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Talkshows in Russland : Lasst sie „Sch...“ fressen

  • -Aktualisiert am

Im Fernsehen ist die Königsdisziplin die Talkshow – sie allein gibt den russischen Propagandameistern die Freiheit, die sie brauchen, um die Welt komplett auf den Kopf zu stellen. Gesunde Gesellschaften brauchen Talkshows, um soziale und politische Probleme zu diskutieren und Dampf abzulassen. Russische Talkshows gleichen eher einem Schnellkochtopf, der hermetisch verschlossen auf dem Herd steht. Darin brodelt unaufhörlich die Liebe zu den Führern und der Hass auf die Feinde, und die Siedetemperatur der Debatten ist so hoch, dass es ständig den Anschein hat, der Topf könnte im nächsten Moment explodieren.

Diskussionen werden imitiert. Man behandelt wichtige Themen – die Situation in der Ukraine, die Krim, Amerika seit Trump, Europas Verschwörung gegen Russland, den Krieg in Syrien. Jede neue Nachricht wird unverzüglich in diesen Kontext und die fertigen Schablonen eingepasst, schnipp, schnapp, schneidet man alles Überflüssige ab.

Die Experten des Kremls ziehen sie durch die Scheiße

Auf der Seite des Staats tritt ein schlagkräftiges Kommando professioneller „Experten“ auf – Duma-Abgeordnete, Politologen, Ideologen, Chefredakteure loyaler Medien. Sie sind aufeinander abgestimmt, schreien aus vollem Hals, ihre Rollen sind festgelegt, und die Moderatoren hüten sich, sie zu unterbrechen.

Doch auch die angeklagte Partei erhält das Wort – Vertreter der Ukraine oder Europas (meistens Polen, manchmal auch Deutsche) oder Amerikas. Diese Vertreter sehen entweder zu gut aus („feine Pinkel!“) oder zu schlecht („da sieht man’s!“), haben einen lächerlichen Akzent, machen Fehler und reden um den heißen Brei herum. Als Migranten der Talkshows wandern sie von einem Sender zum anderen und verkörpern überall die Käuflichkeit der Ukraine, Amerikas Idiotie, Europas Untergang.

Die Experten des Kremls ziehen sie durch die Scheiße (noch dürfen Sie annehmen, das sei eine Metapher), und zwar demonstrativ – während die Repräsentanten des Westens sich hernach kurz schütteln und zur nächsten Talkshow trotten, als wäre nichts gewesen.

Im Studio wird ständig gebrüllt

Die Moderatoren, die doch eigentlich verpflichtet wären, sich neutral zu verhalten, fühlen sich zu gar nichts verpflichtet. Im Studio wird ständig gebrüllt, die Wortwahl erinnert oft eher an ein Gefängnis als an die Straße. Der Moderator der Show „Das Recht der Stimme“, Roman Babajan, herrschte den polnischen Experten Tomasz Maciejczuk vor laufender Kamera an: „Verpiss dich von hier!“, und zwei Politologen des Kremls, Sergej Michejew und Sergej Markow, stürzten sich auf ihn, um ihn zu verprügeln. In einer Übertragung des Militärsenders Swesda wurde dem ukrainischen Politologen Wjatscheslaw Kowtun ins Gesicht geschlagen. Und ein anderer Moderator, Andrej Norkin, der früher Demokrat war, versuchte den ukrainischen Politologen Maxim Suworow höchstpersönlich zu verprügeln, weil er fotografische Beweise für die Behauptung eines Studiogastes verlangt hatte, dass die ukrainische Armee eine Siedlung bei Donezk bombardiert habe. Die Ko-Moderatorin Olga Belowa sagte, sie bedauere, dass sie als Frau dabei nicht mittun konnte. Norkin und Belowa bezeichneten Suworows Forderung als „Frechheit“.

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