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Medien in Afghanistan : „Wir haben Schläger auf den Straßen“

Anchorwoman Sadaf präsentiert bei Tolo News die Nachrichten. Der Nachrichtensender wurde von den Taliban bisher größtenteils in Ruhe gelassen. Bild: Rainer Hermann

Die Zukunft der Medien in Afghanistan ist ungewiss. Medienunternehmer Saad Mohseni spricht über geflüchtete Kollegen, Versprechen der Taliban und den Plan, solange es geht weiter zu machen.

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          Ihre Fernsehsender, vor allem der Nachrichtensender Tolo News, wurde von den Taliban bisher größtenteils in Ruhe gelassen. Wissen Sie schon, wie lange die Situation so bleiben wird?

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Saad Mohseni: Nein, im Moment herrscht vor allem Verwirrung. Es gibt ganz offensichtlich einen Kampf innerhalb der Taliban, wer die Macht über was bekommen soll. Es gibt zum Beispiel eine Kommission für Kultur, die auch für die Medien zuständig ist. Die hat aber nicht unter Kontrolle, was auf den Straßen von Kabul passiert. Am Mittwoch wurde einer unserer Reporter nur einen Kilometer von unserem Büro entfernt von den Taliban zusammengeschlagen, seine Kamera und sein Handy wurden ihm abgenommen. Das mag nicht die Absicht der Taliban-Führung sein, aber es macht deutlich, wie schwer es sein wird, die Stadt zu kontrollieren, ohne Institutionen zu haben.

          Glauben Sie, das Problem ist wirklich, dass die Taliban ihre Leute auf der Straße nicht kontrollieren können? Nehmen Sie ihnen denn ab, dass sie die Pressefreiheit erhalten wollen?

          Ich weiß nicht, ob sie nicht ehrlich sind oder einfach ihre Truppen nicht im Griff haben. Wir haben es mit Schlägern auf den Straßen zu tun. Das sind keine disziplinierten Soldaten. Diese Leute wurden zum Töten ausgebildet, nicht zur Polizeiarbeit. Außerdem kann sich morgen schon ändern, was sie heute denken. Es gibt viele Dinge, die wir über die Taliban nicht wissen. Aber das heißt nicht, dass wir nicht versuchen sollten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Nicht nur als Medien, sondern auf allen Ebenen, ob das Hilfsorganisationen, ausländische Firmen oder NGOs sind. Das Schicksal von 37 Millionen Afghanen, die in diesem Land gefangen sind, steht auf dem Spiel.

          Saad Mohseni in seinem Büro in Kabul. Die Aufnahme stammt aus dem Januar 2016.
          Saad Mohseni in seinem Büro in Kabul. Die Aufnahme stammt aus dem Januar 2016. : Bild: Picture Alliance

          Können denn die Tolo-Mitarbeiter immer noch genauso arbeiten wie vorher? Sie sind zwar ein bisschen vorsichtiger geworden, was das Unterhaltungsprogramm betrifft, aber ist das die einzige Einschränkung?

          Wir versuchen unser Bestes. Aber wenn Leute zusammengeschlagen werden, ist es schwierig für Sie, rauszugehen und Ihre Arbeit zu machen.

          Gibt es Mitarbeiter, die Afghanistan bereits verlassen haben oder sich verstecken müssen?

          Ja viele. Einige sind geflohen, einige verstecken sich, einige wollen das Land verlassen. Das macht es schwierig für uns. Wir brauchen gute Leute, um unser Geschäft aufrechtzuerhalten.

          Zu welchem Zeitpunkt würden Sie sagen: Wir müssen den Sender schließen und gehen?

          Wenn die Taliban so weitermachen, lassen Sie uns vielleicht keine Wahl. Aber wir dürfen jetzt keine voreiligen Schlüsse ziehen. Die Taliban haben noch nicht einmal eine Regierung ernannt, geschweige denn einen Verantwortlichen für Medien. Wir werden unsere Arbeit weitermachen, solange es möglich ist, und wir sind froh, dass die Taliban uns das erlauben. Wir müssen abwarten, wie restriktiv die Regeln für die Medien am Ende sein werden. Die Geschichte spricht nicht für die Taliban, auch nicht die jüngere Geschichte. Aber sie hören nicht auf zu sagen, dass sie sich verändert haben. Mal sehen, wie sie sich verändert haben.

          Selbst wenn sich die moderaten Kräfte der Taliban durchsetzen, kann man sich kaum Bedingungen für die Presse vorstellen, die besser sind als beispielsweise in Iran oder in Qatar. Können Sie sich vorstellen, unter diesen Bedingungen einen Fernsehsender zu betreiben?

          Natürlich haben wir rote Linien. Aber ich kann im Moment unmöglich eine klare Aussage treffen, was wir akzeptieren werden können und was nicht. Natürlich wird es mehr Restriktionen geben, die Frage ist welche. Im Unterhaltungsprogramm könnten wir vermutlich mit ein paar Restriktionen leben können. Im Nachrichtenprogramm wäre das viel schwieriger.

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