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Sandra Maischberger und der WDR : Das Honorar hängt von der Quote ab

  • -Aktualisiert am

Wen aus der Journalistin ein Markenname wird: Sandra Maischberger Bild: dapd

Neun Jahre lang gab es zwischen dem WDR und Sandra Maischberger einen Vertrag, der das Honorar der Moderatorin an die Quote band. Der Sender hat jetzt ein Problem.

          Vielleicht sollte Sandra Maischberger in die kommende Sendung Banker einladen. Um darüber zu diskutieren, wie deren absurde Anreizsysteme funktionieren. Sie kann sich aber auch ihre eigenen Verträge ansehen. Um anschließend mit den Verantwortlichen in der ARD darüber zu reden, wie der Journalismus funktioniert. Darüber lohnte sich eine Sendung, nämlich über die Relevanz „journalistischer Qualitätsmaßstäbe“ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

          Der WDR musste einräumen, dass es zwischen 2003 und 2012 in Frau Maischbergers „Moderationsvertrag“ eine „quotenabhängige Honorierung“ gab. Die Aufdeckung dieses Sachverhalts hat eine Vorgeschichte, die mit ihrer Sendung vom 15. Januar zu tun hat.

          Das Thema waren damals der Diät- und Schlankheitswahn. Im Vorhinein war es zu einem Konflikt zwischen dem für die Sendung formal verantwortlichen WDR-Redakteur und der Produktionsfirma von Sandra Maischberger, Vincent TV, gekommen.

          Werbevertrag mit „Weight Watchers“

          Stargast der Sendung sollte Katarina Witt sein. Der WDR-Redakteur recherchierte und stellte fest, dass Katarina Witt vielleicht keine Figurprobleme haben könnte, aber dafür einen Werbevertrag mit „Weight Watchers“ hat. Der Redakteur verlangte von Vincent TV, Geschäftsführerin ist Sandra Maischberger, Katarina Witt auszuladen.

          Nun bestritt die Produktionsfirma in der dieser Zeitung vorliegenden Korrespondenz nicht einmal eine gewisse „werbliche Wirkung“ zugunsten der Firma, die Dicke dünner zu machen verspricht. Allerdings wollte man einen „Missbrauch der Sendung“ als Werbeplattform durch „kritische Befragung und Transparenz“ verhindern. Deswegen hatte man sicherlich auch den entsprechenden Hinweis über Frau Witts Werbefunktion an den Redakteur oder auf der Homepage zur Vorstellung der Gäste vergessen.

          Aber, so der zuständige Herr bei Vincent TV, „dass ausgerechnet diese beiden Topathleten Figurschwierigkeiten offenbaren, fanden und finden wir sehr bemerkenswert.“ Mit dem anderen „Topathleten“ ist der bekannte ZDF-Experte und „Weight Watcher“ Oliver Kahn gemeint. Was aber tat der beim WDR für Maischberger zuständige Unterhaltungschef Siegmund Grewenig?

          Rücktritt der Redakteursvertretung

          Er entband den WDR-Redakteur von seiner Aufgabe. Als die Redakteursvertretung zugunsten des abgesetzten Kollegen intervenierte, versuchte die Führungsebene des WDR nur eins: Der Mitarbeitervertretung in Köln die Kompetenz zur Intervention abzusprechen. Mittlerweile ist der Sender nicht nur ohne amtierende Intendantin, sondern ohne eine Redakteursvertretung. Deren Mitglieder sind zurückgetreten.

          Nach Informationen, die dieser Zeitung vorliegen, beinhaltet der Vertrag des WDR mit Sandra Maischberger (beziehungsweise ihrer Firma) eine Sonderkündigungsrecht des Senders zum 31. Dezember 2012, wenn der Marktanteil der Talkshow im Verlauf der ersten sechs Monate das „arithmetische Mittel“ von zehn Prozent unterschreitet. Es gibt also nicht nur eine „quotenabhängige Honorierung“ im „Moderationsvertrag“, sondern die Sendung selbst steht unter diesem Vorbehalt.

          Wen wundert es dann eigentlich, dass Maischbergers Produktionsfirma mit hanebüchenen Begründungen verwertet, was ihr quotenträchtig erscheint? Sie wird motiviert, Katarina Witt aus den selben Gründen einzuladen, aus denen Witt auch von den „Weight Watchers“ engagiert wird. Sie ist prominent und wird vom Publikum mit Sympathie betrachtet. So soll sie Diätmittel verkaufen und - eine Sendung mit scheinbar journalistischen Inhalten.

          Zu Markennamen gewandelte Journalisten wie Sandra Maischberger ziehen wohl den größten Nutzen aus einer solchen Struktur. Aber warum muss der WDR eigentlich einen Moderationsvertrag mit ihr abschließen, wenn ihrer Firma schon die Produktion der Sendung obliegt?

          Ein Fall wie dieser gefährdet die Reputation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Das duale Rundfunksystem bezieht seine Legitimation vor allem aus einer Begründung: Neben kommerziellen Anbietern soll der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine Grundversorgung sicherstellen, die sich nicht an ökonomischen Motiven ausrichtet.

          Natürlich kann der öffentliche-rechtliche Rundfunk nicht auf Reichweite verzichten. Gebührenzahler, die sich im Programmangebot nicht wiederfinden, werden den Sinn ihrer Zahlung selten einsehen. Was aber geschieht, wenn die Quotenlogik die Oberhand behält, dokumentiert der Fall Maischberger.

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