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„Sankt Maik“ bei RTL : Von allen guten Geistern beseelt

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Wie war das gleich mit der Wandlung? Als katholischer Pfarrer muss sich Maik (Daniel Donskoy) erst einmal orientieren. Bild: RTL

Don Camillo ohne Peppone: Bei RTL tritt „Sankt Maik“ als Seelsorger an. Einen wie ihn könnte die katholische Kirche gebrauchen. Und als Antipode zum „Dschungelcamp“ ist er für das Programm des Privatsenders ein Segen.

          Für Maik Schäfer (Daniel Donskoy) lautet das erste Gebot „Du sollst dich nicht erwischen lassen“. Dass es noch andere gibt, ist ihm bislang entgangen. Von Werten versteht er nur in einer Hinsicht etwas, beispielsweise von denen in den Portemonnaies seiner Mitmenschen, und als Trickbetrüger hat er es in verschiedenen Rollen zu beachtlicher Glaubwürdigkeit gebracht. Üblicherweise nimmt er nur von den Wohlhabenden und gibt es denen, die es wirklich brauchen: seinem kleinen Bruder Kevin (Vincent Krüger) und sich selbst. Maik Schäfer ist ein Gauner, aber einer mit Herz und Fürsorgegefühlen und entwaffnendem Lachen. Mit besserer Schulbildung hätte er es weit bringen können, vielleicht als Bankdirektor.

          Wie die Dinge liegen, ist er auf der Flucht vor der Polizei in Läuterberg gestrandet. Nun trägt er das Kostüm alias die Soutane des katholischen Pfarrers, der nach zehn Jahren Uganda die Gemeinde übernehmen sollte, es aber nicht lebendig bis vors Kirchenportal geschafft hat. Nur schnell das goldene Ding da, die Monstranz, mitnehmen, dann plant Maik den Abgang. Die Rechnung hat er ohne die fürsorgliche Belagerung der weiblichen Mitglieder der Gemeinde gemacht. Durchtrainierte Figur, wundervolle Zähne und roter Lockenschopf – da hat man schon ganz andere Vertreter des Zölibats gesehen. Es kommt Leben in die Gemeinde. Der Chor singt „Hallelujah“.

          Eheberater, Familientherapeut, Jugendhilfe: Nichts ist ihm fremd

          Erst einmal zehn Folgen lang wird die eigenproduzierte Comedyserie „Sankt Maik“ in Läuterberg für RTL die Dinge richten. Dieser Pfarrerhochstapler hat zwar von der Liturgie keine Ahnung, singt aber dafür seelenvoll wie ein ganzer Gospelchor. Hostien hält er für muffig gewordene Chips, zur Nervenberuhigung trinkt er während des Hochamts vom Messwein. Eheberater, Familientherapeut, Jugendhilfe: Nichts Menschliches ist ihm fremd, nur der hübsche weibliche Arm des Gesetzes in Gestalt der Polizistin Eva (wie sonst) Hellwarth (Bettina Burchard) könnte ihn in echte Bedrängnis bringen.

          Ihre Schwester Ellen (Marie Burchard) mit den handtuchschmalen Röcken sieht es kommen, die Haushälterin Maria (Susi Bazhaf) staunt dagegen nur über den Appetit des attraktiven Geistlichen und selbsternannten „Profi-Pfarrers“, der beispielsweise in der zweiten Folge den Schlaffichef von der Sparkasse (Sebastian Schwarz) vor dem Altar in Sachen Fitness tauft und danach beim „Adonis-Styling“ zu einem kompletten „Makeover“ bekehrt. Daniel Donskoy hat ein noch schöneres Lächeln als Guido Maria Kretschmer („Shopping Queen“) und einen kleidsameren Look als die Kleine-Leute-Anwältin Danni Lowinski, die für Sat.1 ihre Fälle löste, sonst aber unterscheidet die drei nicht viel. Das dürfte für eine schöne Quote reichen.

          Im Fernsehunterhaltungsbereich gibt es selten etwas Neues unter der Sonne, aber selbst über die abgefrühstücktesten Sitcom-Ideen kann man sich gelegentlich ja ganz gut amüsieren, wenn sie stimmig und mit Witz vorgebracht werden. „Sankt Maik“ ist ein solches Exempel. Moralisch durch und durch gutherzig, können sich selbst die konservativsten Bischöfe der katholischen Kirche mit der frohen Botschaft der launigen Serie anfreunden. Auch von der evangelischen Kirche, die neulich mit einem auf der „Weltausstellung“ in Wittenberg aufgebauten „Segensroboter“ die Gläubigen erreichen und zum Nachdenken anregen wollte, ist kaum Protest zu erwarten. Schlawiner Maik Schäfer, den sich die Chefautorin Vivien Hoppe („Der Lehrer“, „Doctor’s Diary“, „Türkisch für Anfänger“) ausgedacht hat, ist das Gegenteil eines Segensroboters, hat aber auch mit satirischer Schärfe nichts am Barett. Er kümmert sich auf höchst persönliche Weise um jede Schufterei und bekehrt die vom rechten Wege abgekommenen mit Charme und Chuzpe.

          Wenn dazu Schlüssel gefälscht werden müssen oder Bankeinbrüche nötig sind – schon Don Camillo wusste nur zu gut, dass die Wege des Herrn unerforschlich und mit weltlicher Paragraphenreiterei nicht zu beschreiten sind. Als Vorspielprogrammierung zum direkt anschließend ausgestrahlten „Dschungelcamp“ mit seinen menschlichen Abgründen wirkt „Sankt Maik“ fast wie ein Versuch zur Güte – oder des Ablasshandels.

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