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Medien unter Propagandadruck : Russische Truppen

Wegen kritischer Berichterstattung gekündigt: Galina Timtschenko, seit zehn Jahren Chefredakteurin der russischen Nachrichtenseite lenta.ru Bild: lenta.ru

Moskau geht kritischen Journalisten zunehmend an den Kragen: Nach Veröffentlichung eines kristischen Interviews hat die Chefredakteurin des Onlineportals lenta.ru ihre Stelle verloren.

          Wegen angeblicher Bedrohungen für Russen in der Ukraine hat sich Präsident Wladimir Putin zum Kriegseinsatz ermächtigen lassen. Worin die bestehen sollen, ist weiter nebulös. Immer deutlicher wird hingegen, wie bedroht Russen in Russland sind, die nicht in den Chor der Krim- und Kriegsunterstützer einstimmen wollen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Während die staatlichen Medien das Volk mit einem Putin-Cocktail aus Patriotismus und Paranoia aufwiegeln, wird es für Medien, die nicht auf Kreml-Linie sind, immer schwieriger. Jüngstes Beispiel ist das Nachrichtenportal „lenta.ru.“, bislang eine der wenigen verlässlichen Quellen für Informationen.

          Unbequemer Inhalt

          Am Montag veröffentlichte das Portal ein Interview mit dem Anführer der Kiewer Abteilung des „Rechten Sektors“, jener Rechtsextremen, welche die russischen Staatsmedien als Träger des „faschistischen Umsturzes“ in der Ukraine bezeichnen. In der offiziellen Darstellung sind sie die Speerspitze der Banden bewaffneter Faschisten, die angeblich die Ukraine terrorisieren.

          Ein kommunistischer Duma-Abgeordneter fordert, Dmitrij Jarosch, den Anführer des „Rechten Sektors“, dem in Moskau in Abwesenheit ein Prozess wegen Extremismus gemacht wird, zu „liquidieren“.

          In dem Interview von „lenta.ru“ sagt der Kiewer Aktivist nun, die Hälfte der Mitglieder des „Rechten Sektors“ spreche Russisch und stamme aus dem Osten der Ukraine, auch russische Staatsbürger hätten „zusammen mit uns auf den Barrikaden gekämpft“.

          Angeblich ging es um einen Link

          Das passt schlecht zur offiziellen Botschaft. Die Medienaufsicht verwarnte „lenta.ru“ umgehend wegen „Verbreitung von Material extremistischen Charakters“. Die Chefredakteurin des Portals, Galina Timtschenko, sagte, moniert habe die Aufsichtsbehörde formal nicht das Interview selbst, sondern einen daran angefügten Link zu einem Gespräch mit Jarosch.

          Das stammt aus dem Jahr 2008 und trägt im Titel die Aussage „Früher oder später sind wir dazu verurteilt, gegen das Moskauer Imperium Krieg zu führen“. Der Link wurde sofort entfernt. Das nützte der Chefredakteurin nichts mehr: Sie hat nach zehn Jahren an der Spitze von „lenta.ru“ am Mittwoch ihre Stelle verloren.

          Die Umstände des Abgangs bleiben schleierhaft

          Das 1999 gegründete Portal besuchen nach jüngsten Angaben fast acht Millionen Nutzer mindestens einmal im Monat. Mittlerweile gehört es dem Medienkonzern zweier Milliardäre, Afisha-Rambler-SUP, der zu den größten russischen Internetunternehmen zählt.

          Die Zeitung „Wedomosti“ zitierte eine Quelle in der Präsidialverwaltung mit der Aussage, nicht der Kreml habe die Entlassung Timtschenkos gefordert; es habe sich vielmehr um eine Reaktion des Medienkonzerns auf die Verwarnung der Aufsichtsbehörde gehandelt. Auch hieß es, die Konzernleitung sei mit der „zu liberalen Redaktionslinie“ unzufrieden gewesen.

          Während der Konzern angab, Timtschenko sei freiwillig gegangen, sprach die Redaktion von „lenta.ru“ in einer Erklärung von Entlassung. Der Nachfolger gilt als kremlnah, in den Worten der Redaktion stammt er gar „direkt aus den Amtszimmern des Kremls“, was Zensur sei.

          Zunehmende Gleichschaltung der Medienlandschaft

          Die Erklärung der Redaktion ist auch ein Zeugnis persönlichen Mutes: Dieser Tage geben zwar viele Kollektive – Schriftsteller, Filmschaffende, Künstler – Erklärungen ab, doch überbieten sich alle in Loyalitätsbekundungen zur Führung.

          Die Redakteure von „lenta.ru“ schreiben dagegen, in den vergangenen zwei Jahren sei der Spielraum für freien Journalismus in Russland dramatisch geschrumpft: Manche Medien würden „direkt vom Kreml kontrolliert, andere über Berater, dritte über Redakteure, die Angst haben, ihre Stelle zu verlieren. Manche Medien wurden geschlossen, andere schließen in den kommenden Monaten.“

          Damit spielte die Redaktion von „lenta.ru“ auf die Kampagne gegen den privaten Sender TV Doschd an, der über den „Majdan“ unvoreingenommen berichtet hat. Im Fall Doschd hatte eine Frage zur Blockade von Leningrad im Zweiten Weltkrieg in einer Diskussionssendung als Interventionsanlass gedient: Kabel- und Satellitennetzbetreiber nahmen den Sender aus ihrem Angebot, angeblich als Reaktion auf öffentliche Empörung.

          Der Sender hat nun nur noch einen Bruchteil seiner Reichweite und ist von Werbeeinnahmen abgeschnitten, bald soll es mit ihm zu Ende gehen. Auch der Druck auf den Radiosender Echo Moskaus ist gestiegen, in dessen Programm auch Gegner Putins zu Wort kommen. Die Pläne, die Nachrichtenagentur Ria Nowosti und einen Radiosender zu einem Medieninstrument in den Händen eines Kreml-Scharfmachers umzubauen, werden vorangetrieben.

          Wie sehr Medienpolitik Machtpolitik ist, zeigt eine am Donnerstag veröffentlichte Umfrage des Lewada-Zentrums: 43 Prozent der Russen glauben mittlerweile, dass „Nationalisten und Banditen“ ihre Landsleute in der Ukraine bedrohen und „nur russische Truppen“ sie retten können.

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