https://www.faz.net/-gqz-861j7

Gericht weist Klage ab : Auch Spaghettimonster zahlen Rundfunkbeitrag

Andernorts hat es die „Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters“ leichter als in Bayern: In Templin in Brandenburg findet ein Hinweis auf die Nudelmesse Platz unter den Gottesdienstangaben der anderen ortsansässigen Kirchen. Bild: dpa

Ein Freidenkerclub ist keine Kirche: Wie ein Gericht in München eine Klage gegen den Rundfunkbeitrag ablehnt und dabei einiges klärt - über Gott und die Welt. Vor allem über Bayern.

          4 Min.

          Schon die Vereidigung der beiden ehrenamtlichen Richter zu Beginn der Verhandlung lässt ahnen, wie es um die Chancen von Michael Wladarsch vor der Kammer 6b des Verwaltungsgerichts München steht. Beide Laienrichter legen den Eid mit der religiösen Beteuerung „so wahr mir Gott helfe“ ab. Wladarsch ist der Vorsitzende der Münchner Ortsgemeinde des Bundes für Geistesfreiheit (BfG), einer Interessenvertretung der Konfessionslosen, die auf die Freireligiösen der Zeit der Revolution von 1848 zurückgeht. Wie die CSU gibt es den BfG nur in Bayern; er hat 4800 Mitglieder und ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Er gehört zu den Verbänden in der Freidenkerbewegung, die an der staatlichen Förderung der Religion teilhaben wollen, solange sie noch nicht abgeschafft ist.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Wladarsch hat gegen einen Gebührenbescheid des Bayerischen Rundfunks geklagt. Er beruft sich auf Paragraph 5 des Rundfunkbeitragsstaatsvertrags, wonach die Rundfunkgebühr für Betriebsstätten entfällt, wenn ein Ort „gottesdienstlichen Zwecken gewidmet ist“. Die Räume des von Wladarsch in Schwabing betriebenen Graphikbüros dienen zugleich als Vereinslokal der Freigeister. Wladarsch rügt eine Bevorzugung der Kirchen und möchte die vereinstypischen Diskussionen über Gefahren des Gottesglaubens als freigeistige Alternative zum Gottesdienst anerkannt sehen. Hilfsweise macht er geltend, die Vereinsräume seien eine Kultstätte der Religion des „Fliegenden Spaghettimonsters“. Eine Weihehandlung gemäß den Vorschriften dieser Religion hat er dem Gericht angezeigt. Der vor allem unter Akademikern verbreitete Kult ist eine Erfindung aus dem amerikanischen Kulturkrieg der Atheisten gegen die Kreationisten und parodiert Dogmen und Riten des Christentums in der Absicht, deren Absurdität zu entlarven.

          Was ein Gottesdienst ist

          Da der BR darauf abstellt, dass das Graphikbüro die meiste Zeit als Graphikbüro dient, erwähnt die Klageschrift, dass auch in Kirchen Menschen ihren Berufen nachgehen: Priester, Organisten, Küster. Beim Referat der Klage nimmt die Kammervorsitzende eine scheinbar beiläufige Korrektur vor: In Bayern sagt man nicht Küster, sondern Mesner. Die Sorge um korrektes Lokalkolorit deutet voraus auf die Gründe, aus denen das Gericht die Klage abweisen wird: Als maßgeblich für die Münchner Auslegung des Staatsvertrags erweist sich, was in Bayern üblich ist.

          Die Vorsitzende hält dem Kläger einen ausführlichen Vortrag darüber, was ein Gottesdienst ist. Als Modell schimmert die katholische Volkskirche der Ära nach dem Zweiten Vaticanum durch. Ein Gottesdienst wird demnach zu besonderen Zeiten in besonderen Räumen gefeiert. Zwar sei der Christ aufgefordert, in seinem ganzen Leben Gott zu dienen, doch werde er deshalb für seine Wohnung keine Befreiung von der Rundfunkgebühr verlangen. So will die Vorsitzende dem Argument vorbeugen, beim Freidenker sei jeder freie Gedanke Ausübung der Religionsfreiheit gemäß Artikel 4 des Grundgesetzes. Vom bloßen gottgefälligen Verhalten unterscheidet den Gottesdienst der Ritus. Das aber bedeutet für die Vorsitzende, dass „alle das Gleiche tun“, nach Vorgaben und typischerweise angeleitet durch einen Vorbeter oder Vorsteher. Kein Gottesdienst liegt vor, „wenn jeder etwas anderes macht“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kompatibel oder zu verschieden? Grünen- und FDP-Wahlplakate werden in Köln abgehängt.

          Koalitions-Vorsondierungen : So können Grüne und FDP regieren

          Die FDP ist für freie Fahrt auf Autobahnen, gegen Steuererhöhungen und für eine Beibehaltung des Krankenversicherungssystems. Die Grünen vertreten das Gegenteil. Was steckt hinter der Phantasie für ein „progressives Bündnis“?
          Rot, Gelb und Grün in Berlin – die Ampel scheint die beliebteste Koalition zu sein.

          Liveblog Bundestagswahl : Mehrheit laut Umfrage für Ampelkoalition

          Erste Rücktrittsforderungen an Laschet +++ Union bereit für Jamaika +++ Habeck und Baerbock wollen Verhandlungen gemeinsam führen +++ CDU-Generalsekretär verspricht „brutal offene“ Wahlanalyse +++ Alle Entwicklungen zur Bundestagswahl im Liveblog.
          Armin Laschet und CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak am Montag in Berlin

          Laschet und die Union : Der Kandidat, der enttäuschte

          Nach dem enttäuschenden Wahlergebnis muss der CDU-Vorsitzende Armin Laschet die Parteifreunde besänftigen. Vom zweiten Platz aus versucht die Union, eine Regierungsperspektive zu behalten.
          Jörg Meuthen, Tino Chrupalla und Alice Weidel am Montag in Berlin

          AfD in Ostdeutschland : Blau blüht das Kernland

          Die AfD wird in Sachsen und Thüringen stärkste Kraft, obwohl sie im Vergleich zur Wahl von 2017 teilweise Stimmenanteile verliert. Was folgt daraus für die Partei? In Berlin zofft sich die Führung auf offener Bühne.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.