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Sachbuch oder Roman? : Kameradin M. und ihre Truppe

Eine einstige Soldatin der Bundeswehr narrt mit Märchen vom Krieg auf dem Balkan die Öffentlichkeit. Die Journalisten machen es ihr leicht. Viel zu leicht.

          5 Min.

          In ihrem exzellenten Buch über die Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert beschäftigt sich die Südosteuropa-Historikerin Marie-Janine Calic auch mit den Legenden, die den blutigen Zerfall Jugoslawiens begleiteten. Unter anderem erwähnt sie die seinerzeit in Serbien verbreitete Meldung, muslimische Extremisten hätten serbische Kinder den Löwen im Zoo von Sarajevo zum Fraß vorgeworfen. "Auch deutsche Politiker sind der einen oder anderen erfundenen Meldung aufgesessen, wie der, dass serbische Ärzte bosnischen Frauen Hundeföten einsetzten. Nicht nur Feindbilder, sondern auch mancher mediale Voyeurismus wurde dadurch bedient", schreibt Marie-Janine Calic.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die Hundeföten-Episode, die ein CDU-Abgeordneter Anfang der neunziger Jahre mit dem an sich honorigen Anliegen verbreitete, die Regierung Kohl zum Eingreifen in Bosnien zu bewegen, ist längst vergessen und war bald überholt vom realen Grauen, das sich in Srebrenica oder den bosnischen Orten an der Drina ereignete. Dennoch blieb "der Balkan" nicht allein Produzent tatsächlicher Grausamkeiten, sondern auch eine florierende Mythenfabrik. Die in den Vereinigten Staaten lehrende Historikerin Maria Todorowa hat diesem Phänomen unter dem Titel "Die Erfindung des Balkans" ein ganzes Buch gewidmet. Verkürzt lautet ihre These, dass der Westen sich seit Jahrhunderten "seinen Balkan" zurechtgelegt hat - eine düstere Karl-May-Landschaft, in der es grausam und verschlagen zugeht, wo Krummdolch oder Revolver locker sitzen.

          Im Heyne Verlag ist ein Buch erschienen, das Todorowas These auf Punkt und Komma bestätigt. Geschrieben hat es die einstige Bundeswehrsoldatin Daniela Matijevic, die 1999 für einige Monate auf dem Balkan eingesetzt war. Unter dem Titel "Mit der Hölle hätte ich leben können" beschreibt sie, was ihr im Kosovo widerfuhr - angeblich. Tatsächlich haben Recherchen dieser und einer kosovarischen Zeitung ergeben, dass einige der horrenden Geschichten erfunden, andere höchst unglaubwürdig sind, so etwa die Schilderung deutscher Soldaten, die aus Hunger das Fleisch eines Hundes aßen, oder die Behauptung, Militärpolizisten der Bundeswehr hätten tatenlos der Ermordung eines Kindes zugesehen (siehe auch: Legendenbildung: Der grausige Krieg der Daniela M.)

          In Interviews schmückte die Autorin ihre Erlebnisse aus: "Ich habe gesehen, wie Menschen ein dreijähriges Kind regelrecht auseinanderrissen. Alle anderen sahen seelenruhig zu, wie der kleine Junge verblutete." In ihrem Buch liest sich das wie eine Mischung aus schlechten Hollywood-Dialogen und Landserheftkitsch.

          Daniela Matijevic beschreibt in einer Szene, wie sie mit ihren Kameraden nach einem vermissten englischen Soldaten gesucht habe, "dessen letzter Aufenthalt das Krankenhaus in Prishtina war". Die Suche gipfelt in unfreiwilliger Komik: "Den britischen Kameraden entdeckten wir im Keller, versteckt unter einem Berg Krankenhausmüll. Er war tot. Er möge in Frieden ruhen." Eine schriftliche Bitte, Zeugen für ihre meist ohne Angabe von Ort, Zeit und Namen verfassten Schilderungen zu nennen, ließ die Autorin unbeantwortet. Die EU-Mission Eulex sowie die UN-Mission Unmik im Kosovo, in deren Archiven sich zumindest Hinweise auf die beschriebenen Verbrechen finden müssten, beschieden Anfragen ebenso negativ wie das Hauptquartier der internationalen Kosovo-Truppen: Man habe die zugänglichen Unterlagen geprüft, ohne einen Hinweis auf die in dem Heyne-Buch geschilderten Verbrechen finden zu können.

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