanten“, die aus Furcht vor Überwachung weniger als früher den Kontakt zu den Redaktionen suchen.

          Nach dem Kolloquium wurde Vitali Klitschko für seinen Freiheitskampf in der Majdan-Revolution geehrt. Der europäische Parlamentspräsdent Martin Schulz hielt die Laudatio, der österreichische Außenminister Sebastian Kurz überreichte die Urkunde. Für einen Moment wurde noch einmal auf ganz andere Weise deutlich, was beim Kampf für eine freie und demokratische Welt auf dem Spiel steht.

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