https://www.faz.net/-gqz-9bvs5

Seehofer-Medien-Kommentar : Sagen, was nicht ist

Ist seiner Zeit voraus: Nachrichten-Chefredakteur der ARD, Kai Gniffke. Bild: dpa

Tritt er zurück, tritt er nicht zurück – das war die Frage des Sonntagabends. Dabei waren sich manche ihrer Sache etwas zu sicher: Die „Tagesthemen“, Seehofer und das Als-ob.

          3 Min.

          Die CSU kann einen schon verwirren. Oder besser gesagt: Horst Seehofer. Tritt er zurück, tritt er nicht zurück, tritt er zurück als Innenminister und Parteivorsitzender? Das war am Sonntagabend die große Frage, die auch das Fernsehprogramm beherrschte. Und anders als bei den langweiligen, aber nervenzehrenden Achtelfinals der Fußball-Weltmeisterschaft, die im Elfmeterschießen entschieden wurden, war um Mitternacht immer noch nicht klar, wie es um Seehofer stand.

          Für einen jedoch war es klar – für den Nachrichten-Chefredakteur der ARD, Kai Gniffke. Die Spätausgabe der „Tagesthemen“ um 23.15 Uhr hatte Caren Miosga mit dem Satz anmoderiert: „Horst Seehofer schmeißt als Innenminister und als CSU-Chef hin.“ Darauf kommentierte Gniffke die Causa Seehofer, als wäre der Rücktritt vollzogen. Zwar sagte er auch, der Rücktritt „wäre eine Befreiung für Deutschland“, doch begonnen hatte er den Satz mit: „Endlich, möchte man sagen“. Seehofer „hätte einen besseren Abgang verdient“, konzedierte Gniffke. „Aber jetzt war’s Zeit.“

          Wer setzt hier wen unter Druck?

          Nur: Seehofer war nicht zurückgetreten. Als Gniffke kommentierte, sah die Nachrichtenlage denkbar unübersichtlich aus. Seehofer habe seinen Rücktritt in der CSU-Sitzung angeboten, hieß es. Die Korrespondenten in München und Berlin spielten daraufhin stundenlang das große Was-wäre-wenn-Spiel. Was wäre, wenn Seehofer ginge, was, wenn er bliebe? Was bedeutete das für ihn und für die CSU? Und für die Bundeskanzlerin, die CDU und die Koalition? Wer hätte gewonnen, wer verloren? Wer setzte wen unter Druck, Seehofer die Bundeskanzlerin oder Angela Merkel ihn und die CSU? Wäre sein Rücktritt ein selbstgewähltes Opfer, von dem die CSU profitierte, oder ihr Bankrott?

          Im ZDF sahen Marietta Slomka und der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte historisch Einmaliges in der Regierungskrise. Über soviel Bedeutungszuwachs kann sich die CSU nur freuen. Die meisten Korrespondenten von ARD und ZDF hielten es zum Glück etwas kleiner, schauten auf das innere Gefüge der Unionsparteien und erörterten endlich einmal, welchen Rückhalt Angela Merkel mit ihrem Flüchtlingskurs eigentlich in der CDU-Fraktion hat (von der CDU-Basis gar nicht zu reden).

          Mit 62,5 Punkten von Seehofers „Masterplan“ einverstanden

          Zu kurz kam bei alldem eine Frage, die sich schon stellte, als die FDP im Herbst die Koalitionsverhandlungen platzen ließ. Damals hieß es, FDP, Grüne und Union seien sich in fast allem einig. Warum sprangen die Freien Demokraten dann ab? Erst nach einigem Larifari von Christian Lindner und Wolfgang Kubicki stellte sich heraus: Sie trauten der Bundeskanzlerin einfach nicht.

          Und jetzt? Ist Angela Merkel angeblich mit 62,5 von 63 Punkten von Horst Seehofers „Masterplan“ einverstanden. Sie kehrt von einem EU-Flüchtlingsgipfel zurück und verkündet, dort habe man in der Frage der Aufnahme von Migranten eine Lösung gefunden, die den Forderungen der CSU „gleichwertig“ sei. Kaum ist das gesagt, meldet sich eine Regierung nach der anderen und dementiert, dass es eine Lösung gebe und man Flüchtlinge aufnehmen werde. Daraus schließen wir was?

          Der „Tagesthemen“-Kommentator Malte Pieper vom MDR schloss daraus vor einer Woche, dass die CSU außer Rand und Band sei und – die Bundeskanzlerin zurücktreten müsse, weil ihr in Europa niemand mehr glaube. Und am Sonntagabend? Bewahrte die „Tagesthemen“-Moderatorin Caren Miosga im Durcheinander dann doch die Contenance, sagte nach ihrem apodiktisch wirkenden Eingangssätzen im Verlauf der Sendung fast übertrieben häufig, dass man nichts Genaues wisse, leitete über zum Nachrichtenchef, und – Kai Gniffke sprang aus der Kiste. Er meinte, dass die CSU den „Erfolg“ des EU-Gipfels doch für sich reklamieren und ihren Vorteil daraus ziehen könne. Stattdessen machten Seehofer und Söder „Politik nach ihrem persönlichen Hormonhaushalt“.

          Mit „Hormonhaushalt“ dürfte all das weniger zu tun haben als mit unterschiedlichen Überzeugungen, Machtkalkül, Taktik und verlorenem Vertrauen. Adrenalinüberschuss schien eher der „Tagesthemen“-Kommentator zu haben. Er war an diesem „Tag für die Geschichtsbücher“ (Caren Miosga) seiner Zeit voraus. Am nächsten Tag aber war Horst Seehofer immer noch nicht zurückgetreten. Er wollte noch einmal mit Angela Merkel reden. Die „Faktenfinder“ des Ersten indes erteilten Kai Gniffke für seinen über die Faktenlage hinausschießenden Sonntagsrede die Absolution. ARD-Faktenprüfer Patrick Gensing filetiert die Nachrichtenlage des Sonntagabends (darunter eine Reuters-Meldung von 22.57 Uhr, in der es vage hieß, Seehofer wolle „offenbar“ zurücktreten und es „soll“ Bemühungen geben, ihn umzustimmen, sowie den in den „Tagesthemen“ zugeschalteten BR-Reporter Julian von Löwis, der betonte, es gebe es noch keine offizielle Stellungnahme) nur um daraus zu schließen: „Die Meldung, Seehofer tritt zurück, was also keine Falschmeldung, sondern zu diesem Zeitpunkt“ – am späten Sonntagabend – „zutreffend“. So kann man seinem Nachrichtenchef natürlich auch helfen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Macht sie verantwortlich!

          Hetze im Internet : Macht sie verantwortlich!

          Die Bundesregierung will, dass Plattformen Hass und Hetze im Netz künftig selbst anzeigen. Das wird Staatsanwälte überlasten und greift zu kurz: Wir müssen an die Konzerne selbst heran. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.