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Sabine Christiansen : Moskauer Technik

  • -Aktualisiert am

Christiansen: Russen-Sendung ohne Kreml-Kritiker Bild: ddp

Die ARD-Sendung „Sabine Christiansen“ hat den russischen Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow, auch als scharfer Kritiker des Präsidenten Putin bekannt, zu ihrer Sendung am vergangenen Sonntag zuerst ein- und dann wieder ausgeladen. Kurz danach gab es bei Kasparow eine Razzia der Polizei.

          Die ARD bekommt zu spüren, was es heißt, eine politische Talkshow, die das Aushängeschild des ersten Programms darstellen soll, auszulagern. Und sie obendrein als „Unterhaltung“ firmieren zu lassen, auf welche der zuständige Chefredakteur in der Programmdirektion in München keinen Einfluß hat.

          Der Fall: Die Sendung „Sabine Christiansen“ hat den russischen Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow, auch als scharfer Kritiker des Präsidenten Putin bekannt, zu ihrer Sendung am vergangenen Sonntag zuerst ein- und dann wieder ausgeladen. Aus technischen Gründen hieß es, beziehungsweise, weil es zu teuer geworden wäre, ihn aus Moskau zuzuschalten. Klingt das plausibel?

          Kasparow sei „nicht mehr vonnöten“ gewesen

          Für Garri Kasparow tut es das nicht und auch nicht für den früheren Moskau-Korrespondenten der ARD, Klaus Bednarz, der von Christiansen ebenfalls zuerst ein- und dann wieder ausgeladen wurde. „Der russische Botschafter hat sich in einem Vorgespräch geweigert, gemeinsam mit Kasparow vor die Kamera zu treten“, das habe ihm ein Mitarbeiter der „Christiansen“-Redaktion gesagt, berichtete Bednarz im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Das wird von dem „Christiansen“-Sprecher, Michael Ortmanns, bestritten. Es sei ausgeschlossen, daß ein Kollege Bednarz dergestalt informiert habe. Und es treffe auch nicht zu, daß der russische Botschafter, Wladimir Kotenew, sich geweigert habe, mit Kasparow in einer Sendung zu sein. Im Gegenteil, heißt es bei „Christiansen“, hätte Kotenew so etwas gefordert, hätte man eher auf ihn verzichtet.

          Hat die russische Botschaft interveniert?

          Der Sprecher der russischen Botschaft in Berlin, Swjatoslwa Kutschko, sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, von einem Wunsch des Botschafters, nicht gemeinsam mit Kasparow aufzutreten, sei ihm nichts bekannt. Über die Einladungen habe die Redaktion von „Christiansen“ entschieden. Warum hat diese dann aber auf den prominenten Kreml-Kritiker Kasparow verzichtet? Es sei eine Abwägung von Aufwand, Kosten und Nutzen gewesen, sagt der „Christiansen“-Sprecher, „zu aufwendig“, und schließlich sei Kasparow angesichts der Besetzung der gesamten Diskussionsrunde „aus Sicht der Redaktion nicht mehr vonnöten“ gewesen.

          Das muß nicht nur für russische Oppositionelle wie Hohn klingen. Kasparow hat im eigenen Land wenig Gelegenheit, seine Stimme zu erheben. Um so wichtiger wäre es für ihn und das mit ihm verbundene „Bürgerforum“ gewesen, im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen Gehör zu finden. Es sei mit der Redaktion von „Christiansen“ schon alles abgesprochen gewesen, sagte Kasparow. Er vermute, daß die russische Botschaft in Berlin gegen ihn interveniert habe.

          Razzia im Büro der Bürgerrechtsbewegung

          Interveniert wurde jedenfalls umgehend in Moskau. Bei Kasparow gab es am Dienstag eine Razzia der Polizei. Kaum hatte er über den Radiosender „Echo Moskwy“ geklagt, die ARD habe ihn auf Druck des russischen Botschafters aus der Talkshow ausgeladen, veranstaltete die Antiterrorpolizei eine Razzia im Büro von Kasparows Bürgerrechtsbewegung „Vereinte zivile Front“ (Objedinjonnyj graschdanski front).

          In der Mittagszeit, als Kasparow mit Mitstreitern aus den russischen Regionen den landesweiten Kongreß der Bürgerfront abhielt, drangen fünfzehn Polizeibeamte in Zivil in die Moskauer Geschäftsräume ein. Mit einem Papier, das sie zur Hausdurchsuchung berechtigte, durchstöberten sie Buch- und Zeitungspublikationen der Zivilen Front. Von den Mitarbeitern des Büros ließen sich die Ordnungshüter Paßkopien aushändigen, verlangten, die Computer auszuschalten, und drohten, die Festplatten zu konfiszieren.

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