https://www.faz.net/-gqz-7641h

Russischer Pass für Depardieu : Man muss ganz Russland schrubben, damit es für Depardieu glänzt

  • -Aktualisiert am

Der Fall Depardieu liegt anders. Sohn eines Blechschmieds und Kommunisten, erinnert er sich bis heute daran, wie sein Vater „Radio Moskau“ hörte, und bis heute scheint ihm, dass wir - die Avantgarde des Weltkommunismus - in der Vorfreude auf das künftige große Glück leben.

Kultige Personifizierung französischer Lebensart

Der Kommunismus hat schon viele bedeutende Franzosen, von Picasso bis Aragon, bezaubert - er war eine Art scharfes Importgewürz zum französischen Essen. In eine bessere Zukunft humpeln wir jetzt allerdings nur in den Augen von Depardieu. Andererseits hat Depardieus Geste damit zu tun, dass Frankreich selbst ganz real zu humpeln angefangen hat. Es hat einen sozialistischen Präsidenten gewählt, und um die Versprechungen zu erfüllen, die vor den Wahlen gemacht wurden, hat dieser beschlossen, den dicken Fischen unter seinen Bürgern mit absurd hohen Steuern eins auf den Kopf zu geben. Diese Steuern hätten wohl kaum Frankreichs Wirtschaft gerettet, aber hier ging es ums Prinzip. Die Reichen stoben in alle Himmelsrichtungen auseinander. Auch Depardieu war von dieser offensichtlichen steuerlichen Dummheit betroffen, die inzwischen wieder zurückgenommen wurde, aber gezeigt hat, dass das gegenwärtige Frankreich nicht mehr ist, was es mal war.

Und Depardieu, Kind nicht nur eines Blechschmieds und Kommunisten, sondern auch des Pariser Aufstands von 1968, Schauspieler in gesellschaftskritischen, antibürgerlichen und sexuell freizügigen Filmen, kultige Personifizierung französischer Lebensart und Bohemien, Spaßmacher und Clown - auch er spürt, dass in seinem Land etwas nicht stimmt. Wo sind die Picassos und Aragons von heute, wo ist die kulturelle Überlegenheit Frankreichs? Ödnis, wohin das Auge blickt.

Depardieu pfeift auf die französische Presse

Er begann unruhig zu werden und geriet in unsere russischen Netze. Der Kreml, der genug hatte von all dem Gerede darüber, dass die kreative Klasse vor dem Autoritarismus und den repressiven Gesetzen ins Ausland flüchtet, griff in dieser Geschichte geschickt in die Propagandakiste und schlug insbesondere den französischen Journalisten ein Schnippchen, die über Putins Russland, gelinde gesagt, ohne jede Sympathie schrieben. Ein eindrückliches Beispiel dafür, dass Propaganda sowjetischer Schule immer noch Erfolge zeitigen und ohne besondere Anstrengung eine zugereiste Berühmtheit dazu bringen kann, „Ruhm und Ehre sei Russland!“ zu schreien. Mehr noch, es ist ein Signal dafür, dass man noch weiter gehen muss und diesen Westen, der in all seinen Problemen steckengeblieben ist, im Krieg der Ideologien besiegen, das Image des Landes aufbessern und an den Fehlern des Quasi-Feindes lernen kann.

Ich habe mir angesehen, was die französische Presse über Depardieu geschrieben hat, und war verblüfft über die Fassungslosigkeit der Journalisten. Die einen erklären, er sei politisch und menschlich gestorben, andere glauben an seine Auferstehung, wieder andere vergleichen seine Tat ganz platt damit, wie Hitler den Sudetendeutschen im Jahr 1938 faschistische Pässe ausstellen ließ.

Im Grunde hat Depardieu der antirussischen Ausrichtung des französischen Journalismus einen schrecklichen Schlag versetzt. Die Presse hatte sich so sehr bemüht, alle Versuche Russlands, ein zivilisiertes Land zu werden, lächerlich zu machen (was in der Tat oft zum Lachen war), dass es schien, sie sei bis ins Herz des Franzosen, des großen Hassers der Despotie, vorgedrungen - und nun so was! Also war sie doch nicht so überzeugend. Oder aber der sich selbst genügende Franzose pfiff einfach auf seine Presse.

Weitere Themen

„Parasite“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Parasite“

„Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

Die neue deutsch-französische Devise

Merkel trifft Macron : Die neue deutsch-französische Devise

Für mehr als freundschaftliche Gesten fehlen Angela Merkel und Emmanuel Macron derzeit die Kraft: neue EU-Kommission, Rüstungsexportregeln oder EU-Beitrittsverhandlungen – gemeinsam gelingt ihnen vor allem das Vertagen.

Topmeldungen

Türkische Syrien-Offensive : „Erdogan will unsere Allianz brechen“

Ünal Ceviköz, der Vize-Vorsitzende der größten türkischen Oppositionspartei CHP, erklärt im Interview die innenpolitischen Motive des Nordsyrien-Feldzugs – und warum er die Ansiedlung von zwei Millionen Flüchtlingen in der „Sicherheitszone“ für utopisch hält.
Bernd Lucke, Wirtschaftswissenschaftler und AfD-Mitbegründer, verlässt nach seiner verhinderten Antrittsvorlesung den Hörsaal der Universität Hamburg.

Bernd Lucke : Nazischweine und Gesinnungsterror

Vom AStA kann man nicht viel erwarten. Aber die Hamburger Regierung und die Universität leisten sich in Sachen Bernd Lucke eine peinliche Vorstellung.

Ab 2020 : Klimaschutz führt zu neuen Regeln für Steuerpflichtige

Die Politik will das Klima schützen. Hausbesitzer bekommen daher bis zu 40.000 Euro für energetische Sanierungen, und die Pendlerpauschale steigt. Für kurze Flüge dagegen wird die Mehrwertsteuer teurer.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.