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Moshammer-Film im Ersten : Das trägt man jetzt so

Muttersohn und Schoßhundhalter: Rudolph Moshammer (Thomas Schmauser) gibt sich mit Else Moshammer (Hannelore Elsner) und Daisy die Ehre. Bild: BR/ARD Degeto

Im Ersten läuft ein Film über den verstorbenen Modemacher Rudolph Moshammer: Eine Bildschirm-Biographie ist das nicht. Wohl aber eine melancholische Hommage und feine Satire, wie man sie selten sieht.

          Wenn Rudolph Moshammer jemanden einkleidet, verkauft er nicht irgendeine Robe, er formt einen Menschen. Jedenfalls redet er das seinen Kunden ein. Ein Smoking zum Beispiel ist zwar eine Uniform, die alle Männer auf der Abendgesellschaft tragen und in denen sie aussehen wie Pinguine, aber dieser eine, feine mit dem passenden Hemd und einer frechen Fliege, wie sie der Tommy Gottschalk trägt, der ist etwas ganz anderes. Dieses Kleidungsstück „macht etwas“ mit dem, der es trägt, es stellt das Individuum aus und zeigt, wer man ist. Kein Wunder, dass es so viel kostet, mit dem Hemd und der Fliege obendrauf.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Doch was zählt, ist nicht der Stoff, es ist die Idee dahinter. Kleider machen Leute, die Kleider von Rudolph Moshammer machen Leute groß. Da kann er ruhig in seinem Keller Anzüge von der Stange bevorraten, die er günstig aus einer Konkursmasse erworben hat, und Strümpfe aus dem Osten, die das Stück nur zwanzig Pfennige kosteten. Versehen mit dem Moshammer-Wappen, gehen die Klamotten für ein Vielfaches über den Tisch. Auch wenn der Kaiser nackt geht, soll er für die Einbildung den angemessenen Preis bezahlen.

          Der Preis, den Moshammer für seine Lebens-Maskerade zahlt, ist allerdings hoch. Das merkt auch die junge Evi. Moshammer stellt die schüchterne Fußpflegerin, die in dem Kosmetiksalon, in dem sie gerade angefangen hat, von der Chefin kujoniert wird, kurzerhand ein. In ihr, das sehen wir gleich, erkennt er sich wieder. Ihr verrät er seine Geheimnisse und erklärt er, wie man sich behauptet und den Kopf oben behält. Sie steht vor dem Spiegel, in einem seiner Kleider, und sieht nur sich selbst – ein Mädchen aus Augsburg, dessen Mutter eine Wäscherei betreibt. Er sieht etwas anderes: „Eine junge italienische Gräfin, eine Contessa. Sie kommt gerade aus dem Kloster zurück ins Schloss ihrer Eltern, und ein Abenteuer liegt vor ihr.“ Sie habe, sagt der Modemacher, „eine Präsenz. Nutzen Sie das, und die Welt wird Sie respektieren.“

          Habe die Ehre: Robert Stadlober, Lena Urzendowsky, Thomas Schmauser und Hannelore Elsner (von links) in „Der große Rudolph“.

          Der Zauber wirkt, das merkt und missfällt Moshammers bestimmender Übermutter Else gleich. Sie duldet niemanden neben sich, niemanden zwischen sich und ihrem vergötterten Sohn, der sich abends im Rolls-Royce zum Park kutschieren lässt, auf der Suche nach jungen Männern. Nach außen hin gibt er den herrischen Chef und Bonvivant, im Nu aber wird er zu einem Häuflein Elend, wenn er die Aufmerksamkeit der Münchner Bussi-Bussi-Schickimicki-Gesellschaft zu verlieren scheint. Als die Gäste der von ihm mit aller Wichtigkeit angesetzten Geschäftsparty auf sich warten lassen, verliert er jede Hoffnung. „Es kommt keiner. Es ist vorbei. Moshammer ist vorbei. Das ist der Untergang.“ Minuten später herrscht Jubel, Trubel, Eitelkeit, Moshammer dreht auf. Die Reste vom Buffet verteilt er anschließend an Obdachlose. Dass er an diejenigen auf der Schattenseite der Stadt denkt, hat auch biographische Gründe, wie wir erfahren.

          In dem „großen Rudolph“, den der Theaterschauspieler Thomas Schmauser gibt, kann man den echten Moshammer, der in den Achtzigern und Neunzigern eine Münchner Gesellschaftsgröße war, wegen langsam ausbleibenden Geschäftserfolgs im Home-Shopping-Fernsehen auftauchte, wo er zur Karikatur seiner selbst wurde, und 2005 einem Verbrechen zum Opfer fiel, wiedererkennen und auch nicht. Denn der Drehbuchautor und Regisseur Alexander Adolph sucht sich dem Wesen dieses Mannes zu nähern, indem er ihn in der Figur der erfundenen Evi spiegelt. Eine verfilmte Biographie ist das nicht, sondern eine menschenfreundliche Hommage, eine von Melancholie geprägte Satire, die an Helmut Dietls „Kir Royal“ erinnert. Sie nimmt eine Szene, ein Jahrzehnt, einen Jahrmarkt der Eitelkeiten aufs Korn, nicht aber die Charaktere.

          Er habe Moshammer nicht nachahmen, sondern seine Silhouette zum Vorschein bringen wollen, sagt der Schauspieler Thomas Schmauser. Genau das gelingt ihm so vortrefflich, wie Hannelore Elsner die ihrem Sohn in innigster Hassliebe verbundene „Löwenmutter“ Else Moshammer zu geben weiß. Sunnyi Melles und Hanns Zischler sind als Moshammers Geschäftspartner und Finanziers von exquisiter Ranküne und fiesfreundlicher Falschheit, dass es ein Fest ist. Robert Stadlober gibt die steinreichen Adelszwillinge „Dudu“ und „Puki“ von Antzenberg – naiv der eine, verzogen der andere – und Lena Urzendowsky die Unschuld aus Augsburg so wirkungsecht, wie es sein muss. Sie lernt von Moshammer: „Das Leben ist keine Schachtel.“ Man muss sich nicht einpassen lassen, und man muss es nicht allen recht machen. „Sie berühren die Menschen, das ist ein Talent, das ist eine große Gabe“, lässt Alexander Adolph seinen Moshammer sagen. Dass der echte Moshammer, zu dessen Beerdigung Tausende strömten, dies in all seiner Extravaganz vermochte, darf man wohl annehmen.

          Der große Rudolph, heute, Mittwoch 19. September, um 20.15 Uhr im Ersten.

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