https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/russische-justiz-klagt-putin-gegner-wladimir-kara-mursa-an-18370420.html

Wladimir Kara-Mursa : Prominenter Putin-Gegner wegen „Landesverrats“ angeklagt

Kriegsgegner: Wladimir Kara-Mursa. Bild: dpa

Dem Oppositionellen und Journalisten Wladimir Kara-Mursa wird Landesverrat vorgeworfen. Wie seinem Kollegen Iwan Safronow drohen ihm mehr als zwei Jahrzehnte Haft.

          2 Min.

          Der russische Oppositionspolitiker und Journalist Wladimir Kara-Mursa ist jetzt auch noch wegen Landesverratsvorwürfen angeklagt worden, für die allein ihm mehr als zwei Jahrzehnte Lagerhaft drohen. Die Anklage beziehe sich, wie Kara-Mursas Verteidiger Wadim Prochorow sagte, „auf drei Episoden, auf alle offenen Auftritte, deren Mitschnitt man im Internet finden kann“. Es soll um Auftritte in Lissabon, Oslo und Washington gehen. Kara-Mursa, so der Anwalt, weise jede Schuld zurück: Seine Worte seien Kritik gewesen und hätten Russlands Sicherheit nicht gefährdet.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Der 41 Jahre alte Kara-Mursa, ein Mitstreiter des ermordeten Boris Nemzow, hat 2015 und 2017 Vergiftungen knapp überlebt. Im vergangenen Jahr fanden Rechercheure von Bellingcat heraus, dass er von derselben Einheit des Geheimdienstes FSB beschattet wurde wie der 2020 mit Nowitschok vergiftete Alexej Nawalnyj. Kara-Mursa brachte seine Familie ins amerikanische Exil, kehrte aber trotz Warnungen immer wieder nach Moskau zurück. Eine Ausreise „wäre das größte Geschenk, das diejenigen, die in Opposition zu Putins Regime sind, dem Kreml machen könnten“, sagte er der F.A.Z. im vergangenen Jahr: „Sobald ein Gegner draußen ist, verliert er seine moralische Autorität.“

          Er ist Russlands Mächtigen unter anderem aufgrund des langjährigen Werbens um Sanktionen gegen sie verhasst. Ein Auftritt im Parlament des amerikanischen Bundesstaats Arizona, bei dem Kara-Mursa Mitte März sagte, Putins Regime verübe in der Ukraine Kriegsverbrechen, bombardiere Wohnviertel, Krankenhäuser und Schulen, wurde zum Anlass, ihn im April unter Vorwürfen, „Falschnachrichten“ über die russischen Streitkräfte zu verbreiten, zu inhaftieren. In diesem Verfahren, das nun mit dem Landesverratsverfahren zusammengelegt worden sein soll, drohen Kara-Mursa drei bis zehn Jahre Haft.

          Der Oppositionelle gilt ebenfalls seit April als „ausländischer Agent“. Zudem läuft gegen ihn schon seit dem Sommer ein drittes Strafverfahren um Mitwirkung in einer „unerwünschten Organisation“, in dem Kara-Mursa laut seinem Anwalt eine Konferenz zur Unterstützung politischer Gefangener Ende Oktober 2021 vorgeworfen wird. Womöglich wollen die Machthaber mit der neuerlichen Anwendung des Landesverratsvorwurfs, unter dem Anfang September der Journalist Iwan Safronow zu 22 Jahren Lagerhaft verurteilt worden ist, ein neues Zeichen der Einschüchterung setzen. Zum neuen Verfahren streuten Staatsmedien, Kara-Mursa habe als stellvertretender Vorsitzender von „Offenes Russland“, einer „unerwünschten Organisation“, für eine Bezahlung von „30.000 Dollar im Monat“ NATO-Ländern dabei geholfen, Russlands Sicherheit zu untergraben.

          Die Behörden hätten erfolglos versucht, Kara-Mursa zu vergiften und außer Landes zu treiben, kritisierte der Publizist Anton Orech die Strafverfolgung. Nun versuchten sie, Karsa-Mursa als Vaterlandsverräter zu brandmarken. „Verwechselt nicht die Heimat mit dem Staat, nicht die Obrigkeit mit dem Land“, forderte Orech: „Dann werdet ihr auch nicht Freunde mit Feinden verwechseln.“

          Weitere Themen

          Er war ene kölsche Jung

          Karnevalist Hans Süper tot : Er war ene kölsche Jung

          Hans Süper war einer der Größten des Kölner Karnevals. Mit seiner „Flitsch“ – der Mandoline – und seinem Kompagnon „Zimmermän“ prägte er als eine Hälfte des Colonia Duetts eine Ära. Nun ist Süper im Alter von 86 Jahren gestorben

          Topmeldungen

          Corona in China : Xi könnte zum Verlierer der Pandemie werden

          Unter dem Druck der Straße hat Xi Jinping einen Kurswechsel in der Corona-Politik eingeleitet. Es droht eine chaotische Öffnung mit vielen Toten. Noch dazu hat er viele Bürger gegen sich aufgebracht.
          Die Schinkelsche Bauakademie, hier auf dem 1868 entstandenen Gemälde von Eduard Gaertner, bildete gemeinsam mit Schauspielhaus und Altem Museum eine bürgerliche Antithese zur barocken Hofarchitektur im Zentrum von Berlin.

          Schinkels Bauakademie : Funktional, nachhaltig, ökonomisch und schön

          Schinkels Berliner Bauakademie stand für die Emanzipation der Zivilgesellschaft gegenüber dem königlichen Hof. Und sie erfüllt alle heutigen Ansprüche an ein Gebäude. Deshalb sollte sie rekonstruiert werden. Ein Gastbeitrag

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.