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Rückkehr der Puppenkiste? : Meer aus Zellophan

Am seidenen Faden: Jim Knopf bald wieder vor der Kamera? Bild: dpa

Vom Fernsehbildschirm ist die Augsburger Puppenkiste seit Jahren verschwunden. Jetzt sorgen Neuverhandlungen des Bayerischen Rundfunks für ein großes Echo. Gibt es eine Rückkehr?

          Im frühen Hörfunk wurden zu später Stunde Tanzveranstaltungen übertragen. Neben der Musik hörte man nur die Schritte und das Rascheln der Kleidung. Der Effekt auf junge Hörer muss trotzdem beeindruckend gewesen sein. Zumindest erzählte das Werner Höfer, Radiomann der ersten Stunde und Gastgeber des „Internationalen Frühschoppens“, einmal im Interview.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          In der Frühzeit des deutschen Fernsehens wurden neben Volkstheateraufführungen Marionettenspiele übertragen. Auch dies ist aus heutiger Sicht ein sonderbarer Vorgang, lebt das Marionettentheater doch von seiner Aura, der Verlebendigung toten Holzes in einer Live-Situation. Die Fernsehaufzeichnungen der Augsburger Puppenkiste waren trotzdem Straßenfeger, bis vor einigen Jahren waren die Neuinszenierungen an den vier Adventssonntagen die Fernsehereignisse schlechthin. Bis der produzierende Hessische Rundfunk die Zusammenarbeit mit der Puppenkiste beendete. Im letzten Herbst war dann zu lesen, dass der Kinderkanal künftig keine Wiederholungen mehr ausstrahlen wolle, die Produktionen seien nicht mehr zeitgemäß.

          Wir sind nicht die Bösen

          Seit kurzem zeichnet sich eine neue Entwicklung ab. Nach Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle hat auch Ulrich Wilhelm, der Intendant des Bayerischen Rundfunks, sein Interesse am Fortleben der Augsburger Puppenkiste im deutschen Fernsehen bekundet. Im April soll es, so Christian Nitsche, der Sprecher des BR, erste Gespräche mit den Machern der Puppenkiste über mögliche neue Formate geben, für Bayern Alpha produzierte das Theater schon 140 kleine Erklärstücke mit dem Bären Ralphi. Was die Zielgruppe und die Sendezeit für eine Neuaufnahme der Puppenkiste angeht, vertraut man beim BR auf die Augsburger und ihr „großes Geschick, generationenübergreifende Geschichten zu erzählen“.

          Das Medienecho auf die Initiative hat den BR, der von Hunderten Anfragen spricht, ebenso überrascht wie Steffen Kottkamp, den Geschäftsführer des Kinderkanals. „Wir sind überhaupt nicht die Bösen, die die Puppenkiste unzeitgemäß finden“, sagt Kottkamp und reiht sich in die Riege der Bewunderer ein, führt sogar die Tatsache, dass er beim Fernsehen gelandet sei, auf seine „frühen Fernseherlebnisse mit der Augsburger Puppenkiste“ zurück. Kottkamp, dem sämtliche Inszenierungen von „Urmel aus dem Eis“ bis „Jim Knopf“ fließend über die Lippe gehen, sagt, dass es auch das Wiederholungsverdikt, von dem immer wieder die Rede sei, nicht gebe, vielmehr seien für das 60.Fernsehjubiläumsjahr der Puppenkiste im Jahr 2013 weitere Ausstrahlungen fest ins Auge gefasst. Dass der Kinderkanal seit vier Jahren keine Wiederholung der Puppenkiste mehr ausgestrahlt hat, kann er jedoch nicht leugnen und macht keinen Hehl daraus, dass der Marktanteil, auf den „dankenswerterweise auch Ulrich Wilhelm hingewiesen hat“, enttäuschend gewesen sei. So laufe zum Beispiel die in den neunziger Jahren produzierte Zeichentrickversion von „Jim Knopf“, die allerdings meist auf einem besseren Sendeplatz stand, wesentlich besser als die Inszenierung der Puppenkiste.

          Analog soll es zugehen

          Klaus Marschall, der Leiter der Augsburger Puppenkiste, ist Telefon voller Tatendrang. Die seit Jahren anhaltende Ignoranz des Kinderkanals der Puppenkiste gegenüber hat ihn überrascht. Er findet, dass den Augsburgern ein Platz im Sendeschema zustehen sollte, für sein Haus brauche er die Fernsehöffentlichkeit allerdings nicht, das sei zu 95 Prozent ausgelastet.

          Jetzt träumen die, die es in den siebziger und achtziger Jahren erlebt haben, wieder von exklusiven Familienfernsehnachmittagen mit den Kindern vor der Augsburger Puppenkiste. Analog soll es zugehen und doch überraschend, die Fäden und das Meer aus Zellophan soll man sehen können, und auch wenn eine Aufnahme mit den Marionetten fast so viel wie ein Spielfilm kostet, sollte man nicht zu kleine Sprünge machen.

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