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Saarland-„Tatort“ im Ersten : Wenn der Lynchmob aus dem Netz marschiert

  • -Aktualisiert am

„Adams Alptraum“: Die Kommissare Lisa Marx (Elisabeth Brück) und Jens Stellbrink (Devid Striesow) im (etwas zu langsamen) Einsatz Bild: SR/Manuela Meyer

Ein Schwimmtrainer soll Kinder missbraucht haben, heißt es. Vermummte Gewalttäter schlagen ihn zusammen. Dann geht alles ganz schnell - zu schnell vor allem für die „Tatort“-Ermittler um Devid Striesows Kommissar Stellbrink.

          Ein Siebzehnjähriger wird des Mordes an einem Mädchen verdächtigt. Der Öffentlichkeit, zumal der digitalen, gilt die Schuld sofort als erwiesen. Ein im Internet zusammengetrommelter Lynchmob schickt sich an, das Polizeirevier zu stürmen, in dem der Verdächtige weilt. Schließlich stellt sich heraus, dass der Junge Opfer eines Rufmordes wurde, denn der wahre Mörder legt ein Geständnis ab. Das geschah vor beinahe zwei Jahren in Emden. Der grob ähnliche Inhalt des neuen „Tatorts“ des Saarländischen Rundfunks unter der Regie von Hannu Salonen („Verbrechen“, „Der Kriminalist“) ist also höchst aktuell.

          In diesem Fall trifft es einen beliebten Schwimmtrainer. Sven Haasberger wird von einer Horde vermummter Gewalttäter - einem „Flashmob“, wie man uns arg didaktisch erklärt - brutal zusammengeschlagen. Zwar können Sanitäter ihn wiederbeleben, aber er liegt fortan im Koma. Anonyme Pädophilievorwürfe reichen der Boulevardpresse aus, um Haasberger als „Badehosen-Grapscher“ zu titulieren.

          Freilich ist nicht ausgeschlossen, dass die Vorwürfe zutreffen. Kommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow), stets wonneproppenproper, wenn auch diesmal - vielleicht als Reaktion auf die Kritiken - deutlich weniger auf schrägen Witz gebürstet, hat indes kein gutes Gefühl dabei, dass aus einem Opfer so schnell ein Täter wird.

          Biotop für affektive Schnellurteile und Massenhysterie

          Das Internet, das wesentlich Beschleunigung von Kommunikation ist, erweist sich hier und wohl zu Recht als Biotop für affektive Schnellurteile und Massenhysterie. Allerdings muss man dem Buch von Lars Montag und Dirk Kämper zugutehalten, dass es nicht in die gleiche Falle tappt: „Adams Alptraum“ ist keine pauschale Anklage gegen soziale Netzwerke. Das Netz ist eben nicht besser als seine Nutzer, aber damit keineswegs die Ursache für Selbstjustiz. Vorverurteilungen finden denn auch auf allen Ebenen statt.

          „Adams Alptraum“: Der bald danach verdächtige Schwimmtrainer Sven Haasberger (Markus Hoffmann) im Kreise seiner Jungs

          Gut eingefangen ist die an eine Vergiftung erinnernde Wirkweise des Verdachts. Einmal in der Welt, ist er nicht mehr zurückholbar, sickert selbst dort ein, wo sonst Logik und Reflexion herrschen, wenn nur der Vorwurf monströs genug ist. Prophylaktisch wird das Schlimmste angenommen und damit eine Art Ausnahmezustand legitimiert: lieber die Würde eines möglichen Täters antasten als die Möglichkeit einer Tat zulassen, selbst retrospektiv, wie in diesem Fall.

          Wir sehen hysterische Eltern, die ihren Kindern suggestive Fragen stellen und die Antworten überinterpretieren. Selbst Stellbrinks Kollegin Lisa Marx (Elisabeth Brück) scheint beinahe überzeugt, dass sich der Schwimmtrainer unter der Identität Adam in verschiedenen Foren unziemlich an Jugendliche herangemacht hat. Dabei sind die Indizien schwach: Würde ein Triebtäter wirklich sein eigenes Tattoo, Michelangelos Finger, als Logo benutzen?

          Uninspiriert ermittelt die Saarland-Polizei vor sich hin

          Warum aber muss ein interessantes Thema so lieblos ausagiert werden? Derart uninspiriert, dass es schon lustlos wirkt, ermittelt die Saarland-Polizei vor sich hin. Flache Dialoge, viel Erklärton, uninteressante Figuren (ganz schlimm der von Hartmut Volle gemimte Spurensicherer Horst), ohne alle Finesse ausgelegte falsche Fährten, immer wieder plötzliches Umschalten von höchst konspirativ zu fröhlich kooperativ: Der Film ist vor allem ein Albtraum für das Publikum, das teils - und dann besonders gelangweilt - sogar einen Vorsprung hat.

          Und warum hält man uns für so beschränkt, dass man aus dem Nichts eine orakelhafte Ausdeuterin auftauchen lässt, die das Offensichtliche - schmal ist der Grat zwischen Lügen und Wahrheit, Emotionen trüben den Blick - noch einmal in Worte fasst? Auch die völlig unglaubwürdige Auflösung muss schließlich umständlich erklärt werden.

          Dieser farblose Ermittler, dessen einziges Markenzeichen inzwischen die rote Vespa ist, fremdelt weiter mit seiner Rolle zwischen Clown und Held. Die meiste Zeit nimmt man Devid Striesow den Kommissar gar nicht ab. Nur einmal (und haarsträubend motiviert) kommt per Action-Einlage in einem Nahverkehrsbus für Sekunden etwas Schwung in die langatmige, fahrige Handlung. Für einen „Tatort“ reicht das nicht.

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