https://www.faz.net/-gqz-817km

Russische Staatstrolle : Zwölf Stunden am Tag in Putins Sinne

  • -Aktualisiert am

Über 400 Trolle kommentieren im Sinne von Russlands Präsident Wladimir Putin Bild: AP

Verschwörungstheoretische Propaganda im Akkord: Nun ist bestätigt, dass organisierte und bezahlte Internettrolle im Auftrag des Kreml Putinpositionen verbreiten. Sie sitzen in einem Haus in St. Petersburg.

          Im Informationskrieg scheint vielleicht nicht alles erlaubt, aber dafür möglich. Das internationale Blogger- und Bürgerjournalisten-Netzwerk „Globalvoicesonline.org“ und die vom Kongress der Vereinigten Staaten finanzierte Auslandsrundfunkanstalt „Radio Free Europe/Radio Liberty“ berichten über organisierte und vom Kreml bezahlte „Internettrolle“, die in einem enormen Personal- und Zeitaufwand soziale Medien und andere Internetforen systematisch mit kremlfreundlichen und anti-westlichen Kommentaren und Beiträgen infiltrieren.

          In ihren Berichten beziehen sie sich auf Veröffentlichungen der beiden russischen Zeitungen „Moi Rajon“ und „Nowaja Gaseta“, denen neben dem veröffentlichten Interview mit einer ehemaligen Mitarbeiterin auch Dokumente aus dem Unternehmen vorliegen. Damit bestätigen sich nun Vermutungen, die schon länger kursieren. Zudem ist auch ein Undercover-Video aufgetaucht, dass Einblicke in das Gebäude und die Strukturen zeigt:

          Das Haus in dem die Staatstrolle sitzen, wird im Norden St. Petersburgs verortet. Die „Internet Research Agency“ wie sie genannt wird, soll angeblich von einer Holdinggesellschaft finanziert werden, die dem Restaurantbesitzer, Kreml-Caterer und gutem Freund Putins Yevgeny Prigozhin gehören soll. Die über 400 Angestellten erhalten laut einer ehemaligen Mitarbeiterin 40.000 Rubel im Monat. Dafür arbeiten sie in 12-Stunden Schichten rund um die Uhr und haben dabei ein gewisses Soll zu erfüllen. 

          Tausende Accounts

          Aufgeteilt in verschiedene Abteilungen, erstellen und teilen sie täglich Tausende Beiträge, Kommentare und Grafiken auf Blogs und Plattformen wie Livejournal und Twitter. Dabei unterhielten sie tausende von individuellen Social-Media-Accounts. Und eine Abteilung sei beispielsweise nur darauf angesetzt, banale und unpolitische Blogs in den Kommentaren mit Kreml-Propaganda zu unterfüttern.

          Der Eingriff des Kremls ins Internet hat in den letzten Jahren stark zugenommen und sich dabei straff systematisiert. Zu vielen Themen gibt es vorgefertigte Antworten und in den neuen Beiträgen müssen sich die Kommentatoren an strikte Richtlinien halten. Einblicke in die Moi Rajon vorliegenden Dokumente zeigen beispielsweise, dass die Verwendung von Schlüsselwörtern im Text sowie in der Überschrift genau geregelt ist, sowie die Verwendung von anreichernden Inhalten, wie Youtube-Videos oder Grafiken. Der Umfang der einzelnen Beiträge ist ebenfalls vorgegeben. Die Kommentatoren in der Tagschicht müssen ihre Beiträge jeweils mit mindestens 700 Anschlägen verfassen und die der Nachtschicht mit mindestens 1000. In der Auflistung der Richtlinien wird auch angeführt, dass ein verfasster Beitrag nicht gezählt wird, wenn er nicht alle Vorgaben erfüllt.

          Eine hanebüchene inhaltliche Instruktion erklärte beispielsweise den Umgang mit der Ermordung des Oppositionellen Boris Nemzov: Die Kommentatoren sollten entweder schreiben, dass die Tat von ukrainischen Oligarchen orchestriert wurde, um sie der russischen Regierung anzuhängen und damit Moskaus Verbindungen zum Westen zu schädigen - oder dass sie von Nemzovs Anhängern als Provokation ausgeführt wurde, um die Proteste der Opposition zu stärken.

          Weitere Themen

          Knochenkegeln als Tanztheater

          Video-Filmkritik „John Wick 3“ : Knochenkegeln als Tanztheater

          Computertricks schaffen das nicht: „John Wick 3“ schlägt, tritt und erschießt mit wuchtig und präzise inszenierter Action alles, was das Massenkino heute sonst kann. Superhelden, fürchtet Euch vor Keanu Reeves!

          Tarantino stellt neuen Film vor Video-Seite öffnen

          Mit Hollywood-Stars besetzt : Tarantino stellt neuen Film vor

          Kult-Regisseur Quentin Tarantino präsentiert seinen neuen Film "Once Upon a Time in Hollywood" beim Filmfestival in Cannes. In den Hauptrollen sind Brad Pitt, Leonardo DiCaprio und Margot Robbie zu sehen. Im deutschsprachigen Raum läuft der Film ab Mitte August in den Kinos.

          Und wer fragt nach den Bäumen?

          Hans Traxler zum Neunzigsten : Und wer fragt nach den Bäumen?

          Er arbeitete in der Redaktion der Zeitschriften „Pardon“ und „Titanic“ und erzählte „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“: Jetzt wird Hans Traxler, der Meister der Perspektivwechsel, neunzig Jahre alt.

          Werner Herzog stellt neuen Film vor Video-Seite öffnen

          Filmfestspiele in Cannes : Werner Herzog stellt neuen Film vor

          "Family Romance, LLC" erzählt die Geschichte darüber, dass man in Japan Menschen mieten kann, damit sie zum Beispiel die Rolle toter Verwandter einnehmen. Werner Herzog zähltzu einem der wichtigsten Vertreter des „Neuen Deutschen Films".

          Grüner Konsens

          Vor SWR-Intendantenwahl : Grüner Konsens

          Zwei Kandidaten stellen sich morgen zur Intendantenwahl im SWR: Landessenderdirektorin Stefanie Schneider und Kai Gniffke, Chef der Redaktion ARD-aktuell. Wer soll es werden? Ministerpräsident Kretschmann gibt eine Empfehlung.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.