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Talkshows in Russland : Lasst sie „Sch...“ fressen

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In Russland sind Talkshows ein großes Geschäft: Artjom Schejnin setzt einem Gast in seiner Sendung einen Eimer voller Exkremente vor. Bild: Foto YouTube/Svezhiy Kompot/Screenshot F.A.Z.

Die Wahlschlachten des russischen Fernsehens diskreditieren alle, nur einen nicht. In den Talkshows sind sich Putins Vasallen für keinen Unrat zu schade.

          Russland ist zurzeit voll von Plakatwänden, auf denen steht: „2018. März – Präsidentschaftswahl in Russland“. Ein Zahlenspiel, noch dazu platzsparend: Die Wahl findet am 18.März 2018 statt, und die Werbestrategen hielten es für einen guten Gag. Man will die Russen daran erinnern, wann sie wählen sollen. Die Frage ist nur, wozu. Die Führer der parlamentarischen Opposition sind gezähmt, dressiert und kastriert. Sjuganow, Schirinowski und Jawlinski sind fett und faul geworden, schnurren auf Präsident Putins Schoß. Liberale, Nationalisten und Kommunisten dürfen nur Statisten und Schauspieler aufstellen. Der Einzige, den Putin für einen Konkurrenten zu halten scheint, der Korruptionsbekämpfer Aleksej Nawalnyj, wurde nicht zu den Wahlen zugelassen, das Fernsehen ignoriert ihn.

          Dafür wurde das Schauspielerensemble erneuert. Für die Kommunisten wurde der Geschäftsmann Pawel Grudinin zum Kampf mit dem Drachen abkommandiert, für die liberale Öffentlichkeit Xenia Sobtschak, Fernsehstar und Tochter von Putins früherem Ziehvater aus Leningrader Zeiten, Anatoli Sobtschak. Natürlich erteilte die Präsidialadministration – das einzige ergebnisorientierte politische Organ in Russland – den Streitern vorab ihren Segen.

          Putin als weiser Herrscher

          Die Fernsehdebatten der Präsidentschaftskandidaten toben, prinzipienfeste Kommunisten fordern konformistische Kommunisten heraus, der Nationalist Wladimir Schirinowski beschimpft Sobtschak in einer Live-Sendung als „Hure“, woraufhin sie ihm ein Glas Wasser ins Gesicht schüttet und ihn einen „wild gewordenen Clown“ nennt. Vor dem Hintergrund dieser Figuren wirkt Putin wie ein Mustereuropäer, ein Musterpatriot, Musterpatriarch und bleibt doch immer er selbst – ein gesichtsloser Teflon-Niemand, ohne Identität, ohne Familie, ohne Vergangenheit.

          Fernsehdokumentationen von Putins Lieblingspropagandisten Wladimir Solowjow zeigen ihn unterdes als weisen Herrscher. Die Wirtschaftsdauerkrise, Selbstbereicherung der Machthaber, die Verarmung der Bevölkerung kommen nicht vor. Vielmehr macht darin Putin Russland wieder zur Supermacht. In dieser Phantasierealität wurde Russland, das dem Westen nach der Perestrojka naiv vertraute, von diesem betrogen. In dieser Phantasierealität ist Russland immer das Opfer, nie an etwas schuld. Der Anschluss der Krim – nur so konnte man ihrer Besetzung durch die Fünfte Flotte der US Navy zuvorkommen. Der Einmarsch prorussischer und quasirussischer Streitkräfte in den Donbass – damit rettete man die friedliche Zivilbevölkerung vor den Faschisten, die in Kiew an die Macht gekommen waren. Das militärische Abenteuer in Syrien – reiner Selbstschutz gegen die Terroristen des „Islamistischen Staates“.

          Raketenangriff auf Florida als Wahlprogramm

          In seiner Ansprache an die Machtelite widmet Putin vierzig Minuten der Präsentation neuer Waffensysteme, auf riesigen Bildschirmen wird ein Raketenangriff auf Florida simuliert. Das ist das Wahlprogramm des Hauptkandidaten. Die Föderale Versammlung applaudiert im Stehen.

          Im Fernsehen ist die Königsdisziplin die Talkshow – sie allein gibt den russischen Propagandameistern die Freiheit, die sie brauchen, um die Welt komplett auf den Kopf zu stellen. Gesunde Gesellschaften brauchen Talkshows, um soziale und politische Probleme zu diskutieren und Dampf abzulassen. Russische Talkshows gleichen eher einem Schnellkochtopf, der hermetisch verschlossen auf dem Herd steht. Darin brodelt unaufhörlich die Liebe zu den Führern und der Hass auf die Feinde, und die Siedetemperatur der Debatten ist so hoch, dass es ständig den Anschein hat, der Topf könnte im nächsten Moment explodieren.

          Diskussionen werden imitiert. Man behandelt wichtige Themen – die Situation in der Ukraine, die Krim, Amerika seit Trump, Europas Verschwörung gegen Russland, den Krieg in Syrien. Jede neue Nachricht wird unverzüglich in diesen Kontext und die fertigen Schablonen eingepasst, schnipp, schnapp, schneidet man alles Überflüssige ab.

          Die Experten des Kremls ziehen sie durch die Scheiße

          Auf der Seite des Staats tritt ein schlagkräftiges Kommando professioneller „Experten“ auf – Duma-Abgeordnete, Politologen, Ideologen, Chefredakteure loyaler Medien. Sie sind aufeinander abgestimmt, schreien aus vollem Hals, ihre Rollen sind festgelegt, und die Moderatoren hüten sich, sie zu unterbrechen.

          Doch auch die angeklagte Partei erhält das Wort – Vertreter der Ukraine oder Europas (meistens Polen, manchmal auch Deutsche) oder Amerikas. Diese Vertreter sehen entweder zu gut aus („feine Pinkel!“) oder zu schlecht („da sieht man’s!“), haben einen lächerlichen Akzent, machen Fehler und reden um den heißen Brei herum. Als Migranten der Talkshows wandern sie von einem Sender zum anderen und verkörpern überall die Käuflichkeit der Ukraine, Amerikas Idiotie, Europas Untergang.

          Die Experten des Kremls ziehen sie durch die Scheiße (noch dürfen Sie annehmen, das sei eine Metapher), und zwar demonstrativ – während die Repräsentanten des Westens sich hernach kurz schütteln und zur nächsten Talkshow trotten, als wäre nichts gewesen.

          Im Studio wird ständig gebrüllt

          Die Moderatoren, die doch eigentlich verpflichtet wären, sich neutral zu verhalten, fühlen sich zu gar nichts verpflichtet. Im Studio wird ständig gebrüllt, die Wortwahl erinnert oft eher an ein Gefängnis als an die Straße. Der Moderator der Show „Das Recht der Stimme“, Roman Babajan, herrschte den polnischen Experten Tomasz Maciejczuk vor laufender Kamera an: „Verpiss dich von hier!“, und zwei Politologen des Kremls, Sergej Michejew und Sergej Markow, stürzten sich auf ihn, um ihn zu verprügeln. In einer Übertragung des Militärsenders Swesda wurde dem ukrainischen Politologen Wjatscheslaw Kowtun ins Gesicht geschlagen. Und ein anderer Moderator, Andrej Norkin, der früher Demokrat war, versuchte den ukrainischen Politologen Maxim Suworow höchstpersönlich zu verprügeln, weil er fotografische Beweise für die Behauptung eines Studiogastes verlangt hatte, dass die ukrainische Armee eine Siedlung bei Donezk bombardiert habe. Die Ko-Moderatorin Olga Belowa sagte, sie bedauere, dass sie als Frau dabei nicht mittun konnte. Norkin und Belowa bezeichneten Suworows Forderung als „Frechheit“.

          Angriff auf den ukrainischen Politologen Wjatscheslaw Kowtun in einer Swesda-Sendung

          Der Moderator der Diskussionssendung „Erstes Studio“, Artjom Schejnin, lud einen ukrainischen Gast ins Studio ein, der angeblich versprochen hatte, einen Eimer Scheiße zu fressen, wenn die Krim nicht wieder Teil der Ukraine werde. Der Gast bestritt, etwas Derartiges gesagt zu haben, und rief sinngemäß, der Moderator habe alle roten Linien überschritten. Doch im russischen Fernsehen gibt es keine roten Linien. Gleich nach diesen Worten trug Schejnin einen Eimer mit der Aufschrift „Sch...ße“ ins Studio, hob vor laufender Kamera den Deckel – und dort befand sich tatsächlich ein Haufen Exkremente; der ukrainische Gast wurde aufgefordert – noch mal: in einer Live-Sendung, zur Primetime, im wichtigsten russischen TV-Kanal –, diese Exkremente zu fressen. Auf ein Signal des Regisseurs hin brach das Publikum in stürmischen Applaus aus.

          Überschreitet genussvoll „alle roten Linien“: Talkmaser Artjom Schejnin geht mit dem Eimer voller Exkremente auf seinen Gast aus der Ukraine zu.

          Dem ist nichts hinzuzufügen. Das „Erste Studio“ hat das perfekte Bild inszeniert, besser lässt sich das russische Fernsehen nicht beschreiben: ein Emaileimer, dessen Deckel man eines Tages aufgemacht hat und seitdem nicht mehr zukriegt, weil die braune Masse unaufhaltsam ans Tageslicht drängt. Nur werden damit nicht ukrainische Politologen, sondern wir, das russische Wahlvolk, vollgestopft.

          In Russland, das sich durch staatsbürgerliche Teilnahmslosigkeit und politische Apathie auszeichnet, ist das Fernsehen zu einem Reservat des Hasses und der patriotischen Hysterie geworden – und wer weiß, vielleicht ist das Volk auch deshalb so schlapp, weil die Nonstop-Epilepsie der Gerechten auf den staatlichen TV-Kanälen ihm alle Kräfte raubt.

          Die schweren Propagandawaffen, erstmals eingesetzt, um den Majdan zu beschießen, haben seitdem nicht mehr geschwiegen. Man annektierte unter ihrer Deckung die Krim, nahm mit ihnen die ukrainische Führung unter Beschuss, walzte den Donbass nieder; sie taten sich bei der Befreiung Palmyras hervor; sie ballerten Siegessalven, als der feurige Trump auf weißem Ross in Washington einzog. Und jetzt haben die ordensgeschmückten Batteriekommandeure den Auftrag, auf die Präsidentschaftskandidaten zu feuern. Auf alle außer einen natürlich.

          Alle – außer einer natürlich – werden in Talkshows eingeladen, sie werden verlacht, entlarvt, es wird kompromittierendes Material gegen sie präsentiert, es werden Spezialmethoden an ihnen erprobt. Wie der verprügelte Politologe Kowtun für den Fernsehzuschauer die Ukraine verkörpert und der lächerliche Michael Bohm Amerika, so personifiziert Xenia Sobtschak die abgehobenen Moskauer Liberalen (was auch Nawalnyj diskreditieren soll), Pawel Grudinin den Kommunismus mit menschlichem Angesicht, Wladimir Schirinowski die unverbesserlichen Nationalisten und Imperialisten. Mit ihnen tunkt man auch ihre Ideen und Überzeugungen in den Emaileimer. Und der Regisseur gibt dem Publikum das Signal für den Applaus.

          Doch der Eimer enthält den Dünger, den Humus, auf dem die neue, die vierte Amtszeit Putins wächst. Er ist lebensspendend, wundertätig, deswegen müssen wir noch ein bisschen ausharren. Die Werbestrategen des Kremls suggerieren uns indes, dass wir nicht bis zum 18., sondern bis zum 2018. März ausharren müssen. Das heißt, wir müssen noch zweitausend Tage, sechs Jahre von Putins schlechten Zeiten überdauern. Danach gibt es einen Wechsel. Aber er ist doch noch ganz jung, der Wladimir Putin. Er wirkt, als besitze er die ewige Jugend. Wie käme er dazu, in sechs Jahren abzutreten? Dann kommt er doch erst in die Blüte seiner Jahre. Und unser Leben wird ihm zum Humus.

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