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Sandro Wagner bei Dazn : Einmal Angreifer, immer Angreifer

Gut gelaunt im Angriffsmodus: Der Fernseh-Kommentator Sandro Wagner ist noch besser als der einstige Bundesligastürmer. Bild: AFP

Sandro Wagner hat weniger Länderspiele als Per Mertesacker und Bastian Schweinsteiger, als Ko-Kommentator zeigt er den Kollegen, wie man mit der Sprache auf hohem Niveau spielt.

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          Im Sommer hat es auf einem Nebenplatz des Fußballtransfermarkts ein bemerkenswertes Tauschgeschäft gegeben: Sandro Wagner, der gerade noch für das ZDF als Ko-Kommentator für das Champions-League-Finale tätig gewesen war, wechselte zum Sport-Streaming-Anbieter Dazn, während Per Mertesacker den umgekehrten Weg ging. Was die Prominenz angeht, die sich beispielsweise an der Zahl der Länderspiele ablesen lässt (Mertesacker 104, Wagner acht), durfte sich der öffentlich-rechtliche Sender damit auf der sicheren Seite wähnen, wo er sich ohnehin am wohlsten fühlt.

          Was die Entscheidungsträger in Mainz mutmaßlich nicht gesehen haben, war das Entwicklungspotential von Wagner. Damit befanden sie sich allerdings in guter Gesellschaft, schon in seiner aktiven Zeit hat es etwas gedauert, bis sich der Stürmer erst in Darmstadt und dann in Hoffenheim derart augenfällig durchgesetzt hatte, dass ihn am Ende der FC Bayern zurückholte. Bei Dazn ist es jetzt viel schneller gegangen. Wagner hat sich vom Start weg als Spitzenkraft erwiesen, wofür er auch in den einschlägigen Foren mit Lob bedacht wird. Es ist die Kombination aus Intelligenz, Sachverstand, Mut und rhetorischem Talent, die ihn auszeichnet, zuletzt zu beobachten am Freitag, als er während des Heimspiels der Hertha gegen die Bayern eingesetzt wurde.

          Seine hervorragende Begabung auf dem weiten Feld der Sprache war schon zu erkennen, als er noch auf der anderen Seite der Mikrofone stand und sich als Spieler äußern durfte. Nur wurden ihm seine selbstbewussten Ansagen, die sich dramatisch von den weichgespülten Statements der Kollegen unterschieden, damals gern als Arroganz ausgelegt, womöglich auch deshalb, weil in der Rolle des aktiven Fußballers ein weiteres Talent Wagners nicht gefragt war – seine Fähigkeit zur Selbstironie. Von ihr macht er als Kommentator nun im genau richtigen Maß Gebrauch, wenn er misslungene Aktionen auf dem Spielfeld kritisiert, dabei aber eigene Fehlleistungen von einst nicht zu erwähnen vergisst. Auch sonst stimmt die Mischung bei Wagner: Seine taktischen Analysen haben exakt jenes Niveau, das dem erfahrenen Laien Erkenntnisgewinn verspricht. Er interpretiert mit der Autorität eigener Erfahrung die Körpersprache der Spieler und die Gedankengänge der Trainer. Und er riskiert gelegentlich einen flapsigen Spruch.

          Kurz, der einstige Stürmer Wagner ist auch in seinem neuen Job ein Angreifer geblieben. Das ist genau das, was dem einstigen großen Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger fehlt, der inzwischen als schwerfälliger ARD-Experte das Publikum langweilt. In der diplomatischen Auslegung seiner Rolle passt der Alt-Weltmeister allerdings perfekt zu der Art und Weise, wie die Hauptkommentatoren Fußball im Ersten darbieten: Sie schildern das Offensichtliche, ergänzt um dröge Fakten vom Sprechzettel. Der Unterschied zwischen Dazn und den öffentlich-rechtlichen Sendern ist im Analyseniveau inzwischen so eklatant, dass mancher Fußballfan selbst dann lieber den mitunter rumpelnden Livestream schaut, wenn parallel dazu ARD oder ZDF in technischer Perfektion übertragen.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

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