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Sandmännchen in Ost und West : Wir müssen die gegnerische Sendung treffen

  • -Aktualisiert am

Der Ost-Sandmann (links) schlug seinen West-Konkurrenten aus dem Rennen Bild: dpa

Das Sandmännchen ist einer der wenigen Wendegewinner aus dem Osten: Sein Westbruder ist praktisch vergessen. Eine Frankfurter Ausstellung zeigt, welche ideologische Bedeutung das Kinderfernsehen im Klassenkampf hatte.

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          Am 4. November 1959 schickt Walter Heynowski, damals stellvertretender Intendant des Deutschen Fernsehfunks (DFF), der „lieben Kollegin Ellrodt“ eine Hausmitteilung, die ahnen lässt, wie bedeutend die Rolle war, die die DDR dem Kinderfernsehen bei der sozialistischen Erziehung des Nachwuchses zumaß.

          „Beiliegende Notiz beweist“, heißt es in schönstem Funktionärsdeutsch, „dass der Sender Freies Berlin mit seinem ,Sandmännchen' unseren Abendgruß zur gleichen Minute täglich kontern will. Es zeigt sich also, dass wir mit unserer Sendung auch bei den Westberliner Kindern und deren Eltern ,ankommen'. Also große politische Wirkung durch Emotionen. Man darf aber auf den errungenen Lorbeeren nicht ausruhen. Die gegnerische Absicht, uns Zuschauer abzunehmen, darf nicht unterschätzt werden.“ Um der „gegnerischen Sendung“ zuvorzukommen, solle unverzüglich an der Entwicklung entsprechender Gegenmaßnahmen gearbeitet werden. Gerichtet ist das Schreiben an die Programmleitung Kinder-Jugend-Frauenfernsehen; beigefügt ist ein Auszug aus der allgemeinen „Vorschau“ des West-Berliner SFB, der für den „1. Dezember um 18.55 Uhr“ die Premiere des West-Sandmännchens ankündigt.

          Auf in den Kampf

          Tatsächlich gelingt es dem Regisseur Gerhard Behrendt in weniger als drei Wochen, für den DFF ein Sandmännchen zu entwickeln und mit Kameramann Horst Walter die erste Folge in aufwendiger Stop-Motion-Technik zu drehen. Das Sandmännchen-Lied komponiert Wolfgang Richter, Musikredakteur beim DDR-Kinderfernsehen, laut Kolportage über Nacht, nachdem ihm der Text am Telefon durchgegeben worden ist. Am 22. November 1959 geht der Ost-Sandmann acht Tage vor seinem Westbruder als Rahmenprogramm zum abendlichen Kinder-Abendgruß in den Kampf um die erzieherische Lufthoheit.

          Der beliebteste Sand-in-die-Augen-Streuer des Landes

          Er ist molliger und kurzbeiniger als das spätere Ost-Sandmännchen, hat noch nicht die geglätteten Züge und typischen Knopfaugen, trägt aber schon das Walter-Ulbricht-Ziegenbärtchen. Auf dem Kopf sitzt nicht die spätere Zipfel-, sondern eine flache Schlafmütze mit Troddel und aufgenähten Sternen. Weil es am Ende seines ersten Auftritts, selbst von Müdigkeit übermannt, an einer Hauswand im Schnee schlafend zusammensinkt, schicken besorgte Zuschauer Briefe ans DDR-Fernsehen, in dem sie dem Sandmännchen fürsorglich ihr eigenes Bett anbieten. Die Zuschauerbindung, so nennt man es heute, funktioniert im Osten von Anfang an vorzüglich. Der West-Sandmann dagegen, den der SFB vom 1. Dezember an zeigt, ist zunächst eine eher dämonisch aussehende einfache Handpuppe, die wesentlich weniger erfolgreich debütiert und noch einige Male neu gestaltet wird, bevor sie zu ihrer bekannten Gestalt findet.

          Ein Auftritt für Hessen

          In der Ausstellung „Das Sandmännchen ist da!“, die die Frankfurter Dependance des Museums für Kommunikation als verfrühtes Geschenk zum fünfzigsten Geburtstag zeigt, lässt sich in einem einzigen Raum die deutsch-deutsche Parallelgeschichte des Sandmännchens im Schnelldurchlauf studieren: Linker Hand und auf einem Mittelpodest das Ost-Sandmännchen mit einigen seiner vielen Fahrzeuge (darunter die politisch-ideologisch so wichtigen Raketen und Raumfahrzeuge für die Eroberung des Weltraums) und anderen Originalrequisiten, auf der rechten Seite Figuren und Fotografien des West-Sandmännchens, an dem sich neben dem SFB bei Gelegenheit auch der NDR versuchen durfte. Auch ein hessisches Sandmännchen ist zu sehen, das allerdings nur für einen einzigen Auftritt zwischen Dom und gerade erbautem Henninger-Turm im Seifenblasennebel verschwinden durfte.

          Auf den ersten Blick ist das Ganze arg übersichtlich geraten. Sehr kursorisch wirkt der Versuch, die Sandmännchengestalt in der (Kunst-)Märchentradition zu verorten, und nicht immer sind die Begleittexte korrekt. So hat E.T.A. Hoffmann 1817 mitnichten den „Schauerroman“ „Der Sandmann“ verfasst, es handelt sich dabei um eine Erzählung aus der Sammlung „Nachtstücke“. Ihren Reiz aber entfaltet die Ausstellung, wenn man sich auf einem großen Teppich zwischen zwei nostalgisch verkleideten Bildschirmen niederlässt und eines der herumliegenden Kissen als Lautsprecher ans Ohr hält. Während auf dem einen Schirm frühe Ostfolgen laufen, zeigt der andere die westlichen Pendants. Zumindest hier gelingt die friedliche Koexistenz der Kobolde.

          Kein Pittiplatsch

          Interessant auch die Entstehungsgeschichte der Ausstellung: Da Frankfurt innerhalb der Stiftung, die das Museum für Kommunikation mit seinen vier Standorten (außerdem Berlin, Hamburg und Nürnberg) nach einer Reorganisation nun darstellt, der Themenkomplex Mediengeschichte zugefallen ist, finden sich im hiesigen Sammlungsdepot die meisten der gezeigten Sandmännchen-Requisiten, die nach der Abwicklung des DFF über die Ost-Post ins Haus gelangten. Man musste, salopp gesagt, nur ins Lager gehen, um Kulissenteile zu finden. Sehr viele Exponate hat man auf diese Weise allerdings nicht versammeln können. Vor allem vermisst man sämtliche Gestalten der eigentlichen Abendgruß-Geschichten. Weder Pittiplatsch noch Frederick und Piggeldy, weder Lola Langohr, der Rabe Socke, Fuchs und Elster noch der kleine König oder Plumps tauchen in der Ausstellung auf.

          Das mag daran liegen, dass der richtige fünfzigste Geburtstag des Ost-Sandmännchens, das viel erlebt hat - beispielsweise im sozialistischen Auftrag die Bruderländer bereiste, den Weltraum erforschte, bei der NVA vorbeischaute, während Panzer durchs Bild fuhren, in der Plattenbausiedlung Wege betonierte, anderswo vorbereitet wird. Im nächsten Jahr wird es eine große Ausstellung im Filmmuseum in Potsdam geben. Denn nach wie vor ist das Sandmännchen in erster Linie eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte; für viele mag es ein politisches Symbol respektive ein Stellvertreter geblieben sein. Nicht zuletzt auch oder gerade weil das Verhältnis des Sandmännchens zur Staatsgewalt der DDR nicht immer spannungsfrei war. Als Ende der Siebziger sogenannte „Republikflüchtlinge“ sich im Heißluftballon aus der DDR absetzten, kam die entsprechende Folge, in der das Sandmännchen in ebenjenem Gefährt zum Abendgruß einschwebte, auf den Index. Übertreiben sollten es die Bürger mit der Identifikation nun auch nicht.

          Ein Wendegewinner

          Das offenkundig harmlose West-Sandmännchen wurde 1989 abgesetzt, wenig später sollte das Ost-Sandmännchen folgen. Wegen der Proteste von Eltern und Kindern wurde es zu einem „der ganz wenigen Wendegewinner im Osten“ (Das Fernseh-Lexikon). Allabendlich im KIKA, RBB und MDR läuft nun mit dem Ost-Sandmännchen nur noch das ehemalige politische Symbol im Kinder-Klassenkampf. Es kommt, wie gehabt, ohne Mund aus und streut nach wie vor den Kindern nach dem Abendgruß Sand in die Augen, reckt jedoch nicht mehr den erhobenen Zeigefinger in die Höhe.

          Das andere freundliche Männchen, das mit dem breiten Kapitänsgesicht und dem Kinnbackenbart, das meistens auf einer Wolke angesegelt kam, kennt man dagegen kaum noch. Bald wird man nicht mehr wissen, dass es auf das Sandstreuen konsequent verzichtete, aber den Schlüssel zum Fernseher besaß, den es nach jeder Zubettgeh-Geschichte sorgfältig abschloss. Ein Grund, es in Frankfurt jetzt wiederzusehen.

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