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Rückkehr des Newsletters : Die Tür eintreten, bevor die Leute die Augen öffnen

  • -Aktualisiert am

Werden Informationen wieder brieflicher? Bild: Illustration Kat Menschik

Kommt per E-Mail, kann klug, krawallig oder doof sein, ist einerseits aufdringlich, lässt sich andererseits schnell wegklicken - und hat vor allem wachsenden Erfolg: Über die erstaunliche Renaissance des Newsletters.

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          Michael Fuchs mochte den letzten „Focus“. Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag war zur Blattkritik vorbeigekommen, und die Redaktion hat aus seinen Anmerkungen ein aufregendes Video mit den Schlüsselszenen zusammengeschnitten: „England-Artikel ist gut...Job-Wunder, der Artikel ist gut ... Gutes Interview mit Henry Kissinger...Herr Reitz, herzlichen Glückwunsch, dieser letzte Teil hat mir sehr gut gefallen.“

          Ulrich Reitz, der Chefredakteur des „Focus“, freut sich jetzt nicht mehr nur im Stillen, wenn jemand ihn und seine Illustrierte lobt. Er teilt die Komplimente mit den Lesern. Seit dieser Woche verschickt er an Hartgesottene täglich gegen 16 Uhr einen Newsletter mit einem „exklusiven Blick hinter die Kulissen“. Hier kann man vorab erfahren, dass die Redaktion plant, den EU-Gipfel in Riga im Auge zu behalten.

          Hier erzählt Reitz, dass er einem Politiker, der sich für die Legalisierung von Cannabis einsetzt, zur Mahnung das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ geschickt hat. Hier kann man sehen, wie begeistert er von der Möglichkeit ist, GDL-Chef Claus Weselsky per Handy und „Periscope“-App zuzurufen: „Junge, lass die Tassen im Schrank!“ „Mein Ärger ist nicht gecastet und ungeschnitten“, jubelt Reitz seinen Newsletter-Abonnenten zu. „Das ist eine neue Form des Privatfernsehens!“

          Es gibt, mit anderen Worten, für alle Leute, die nicht Ulrich Reitz sind, sehr wenig Gründe, diesen Newsletter zu abonnieren, und somit ist das eigentlich der denkbar schlechteste Einstieg in diesen Artikel. Denn tatsächlich erlebt das so altmodisch und profan anmutende Medium des E-Mail-Newsletters gerade eine erstaunliche Renaissance.

          Menschen, die sonst über die Flut von Nachrichten in ihrem Postfach stöhnen und sie genervt in Spam-Ordner sortieren, bestellen regelmäßige E-Mail-Lieferungen mit aktuellen persönlichen Linklisten, Empfehlungen und Kommentaren. (Und womöglich, so jedenfalls die Hoffnung des „Focus“, unwahrscheinlicherweie auch mit täglicher „Focus“-Werbung.)

          Die Mail vom „Tagesspiegel“ kommt jeden Morgen gegen sechs Uhr. „Ich hab den Leuten schon die Tür eingetreten, bevor sie ihre Augen aufmachen“, sagt Chefredakteur Lorenz Maroldt. Seit einem halben Jahr macht er den „Checkpoint“, einen knappen, sehr launigen, oft zynischen, manchmal überdrehten Überblick über das Geschehen in der Hauptstadt.

          Mehr als nur Service

          Wie fing das an? „Es gibt kein richtig gutes Berlin-Angebot im Netz“, antwortet Maroldt, „und viele Leute haben nicht mehr die natürliche Routine, den Tag mit dem Zeitunglesen zu beginnen.“ Hinzu komme die „typische Berlin-Situation“, von der Stadt und ihren Möglichkeiten überwältigt zu sein. Der Berliner hört, dass die Menschen drei Stunden lang bei einer neuen Ausstellung anstehen, beschließt den ersten Ansturm abzuwarten und erinnert sich erst dann wieder daran, wenn er den Abschlussbericht nach Ende der Ausstellung liest. Der „Checkpoint“ soll funktionieren wie eine rechtzeitige Erinnerungs-Mail.

          Es geht nicht nur um Service. „Die Lokalberichterstattung ist zu zahm in der Zeitung“, sagt Maroldt, „in allen Zeitungen.“ Mit Streitlust und Ironie kommentiert er in seinem Newsletter das Geschehen, kann hier „ein bisschen schnöselig einfach mal losballern“. Das sprach sich herum, die Krawalligkeit sorgte für Reaktionen und weitere Aufmerksamkeit. Ein Ritterschlag war es, als der Regierende Bürgermeister Michael Müller auf Vorwürfe Maroldts im Abgeordnetenhaus mit dem Satz reagierte: „Nicht alles, was im ,Checkpoint‘ steht, stimmt.“

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