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Russischer Pass für Depardieu : Man muss ganz Russland schrubben, damit es für Depardieu glänzt

  • -Aktualisiert am

Bisschen eng, die Reisegarderobe: Gérard Depardieu vor dem Umzug nach Russland Bild: New YorkTimes Cartoons/laif

Haltet ihn fest und behandelt ihn gut! Sonst kann es passieren, dass der Schauspieler dem Land so rasch den Rücken kehrt wie mancher Franzose vor ihm.

          Die französische Seele ist Dunkelheit. Deshalb birgt die surrealistische Geste des Gérard Depardieu - des ersten Franzosen von Weltruf, der je die russische Staatsbürgerschaft angenommen hat - auch weitaus mehr Sinn und Unsinn in sich, als es auf den ersten Blick scheint.

          Ja, auch die Franzosen haben ihre nationale Seele. Sie ist nicht weniger rätselhaft, aber noch verschlossener als die der Russen. Trotz eines ganzen Ozeans französischer Literatur wurde bis heute keine Enzyklopädie der französischen Seele geschrieben, und zwar ebendarum, weil der Franzose sich und anderen nicht erlaubt, in der eigenen Seele herumzustochern, da er dies als Eindringen in sein Eigentum und einen aggressiven, schamlosen Akt versteht, vergleichbar mit dem Rockhochheben in der Öffentlichkeit.

          Bei aller Schonung französischer Gefühle muss man jedoch sagen, dass ohne ein Eindringen in die französische Seele die Geste Depardieus, dieses Oberfranzosen schlechthin, dieses, auf gut Russisch gesagt, Franzos Franzosowitsch, nicht zu erklären ist. Die französische Seele ist wie unsere eigene vertraute Seele in vielerlei Hinsicht widersprüchlich, dies allerdings auf ihre Weise. Einerseits ist sie aufmüpfig, revolutionär und eigensinnig. Sie ist Republikanerin, die große Französin Marianne. Sie besitzt einen allseits bekannten Leichtsinn, der ihr hilft, mit den Ängsten des Lebens fertig zu werden, und der sich letztlich dadurch erklärt, dass sie trotz aller historischen Peripetien eine glückliche und keine totgeschlagene und in den Asphalt getretene Seele ist.

          Frankreichs Seele und die Macht

          Andererseits aber neigt die französische Seele zu Ehrgeiz, der bisweilen in Eitelkeit übergeht, zu persönlichem Egozentrismus, zu einem gewissen Standesbewusstsein und Eigenlob. Der Franzose ist bereit, die radikalsten demokratischen Prinzipien zu verteidigen, aber er wird auch glücklich und stolz sein, sich in Gesellschaft von Königen, Prinzen, Milliardären, Hollywood-Schauspielerinnen und überhaupt einflussreichen Leuten aufzuhalten. Die Macht von anderen mag er nicht, aber die eigene Macht wärmt seine französische Seele. Und schließlich ist er ein geborener Patriot seines märchenhaft schönen, an Künsten reichen und wie die Haut einer schönen Dame gepflegten Landes, und deshalb echauffiert er sich, wenn Frankreich Dummheiten macht, sich beispielsweise amerikanischen Einflüssen hingibt, kurzum, nicht das tut, was es seiner göttlichen und überdies Voltaireschen Bestimmung nach tun sollte.

          Depardieu passt wunderbar hinein in dieses Amalgam von Gefühlen, ein Fels in der Brandung aller möglichen Ideologien. Die französische Seele glaubt wie die unsere mehr und tiefer an das Wort als an die Tat, aber im Unterschied zu uns erlaubt ihr die französische Rhetorik, ungehindert und vollmundig über Dinge zu sprechen, von denen sie nichts oder nur ganz wenig versteht. Mit seinen Äußerungen über unser Land, dessen große Demokratie und dergleichen angenehme Dinge, welche die französische Höflichkeit hervorzuheben gebietet, demonstrierte Depardieu glänzend diese Besonderheit des nationalen Bewusstseins. Mit einem Staatsoberhaupt auf Du und Du, herzliche Umarmungen, gemeinsames Dinieren und die Möglichkeit der Selbstdarstellung in den höchsten Sphären - das ist wie Ostern und Weihnachten zusammen.

          Avantgarde des Weltkommunismus

          Ich erinnere mich, wie ein anderer berühmter Franzose, Maurice Druon (damals habe ich für ihn gedolmetscht, bei einer Dostojewski-Festveranstaltung im Jahr 1972), jubelte, als ihm die Ehre zuteil wurde, mit der Ministerin für Volksbildung, Jekaterina Furzewa, im Kreml zu speisen, und wie er froh nickte, während er ihrer Darstellung der sowjetischen Strategie der Militärinvasion in der Tschechoslowakei lauschte. Aber bei jener Gelegenheit wurde Druon vom damaligen französischen Botschafter ausgebremst. Die Jahre vergingen, und Druon jubelte wieder, als er dann in die höchsten Kremlsphären gelangte - ein königlicher Empfang ist wichtiger als abstrakte Prinzipien. Auf die Idee, unsere Staatsbürgerschaft zu beantragen, verfiel Druon übrigens nicht.

          Der Fall Depardieu liegt anders. Sohn eines Blechschmieds und Kommunisten, erinnert er sich bis heute daran, wie sein Vater „Radio Moskau“ hörte, und bis heute scheint ihm, dass wir - die Avantgarde des Weltkommunismus - in der Vorfreude auf das künftige große Glück leben.

          Kultige Personifizierung französischer Lebensart

          Der Kommunismus hat schon viele bedeutende Franzosen, von Picasso bis Aragon, bezaubert - er war eine Art scharfes Importgewürz zum französischen Essen. In eine bessere Zukunft humpeln wir jetzt allerdings nur in den Augen von Depardieu. Andererseits hat Depardieus Geste damit zu tun, dass Frankreich selbst ganz real zu humpeln angefangen hat. Es hat einen sozialistischen Präsidenten gewählt, und um die Versprechungen zu erfüllen, die vor den Wahlen gemacht wurden, hat dieser beschlossen, den dicken Fischen unter seinen Bürgern mit absurd hohen Steuern eins auf den Kopf zu geben. Diese Steuern hätten wohl kaum Frankreichs Wirtschaft gerettet, aber hier ging es ums Prinzip. Die Reichen stoben in alle Himmelsrichtungen auseinander. Auch Depardieu war von dieser offensichtlichen steuerlichen Dummheit betroffen, die inzwischen wieder zurückgenommen wurde, aber gezeigt hat, dass das gegenwärtige Frankreich nicht mehr ist, was es mal war.

          Und Depardieu, Kind nicht nur eines Blechschmieds und Kommunisten, sondern auch des Pariser Aufstands von 1968, Schauspieler in gesellschaftskritischen, antibürgerlichen und sexuell freizügigen Filmen, kultige Personifizierung französischer Lebensart und Bohemien, Spaßmacher und Clown - auch er spürt, dass in seinem Land etwas nicht stimmt. Wo sind die Picassos und Aragons von heute, wo ist die kulturelle Überlegenheit Frankreichs? Ödnis, wohin das Auge blickt.

          Depardieu pfeift auf die französische Presse

          Er begann unruhig zu werden und geriet in unsere russischen Netze. Der Kreml, der genug hatte von all dem Gerede darüber, dass die kreative Klasse vor dem Autoritarismus und den repressiven Gesetzen ins Ausland flüchtet, griff in dieser Geschichte geschickt in die Propagandakiste und schlug insbesondere den französischen Journalisten ein Schnippchen, die über Putins Russland, gelinde gesagt, ohne jede Sympathie schrieben. Ein eindrückliches Beispiel dafür, dass Propaganda sowjetischer Schule immer noch Erfolge zeitigen und ohne besondere Anstrengung eine zugereiste Berühmtheit dazu bringen kann, „Ruhm und Ehre sei Russland!“ zu schreien. Mehr noch, es ist ein Signal dafür, dass man noch weiter gehen muss und diesen Westen, der in all seinen Problemen steckengeblieben ist, im Krieg der Ideologien besiegen, das Image des Landes aufbessern und an den Fehlern des Quasi-Feindes lernen kann.

          Ich habe mir angesehen, was die französische Presse über Depardieu geschrieben hat, und war verblüfft über die Fassungslosigkeit der Journalisten. Die einen erklären, er sei politisch und menschlich gestorben, andere glauben an seine Auferstehung, wieder andere vergleichen seine Tat ganz platt damit, wie Hitler den Sudetendeutschen im Jahr 1938 faschistische Pässe ausstellen ließ.

          Im Grunde hat Depardieu der antirussischen Ausrichtung des französischen Journalismus einen schrecklichen Schlag versetzt. Die Presse hatte sich so sehr bemüht, alle Versuche Russlands, ein zivilisiertes Land zu werden, lächerlich zu machen (was in der Tat oft zum Lachen war), dass es schien, sie sei bis ins Herz des Franzosen, des großen Hassers der Despotie, vorgedrungen - und nun so was! Also war sie doch nicht so überzeugend. Oder aber der sich selbst genügende Franzose pfiff einfach auf seine Presse.

          Dann kamen die „Ballets Russes“

          Tatsächlich sollte man einen Blick darauf werfen, wie die Franzosen zu Russland stehen. Nach meiner Vorstellung ähnelt ihre Beziehung zu uns einem Kuchen mit vier Schichten. Ich meine hier nicht nur das heutige Frankreich. Das Land ist ja ein ewiger Kuchen. Die oberste Schicht dieses Kuchens ist die abstoßendste. Sie verdirbt immer alles. Das ist die politische Schicht. Frankreich ist geneigt, ungeachtet aller vorübergehenden Bündnisse mit Russland, uns als despotisches, imperiales, bedrohliches Land zu betrachten, ebenso aber (um ein Wort des Philosophen Boris Groys zu benutzen) als Europas (unter anderem auch politisches) „Unterbewusstsein“. Was bedeutet dieses Unterbewusstsein? Das ist, was man manchmal tun möchte, was einem aber das Gewissen nicht erlaubt.

          Die zweite Ebene steht im Widerspruch zur ersten. Die Franzosen kennen und lieben die russische Kultur. Angefangen bei Mérimée und Melchior de Vogüé, erschloss sich Frankreich die russische Literatur, dann kamen die „Ballets Russes“, die russische Avantgarde. Deshalb stützt sich auch Depardieu in seinem Entschluss auf die russische Kultur und führt Waleri Gergijew als Beispiel an. Während er auf unschöne Art die russische Opposition kritisiert, traut er sich aber nicht, etwas gegen Kasparow zu sagen; das russische Schachspiel ist ja auch ein Teil der Kultur.

          Die dritte Schicht des Kuchens - das ist das ewige alte Russland, im Grunde ein unsterbliches mythisches Simulacrum, das eine Unmenge Ideen und Dinge produziert, von prachtvollen Kreml-Sälen bis zu Boeuf Stroganoff, von der Transsib bis zur Balalaika, von schwarzem Kaviar bis zu russischen Schönheiten mit traditionellem Kopfputz. All diese spannenden Sachen werden auch in Paris geschätzt.

          Russland, das ist Anti-Frankreich

          Die vierte Ebene - das ist die Wärme des zwischenmenschlichen Umgangs, russische Freundschaft, Trinksprüche und Karamasowsche Gespräche, Natalie, nicht mehr mit traditionellem Kopfputz, sondern die aus dem populären Chanson, erreichbare und unerreichbare Mädchen (je nach persönlichem Umgang). Das ist auch eine positive Schicht, auf der persönlichen Ebene selbst für französische Journalisten zugänglich.

          Und es gibt noch etwas, das ist keine Ebene, sondern eine Zirkusnummer. Russland - das ist Anti-Frankreich, im guten und im schlechten Sinne, es steht nicht auf den Füßen, sondern auf dem Kopf wie bei Chagall, und darum lockt es in allen seinen Erscheinungsformen inklusive Kommunismus.

          Banalisiert man die erste Ebene, stülpt sie nach außen und gewinnt sie lieb (die Franzosen lieben bekanntlich Stinkekäse!) - so wie es Depardieu, hingerissen von seinen eigenen Worten, getan hat -, dann ergibt sich ein essbarer und ungewöhnlicher Kuchen. Auf jeden Fall möchte man ihn probieren. Zu uns kamen schon die unterschiedlichsten Franzosen, um von diesem Kuchen zu kosten. Denken wir an Custine. Denken wir an Malraux, Céline, Gide schließlich, an den bereits erwähnten Aragon mit doppeltem Boden. Eine aufregende Liste. Sie alle wandten sich indes wieder ab von Russland. Einige mit ziemlichem Lärm; die russische Botschaft kaufte in Paris Custines antirussische Bücher auf. Gide ließ sich auch nicht lumpen: Er schrieb die antisowjetische „Rückkehr aus der UdSSR“. Da war auch Yves Montand, der sich erst mit Chruschtschow verbrüderte, dann aber grässliche Sowjetunterwäsche einkaufte, um sie in Paris als Scheußlichkeit vorzuführen.

          Man muss also Depardieu scharf beobachten. Den Franzosen fest (in den Armen) halten! Ihm ausgezeichnet zu trinken und zu essen geben, ihn in den besten Palästen unterbringen und ihm keine Chance lassen, wie seine Vorgänger enttäuscht zu sein. Damit er bloß nicht seinen Pass in die Tonne tritt. Depardieu! Vielleicht beginnt man sogar ihm zu Gefallen nun endlich, Ordnung bei uns zu machen, und alles wird gut. Man muss alles tun, um den wunderbaren, von allen geliebten Schauspieler nicht zu enttäuschen. Man muss das Land schrubben, dass es nur so glänzt, ihm die Haare schneiden, es rasieren, rote Rosen setzen, die Zivilgesellschaft einführen (allen Unkenrufen zum Trotz), einen Haufen Raketen und Sputniks in den Himmel schießen. Sonst haut er uns womöglich wieder ab, der Lump!

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