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Sandmännchen in Ost und West : Wir müssen die gegnerische Sendung treffen

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Auf den ersten Blick ist das Ganze arg übersichtlich geraten. Sehr kursorisch wirkt der Versuch, die Sandmännchengestalt in der (Kunst-)Märchentradition zu verorten, und nicht immer sind die Begleittexte korrekt. So hat E.T.A. Hoffmann 1817 mitnichten den „Schauerroman“ „Der Sandmann“ verfasst, es handelt sich dabei um eine Erzählung aus der Sammlung „Nachtstücke“. Ihren Reiz aber entfaltet die Ausstellung, wenn man sich auf einem großen Teppich zwischen zwei nostalgisch verkleideten Bildschirmen niederlässt und eines der herumliegenden Kissen als Lautsprecher ans Ohr hält. Während auf dem einen Schirm frühe Ostfolgen laufen, zeigt der andere die westlichen Pendants. Zumindest hier gelingt die friedliche Koexistenz der Kobolde.

Kein Pittiplatsch

Interessant auch die Entstehungsgeschichte der Ausstellung: Da Frankfurt innerhalb der Stiftung, die das Museum für Kommunikation mit seinen vier Standorten (außerdem Berlin, Hamburg und Nürnberg) nach einer Reorganisation nun darstellt, der Themenkomplex Mediengeschichte zugefallen ist, finden sich im hiesigen Sammlungsdepot die meisten der gezeigten Sandmännchen-Requisiten, die nach der Abwicklung des DFF über die Ost-Post ins Haus gelangten. Man musste, salopp gesagt, nur ins Lager gehen, um Kulissenteile zu finden. Sehr viele Exponate hat man auf diese Weise allerdings nicht versammeln können. Vor allem vermisst man sämtliche Gestalten der eigentlichen Abendgruß-Geschichten. Weder Pittiplatsch noch Frederick und Piggeldy, weder Lola Langohr, der Rabe Socke, Fuchs und Elster noch der kleine König oder Plumps tauchen in der Ausstellung auf.

Das mag daran liegen, dass der richtige fünfzigste Geburtstag des Ost-Sandmännchens, das viel erlebt hat - beispielsweise im sozialistischen Auftrag die Bruderländer bereiste, den Weltraum erforschte, bei der NVA vorbeischaute, während Panzer durchs Bild fuhren, in der Plattenbausiedlung Wege betonierte, anderswo vorbereitet wird. Im nächsten Jahr wird es eine große Ausstellung im Filmmuseum in Potsdam geben. Denn nach wie vor ist das Sandmännchen in erster Linie eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte; für viele mag es ein politisches Symbol respektive ein Stellvertreter geblieben sein. Nicht zuletzt auch oder gerade weil das Verhältnis des Sandmännchens zur Staatsgewalt der DDR nicht immer spannungsfrei war. Als Ende der Siebziger sogenannte „Republikflüchtlinge“ sich im Heißluftballon aus der DDR absetzten, kam die entsprechende Folge, in der das Sandmännchen in ebenjenem Gefährt zum Abendgruß einschwebte, auf den Index. Übertreiben sollten es die Bürger mit der Identifikation nun auch nicht.

Ein Wendegewinner

Das offenkundig harmlose West-Sandmännchen wurde 1989 abgesetzt, wenig später sollte das Ost-Sandmännchen folgen. Wegen der Proteste von Eltern und Kindern wurde es zu einem „der ganz wenigen Wendegewinner im Osten“ (Das Fernseh-Lexikon). Allabendlich im KIKA, RBB und MDR läuft nun mit dem Ost-Sandmännchen nur noch das ehemalige politische Symbol im Kinder-Klassenkampf. Es kommt, wie gehabt, ohne Mund aus und streut nach wie vor den Kindern nach dem Abendgruß Sand in die Augen, reckt jedoch nicht mehr den erhobenen Zeigefinger in die Höhe.

Das andere freundliche Männchen, das mit dem breiten Kapitänsgesicht und dem Kinnbackenbart, das meistens auf einer Wolke angesegelt kam, kennt man dagegen kaum noch. Bald wird man nicht mehr wissen, dass es auf das Sandstreuen konsequent verzichtete, aber den Schlüssel zum Fernseher besaß, den es nach jeder Zubettgeh-Geschichte sorgfältig abschloss. Ein Grund, es in Frankfurt jetzt wiederzusehen.

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