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„Sag’s mir ins Gesicht“ : Tagesschau-Chefredakteur wartet vergeblich auf Trolle

  • -Aktualisiert am

Schlachtfeld für Propaganda und Gegenpropaganda

So dümpelte die Debatte vor sich hin, weil sie ohne Beteiligung der Hasskommentatoren stattfand. Sie verlagerte sich stattdessen auf die Voraussetzungen journalistischer Arbeit. Dabei zeigte sich, wie die Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt die Reputation wohl nicht nur der öffentlich-rechtlichen Medien angeschlagen hat. In diversen Beiträgen wurde dieses Thema angesprochen, wobei sich Gniffke durchaus selbstkritisch zeigte: Gerade zu Beginn der Krise habe sein Sender die russische Perspektive in der Berichterstattung zu wenig berücksichtigt. Das war eine durchaus interessante Erkenntnis. Tatsächlich geht es in der Berichterstattung nicht um die Wahrheit, sondern erst einmal nur um die Schilderung der Perspektiven relevanter Akteure auf wichtige Ereignisse. Zum journalistischen Handwerk in unserem westlichen Verständnis gehört die kritische Würdigung solcher Aussagen, damit sich die Zuschauer eine eigene Meinung bilden können. Ihnen soll gerade nicht „eine Meinung untergejubelt werden“, wie es Gniffke formulierte. Journalistische Objektivität ist eben etwas anderes als die Formulierung sogenannter „Wahrheiten“. Sie hat bestenfalls überprüfbare Fakten zur Grundlage, die aber fast immer zu unterschiedlichen Interpretationen führen.

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Welchen am Ende der Zuschauer folgt, ist nicht die Verantwortung der Berichterstatter. Insofern ist es für Gniffke als Chefredakteur der wichtigsten deutschen Nachrichtensendung sinnlos, sich mit seinen Zuschauern über politische Interpretationen zu streiten. Er will ihnen ja schließlich erst die Grundlagen für solche Diskussionen zur Verfügung stellen. So war gestern Abend zu erleben, was manche Zuschauer darunter verstehen: Nämlich alles für schlechten Journalismus zu halten, was ihrer eigenen Sichtweise widerspricht. Das wurde in einem Disput Gniffkes mit einem Zuschauer über den sogenannten „rechten Sektor“ in der Ukraine deutlich. Ist „Ultra-Nationalisten“, so Gniffke, oder „Nazis“ die richtige Bezeichnung, wie es der Zuschauer meinte. So wird Journalismus zum Kampf um die Deutungshoheit, womit er sich aber endgültig zum Schlachtfeld für Propaganda und Gegenpropaganda degradiert.

Kampf um die Deutungshoheit

Gniffke versuchte dem durchaus etwas entgegenzusetzen. Nur eine Idee kam Gniffke nicht: Ob seine Definition von „hate speech“ nicht dem gleichen Muster entspricht. Nämlich als Kampf um die Deutungshoheit über gesellschaftliche Entwicklungen. Sie beschränkt sich gerade nicht auf strafrechtlich relevante Tatbestände wie Beleidigung oder Volksverhetzung, sondern begreift sich als Instrument zur Steuerung des politischen Diskurses. Als politischer Standpunkt ist das völlig in Ordnung. Nur handelt es sich bei der ARD nicht um ein privatwirtschaftliches Unternehmen in einem pluralistischen Mediensystem. Dort kann sich schließlich jeder aussuchen, ob man einen solchen Standpunkt mit seiner Kaufentscheidung unterstützen will oder nicht.

Die ARD wird dagegen von den Gebühren aller Bürger bezahlt. Diese müssen ihn somit zwangsweise kaufen, selbst wenn sie ihn nicht teilen. Damit schafft sich die ARD erst die Legitimationsprobleme, für die sie aber noch nicht einmal eine journalistische Begründung anzubieten hat. Zu einem guten Journalismus gehören allerdings prononcierte Kommentare, worauf Gniffke mit guten Gründen hinwies. Das ist der Ort, um sich mit kontroversen politischen Inhalten auseinanderzusetzen. Ein journalistisches Stilmittel ist übrigens immer noch die Polemik. Ansonsten sollte sich die ARD auf das beschränken, was niemand hinnehmen muss: Statt Argumenten lediglich unflätige Bemerkungen jeglicher Art zu formulieren. Niemand muss sich beleidigen lassen oder falsche Tatsachenbehauptungen hinnehmen. Das war aber schon immer so. Auf eine grenzenlos gewordene Definition tatsächlicher und vermeintlicher Hasskommentare kann man dagegen gut verzichten.

So kann man nur eines hoffen: Dass in den beiden kommenden Sendungen von „Sag's mir ins Gesicht“ ebenfalls niemand auf die Idee kommt, sich über sinnvolle gesellschaftliche Konventionen hinwegzusetzen. Anja Reschke am Montag und Isabel Schayani am Dienstag (jeweils ab 19:00 Uhr auf dem Facebook-Account der Tagesschau) sollten sich allerdings mit den Zuschauern streiten. Das ist schließlich der Sinn von Journalismus: Streit zu ermöglichen anstatt ihn zu verhindern.

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