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Gericht weist Klage ab : Auch Spaghettimonster zahlen Rundfunkbeitrag

Andernorts hat es die „Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters“ leichter als in Bayern: In Templin in Brandenburg findet ein Hinweis auf die Nudelmesse Platz unter den Gottesdienstangaben der anderen ortsansässigen Kirchen. Bild: dpa

Ein Freidenkerclub ist keine Kirche: Wie ein Gericht in München eine Klage gegen den Rundfunkbeitrag ablehnt und dabei einiges klärt - über Gott und die Welt. Vor allem über Bayern.

          Schon die Vereidigung der beiden ehrenamtlichen Richter zu Beginn der Verhandlung lässt ahnen, wie es um die Chancen von Michael Wladarsch vor der Kammer 6b des Verwaltungsgerichts München steht. Beide Laienrichter legen den Eid mit der religiösen Beteuerung „so wahr mir Gott helfe“ ab. Wladarsch ist der Vorsitzende der Münchner Ortsgemeinde des Bundes für Geistesfreiheit (BfG), einer Interessenvertretung der Konfessionslosen, die auf die Freireligiösen der Zeit der Revolution von 1848 zurückgeht. Wie die CSU gibt es den BfG nur in Bayern; er hat 4800 Mitglieder und ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Er gehört zu den Verbänden in der Freidenkerbewegung, die an der staatlichen Förderung der Religion teilhaben wollen, solange sie noch nicht abgeschafft ist.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Wladarsch hat gegen einen Gebührenbescheid des Bayerischen Rundfunks geklagt. Er beruft sich auf Paragraph 5 des Rundfunkbeitragsstaatsvertrags, wonach die Rundfunkgebühr für Betriebsstätten entfällt, wenn ein Ort „gottesdienstlichen Zwecken gewidmet ist“. Die Räume des von Wladarsch in Schwabing betriebenen Graphikbüros dienen zugleich als Vereinslokal der Freigeister. Wladarsch rügt eine Bevorzugung der Kirchen und möchte die vereinstypischen Diskussionen über Gefahren des Gottesglaubens als freigeistige Alternative zum Gottesdienst anerkannt sehen. Hilfsweise macht er geltend, die Vereinsräume seien eine Kultstätte der Religion des „Fliegenden Spaghettimonsters“. Eine Weihehandlung gemäß den Vorschriften dieser Religion hat er dem Gericht angezeigt. Der vor allem unter Akademikern verbreitete Kult ist eine Erfindung aus dem amerikanischen Kulturkrieg der Atheisten gegen die Kreationisten und parodiert Dogmen und Riten des Christentums in der Absicht, deren Absurdität zu entlarven.

          Was ein Gottesdienst ist

          Da der BR darauf abstellt, dass das Graphikbüro die meiste Zeit als Graphikbüro dient, erwähnt die Klageschrift, dass auch in Kirchen Menschen ihren Berufen nachgehen: Priester, Organisten, Küster. Beim Referat der Klage nimmt die Kammervorsitzende eine scheinbar beiläufige Korrektur vor: In Bayern sagt man nicht Küster, sondern Mesner. Die Sorge um korrektes Lokalkolorit deutet voraus auf die Gründe, aus denen das Gericht die Klage abweisen wird: Als maßgeblich für die Münchner Auslegung des Staatsvertrags erweist sich, was in Bayern üblich ist.

          Die Vorsitzende hält dem Kläger einen ausführlichen Vortrag darüber, was ein Gottesdienst ist. Als Modell schimmert die katholische Volkskirche der Ära nach dem Zweiten Vaticanum durch. Ein Gottesdienst wird demnach zu besonderen Zeiten in besonderen Räumen gefeiert. Zwar sei der Christ aufgefordert, in seinem ganzen Leben Gott zu dienen, doch werde er deshalb für seine Wohnung keine Befreiung von der Rundfunkgebühr verlangen. So will die Vorsitzende dem Argument vorbeugen, beim Freidenker sei jeder freie Gedanke Ausübung der Religionsfreiheit gemäß Artikel 4 des Grundgesetzes. Vom bloßen gottgefälligen Verhalten unterscheidet den Gottesdienst der Ritus. Das aber bedeutet für die Vorsitzende, dass „alle das Gleiche tun“, nach Vorgaben und typischerweise angeleitet durch einen Vorbeter oder Vorsteher. Kein Gottesdienst liegt vor, „wenn jeder etwas anderes macht“.

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