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Russischer Pass für Depardieu : Man muss ganz Russland schrubben, damit es für Depardieu glänzt

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Dann kamen die „Ballets Russes“

Tatsächlich sollte man einen Blick darauf werfen, wie die Franzosen zu Russland stehen. Nach meiner Vorstellung ähnelt ihre Beziehung zu uns einem Kuchen mit vier Schichten. Ich meine hier nicht nur das heutige Frankreich. Das Land ist ja ein ewiger Kuchen. Die oberste Schicht dieses Kuchens ist die abstoßendste. Sie verdirbt immer alles. Das ist die politische Schicht. Frankreich ist geneigt, ungeachtet aller vorübergehenden Bündnisse mit Russland, uns als despotisches, imperiales, bedrohliches Land zu betrachten, ebenso aber (um ein Wort des Philosophen Boris Groys zu benutzen) als Europas (unter anderem auch politisches) „Unterbewusstsein“. Was bedeutet dieses Unterbewusstsein? Das ist, was man manchmal tun möchte, was einem aber das Gewissen nicht erlaubt.

Die zweite Ebene steht im Widerspruch zur ersten. Die Franzosen kennen und lieben die russische Kultur. Angefangen bei Mérimée und Melchior de Vogüé, erschloss sich Frankreich die russische Literatur, dann kamen die „Ballets Russes“, die russische Avantgarde. Deshalb stützt sich auch Depardieu in seinem Entschluss auf die russische Kultur und führt Waleri Gergijew als Beispiel an. Während er auf unschöne Art die russische Opposition kritisiert, traut er sich aber nicht, etwas gegen Kasparow zu sagen; das russische Schachspiel ist ja auch ein Teil der Kultur.

Die dritte Schicht des Kuchens - das ist das ewige alte Russland, im Grunde ein unsterbliches mythisches Simulacrum, das eine Unmenge Ideen und Dinge produziert, von prachtvollen Kreml-Sälen bis zu Boeuf Stroganoff, von der Transsib bis zur Balalaika, von schwarzem Kaviar bis zu russischen Schönheiten mit traditionellem Kopfputz. All diese spannenden Sachen werden auch in Paris geschätzt.

Russland, das ist Anti-Frankreich

Die vierte Ebene - das ist die Wärme des zwischenmenschlichen Umgangs, russische Freundschaft, Trinksprüche und Karamasowsche Gespräche, Natalie, nicht mehr mit traditionellem Kopfputz, sondern die aus dem populären Chanson, erreichbare und unerreichbare Mädchen (je nach persönlichem Umgang). Das ist auch eine positive Schicht, auf der persönlichen Ebene selbst für französische Journalisten zugänglich.

Und es gibt noch etwas, das ist keine Ebene, sondern eine Zirkusnummer. Russland - das ist Anti-Frankreich, im guten und im schlechten Sinne, es steht nicht auf den Füßen, sondern auf dem Kopf wie bei Chagall, und darum lockt es in allen seinen Erscheinungsformen inklusive Kommunismus.

Banalisiert man die erste Ebene, stülpt sie nach außen und gewinnt sie lieb (die Franzosen lieben bekanntlich Stinkekäse!) - so wie es Depardieu, hingerissen von seinen eigenen Worten, getan hat -, dann ergibt sich ein essbarer und ungewöhnlicher Kuchen. Auf jeden Fall möchte man ihn probieren. Zu uns kamen schon die unterschiedlichsten Franzosen, um von diesem Kuchen zu kosten. Denken wir an Custine. Denken wir an Malraux, Céline, Gide schließlich, an den bereits erwähnten Aragon mit doppeltem Boden. Eine aufregende Liste. Sie alle wandten sich indes wieder ab von Russland. Einige mit ziemlichem Lärm; die russische Botschaft kaufte in Paris Custines antirussische Bücher auf. Gide ließ sich auch nicht lumpen: Er schrieb die antisowjetische „Rückkehr aus der UdSSR“. Da war auch Yves Montand, der sich erst mit Chruschtschow verbrüderte, dann aber grässliche Sowjetunterwäsche einkaufte, um sie in Paris als Scheußlichkeit vorzuführen.

Man muss also Depardieu scharf beobachten. Den Franzosen fest (in den Armen) halten! Ihm ausgezeichnet zu trinken und zu essen geben, ihn in den besten Palästen unterbringen und ihm keine Chance lassen, wie seine Vorgänger enttäuscht zu sein. Damit er bloß nicht seinen Pass in die Tonne tritt. Depardieu! Vielleicht beginnt man sogar ihm zu Gefallen nun endlich, Ordnung bei uns zu machen, und alles wird gut. Man muss alles tun, um den wunderbaren, von allen geliebten Schauspieler nicht zu enttäuschen. Man muss das Land schrubben, dass es nur so glänzt, ihm die Haare schneiden, es rasieren, rote Rosen setzen, die Zivilgesellschaft einführen (allen Unkenrufen zum Trotz), einen Haufen Raketen und Sputniks in den Himmel schießen. Sonst haut er uns womöglich wieder ab, der Lump!

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