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Pro-russische Propaganda : Als kämen die Artikel aus gutem Hause

Aus Angst vor einer kalten Wohnung im Winter haben sich mitten im Hochsommer viele Menschen einen Heizlüfter gekauft (Archivbild). Bild: dpa

Sie sehen aus wie bei Spiegel online oder FAZ.NET und verbreiten pro-russische Propaganda: Im Netz tauchen gefälschte Artikel auf, verbreitet von Hunderten von Fake Accounts bei Facebook und Twitter. Was unternehmen die Plattformen?

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          So einfach das Schema ist, dem die Artikel selbst folgen, so komplex ist das System, mit dem sie in die Welt gesetzt und verbreitet werden: Seit Wochen findet sich eine Vielzahl von Artikeln im Netz, die schildern, welche Folgen Energiekrise und Inflation für die Bevölkerung in verschiedenen europäischen Ländern haben und haben werden. Nur „kompetente Regierungspolitik“ könne die Lage entschärfen, heißt es weiter – und schließlich: „Die Aufhebung der antirussischen Sanktionen wird dabei eine Schlüsselrolle spielen.“ Das Besondere: Die Artikel sehen aus, als stammten sie etwa aus „Welt“, „Spiegel“ oder der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sie finden sich auf Websites, die denen der genannten Medien aufs Haar gleichen, Navigation und Links auf ihnen führen in die Angebote der kopierten Seiten, einzig die URL entlarvt die Fälschung – beim genauen Blick. Abgesehen von ihrer propagandistischen Botschaft und einer bisweilen unbeholfen wirkenden Sprache.

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Doch die Verkleidung in ein mediales Gewand, das in der Gesellschaft Ansehen und Vertrauen genießt, ist nur ein erster Schritt. Wie eine Recherche von T-Online mit dem Institute for Strategic Dialogue (ISD) ergibt, werden einzig zu diesem Zweck zigfach eingerichtete Accounts vor allem bei Facebook, aber auch bei Twitter eingesetzt, um die Artikel zu verbreiten und diesen Posts mit Likes, Shares und Kommentaren künstlich Relevanz zu verschaffen. Oder sie verweisen in den Kommentaren von Beiträgen mit großer Aufmerksamkeit auf die gefakten Artikel.

          Seit der Krim-Annexion 2014, spätestens aber seit dem US-Wahlkampf 2016 sei zu beobachten, wie Trollfabriken des Kremls die Kommentarspalten westlicher Medien angreifen und auf Netzwerke von Fake-Profilen setzen, um in sozialen Medien prorussische Botschaften zu verbreiten und Stimmung gegen demokratische Kräfte zu machen, sagt Felix Kartte von der Initiative Reset, die sich dem Kampf für demokratische Prinzipien in den sozialen Netzwerken verschrieben hat, im Gespräch mit der F.A.Z. Auch wenn die Kampagne gegen deutsche Medien früheren Operationen, die mit dem Kreml in Verbindung standen, ähnele: Eine eindeutige Zuordnung lasse sich hier nicht vornehmen, sagt Kartte: „Das liegt auch daran, dass Plattformen wie Facebook die Daten, die für eine nähere Analyse nötig wären, unter Verschluss halten. Konzerne wie Facebook haben nämlich gar kein Interesse daran, dass die Öffentlichkeit erfährt, in welchem Ausmaß ihre Dienste gegen Demokratien als Waffe eingesetzt werden. Unabhängige Forschung ist kaum möglich, obwohl es sich etwa bei Facebook ja um öffentlichen Raum handelt. Eine Öffentlichkeit, die sich nicht mehr selbst beobachten kann, verliert ihre Widerstandskraft.“

          Fraktur-F fast ohne Freunde: Fake-Account „Offene Meinung“ bei Facebook
          Fraktur-F fast ohne Freunde: Fake-Account „Offene Meinung“ bei Facebook : Bild: Facebook / Screenshot F.A.Z.

          In einer ersten Welle scheinen die Accounts sehr schematisch angelegt worden zu sein, wie T-Online schreibt. Sie trügen maschinell erzeugte Profilporträts und Frauennamen, als Arbeitgeber der vermeintlichen Nutzerinnen sei standardisiert Netflix angegeben worden. Viele dieser Accounts sind inzwischen wieder verschwunden, stattdessen finden sich in gleicher Funktion jetzt auch welche, die Männern zugeordnet werden.

          Bei Facebook haben die Rechercheure zudem Dutzende von Seiten gefunden, die unter Namen wie „Freie Meinung“ das Fraktur-Initial des Logos der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Profilbild führen, allenfalls andere Fake-Accounts als Abonnenten oder „Freunde“ hatten, aber ihre Posts – erkennbar am blassen Hinweis „sponsored“ – als Werbeschaltungen in die Timelines der Nutzer spielen lassen. Bis zu sechshunderttausendmal sei eine einzige solche Anzeige ausgespielt worden, berichtet T-Online, eine Million Menschen mit einer solchen Kampagne zu erreichen koste mehrere Hundert Euro.

          Erstaunlich sei in diesem Fall, wie viele Ressourcen hier offenbar investiert wurden, um ganze Nachrichtenportale zu imitieren und mit Content zu bestücken, bestätigt Felix Kartte von Reset. Nachdem die EU die Verbreitung russischer Staatsmedien im Frühjahr untersagt habe, könne der Kreml auf Plattformen wie Facebook und Twitter weiterhin mit wenig Aufwand große Reichweite erzielen. Mit einem solchen Missbrauch ihrer Angebote konfrontiert, stellten sich die Plattformbetreiber oftmals als neutrale Kommunikationswerkzeuge dar, vergleichbar mit einer Telefonleitung.

          „Das stimmt aber nicht, die Plattformen sind nicht neutral“, sagt Kartte, im Gegenteil: „Kern ihres Geschäftsmodells ist es, Inhalte für uns zu kuratieren und zu selektieren. Ihre Algorithmen treffen quasi jeden Tag viele Millionen redaktionelle Entscheidungen.“ Seine Forderung: „Die Plattformen sollten endlich Farbe bekennen und Russlands demokratiefeindlicher Propaganda Einhalt gebieten.“ Russlands Krieg sei auch ein Informationskrieg. Die öffentliche Unterstützung für die Ukraine gerade auch hier in Deutschland solle durch Lügen und Propaganda zersetzt werden. Letztlich gehe es darum, die Demokratie als das vermeintlich unterlegene System in Verruf zu bringen.

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