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RTL zeigt „My Name is Earl“ : Der Typ, vor dem Eltern warnen

  • -Aktualisiert am

Auf einer Mission gegen die Vergangenheit Bild: RTL

Wir sind mal wieder die Letzten: Lange schon wird „My Name is Earl“ im Ausland gefeiert und mit Preisen überschüttet. Gerade noch rechtzeitig, aber trotzdem zu spät hat RTL ein Einsehen und zeigt die Wahnsinnskomödie im deutschen Fernsehen.

          Wir sind mal wieder die Letzten. Doch gemach: Beinahe hätte es die brillanteste, charmanteste, wortwitzigste und einfallsreichste Sitcom der letzten Fernsehjahre, die in Amerika völlig zu Recht für Drehbuch, Regie und Schauspiel bereits mit einem ganzen Haufen Emmys, Golden Globes und Screen Actor's Guild Awards ausgezeichnet wurde, überhaupt nicht gegeben. Am Anfang gab es mit Greg Garcia lediglich einen Autor, der mit völlig verrückten Sitcom-Idee bei den Sendern Fox, ABC und NBC vergeblich hausieren ging.

          Keiner wollte das Wagnis eingehen, einen notorisch kleinkriminellen, moralisch fragwürdigen und abgerissenen Verlierer namens Earl J. Hickey samt betrügerischer Exfrau, einfältigem, hauptsächlich mit Biertrinken beschäftigtem Bruder und einem ständig auf Spanisch fluchenden lateinamerikanischen Zimmermädchen in den Mittelpunkt einer massentauglichen Unterhaltungssendung zu stellen.

          Die zweite Banane wird Hauptdarsteller

          Garcia aber blieb hartnäckig. Und irgendwann muss bei NBC jemand eine Erscheinung gehabt haben. Die Erscheinung sah aus wie Garcias Hauptrollen-Idealbesetzung Jason Lee, der zwar in einigen Nebenrollen schon mit Witz geglänzt hatte, aber nicht gerade als Hauptdarsteller aufgefallen war. Von allen Seiten hatte Garcia zu hören bekommen, Lee sei bestenfalls eine "Second Banana". Außerdem lehnte Lee Fernsehrollen ab - bis er das Drehbuch von "My Name Is Earl" bekam.

          Seine Name ist Earl

          Blieb noch die Sache mit dem Schnurrbart. Glaubt man den Akteuren, so flogen noch wenige Stunden vor Drehbeginn E-Mails zwischen Senderverantwortlichen und Produzenten hin und her, die sich aufgeregt mit der Frage der Gesichtsbehaarung des Nichtsnutzes Earl auseinandersetzten. In den oberen Etagen wünschte man die Glattrasur. Jason Lee vertrat die Ansicht, mit Schnurrbart sei er lustiger. Schließlich stritt man noch um Zentimeter. Garcia, Lee und der Regisseur Marc Buckland setzten sich durch, und jetzt trägt Earl J. Hickey einen ähnlichen Schnurrbart wie ihn im amerikanischen Film sonst die Pornodarsteller tragen, nur etwas ausgefranster.

          Wir sind die Letzten

          2005 begann Earls Siegeszug im amerikanischen Fernsehen. Auch in Europa war man aufmerksam geworden. Inzwischen ist "My Name Is Earl" in der Schweiz und in Österreich schon zu sehen gewesen. Und während im Herbst in Amerika die vierte Staffel beginnt, hat sich RTL endlich auf einen Sendeplatz für die vor geraumer Zeit gekaufte Serie besonnen. Wir sind halt wieder die Letzten. Anscheinend braucht auch bei RTL dringend jemand eine Erscheinung: Nur elf der vierundzwanzig Folgen der ersten Staffel, und die zu nachtschlafender Zeit, sind zu sehen. Herzlichen Dank dafür im Namen der Zuschauer, die von "My Name Is Earl" so unter Umständen ebenso wenig zu sehen bekommen wie weiland von den gut im ZDF-Programm versteckten "Sopranos" oder "Six Feet Under" bei Vox.

          Da Wortwitz in den seltensten Fällen übersetzbar ist, ist die synchronisierte Ausgabe der Sitcom ein bisschen weniger lustig als das Original. In diesem Fall schadet das aber kaum, denn trotz ihrer Loser-Mentalität ist das Personal von "My Name Is Earl" grundsympathisch - und die Ausgangsidee komplett aberwitzig.

          Earl J. Hickey, ein entfernter, weniger respektabler Verwandter Homer Simpsons, ist der Typ, vor dem unsere Eltern uns immer gewarnt haben. Schon in der Schule drangsalierte er die schwächeren Mitschüler und klaute alten Omas das Portemonnaie. Allerdings ist Earl nicht gerade der Hellste. Alkoholisiert abgeschleppt von der silikonbusigen Joy (Jaime Pressly), stellt er erst am Morgen nach der Hochzeit in Las Vegas fest, dass sie hochschwanger ist. Earl junior allerdings sei sein Fleisch und Blut, meint Earl. Merkwürdig nur, dass der Knabe dem Koch in seiner Lieblingsbar, "Crabman" (Eddie Steeples), so ähnlich sieht. Mit seinem einfältigen Bruder Randy (Ethan Suplee) wohnt das Familienoberhaupt in einer heruntergekommenen Trailerpark-Siedlung und lebt von illegalen Geschäften.

          Zehn Sekunden Glück

          Bis Earl eines Tages der Schlag trifft. Mit einem Rubbellos gewinnt er 100 000 Dollar. "Das waren die zehn glücklichsten Sekunden meines Lebens", sagt er aus dem Off, und man sieht in einer grandios geschnittenen Sequenz, wie Earl vor Freude blind auf die Straße tritt, von einem Auto überfahren wird und sein Los im Wind davonflattert. Im Krankenhaus hat Earl in morphiumumnebelten Zustand eine Erscheinung: Carson Daly. Im Fernsehen spricht der bekannte Talkmaster davon, dass Glück vom Karma abhänge. Das Glück bleibe nur bei dem, der Gutes tue.

          Von da an hat Earl einen Helden und eine Mission: All das Schlechte rückgängig zu machen, das er bislang verbrochen hat. Die Bilanz seines bisherigen Lebens dokumentiert er auf "Earls Liste" (die in verschiedenen Versionen im Internet kursiert), und jede Episode der Sitcom - die, auch das ungewöhnlich, mit einer einzigen Kamera auskommt, auf Lacher aus der Konserve verzichtet und nicht im Studio gedreht wird - ist Earls Bemühen gewidmet, einen der 258 Punkte auf seiner Liste ungeschehen zu machen.

          In der Pilotfolge geht es um Nummer 64: "Habe Kenny James gehänselt." Eine Episode dauert zwanzig Minuten, die einem allerdings vorkommen können wie eine einzige endlose Sitcom-Achterbahnfahrt. Wer nicht sofort anfängt, um Earl und seine Mission zu bangen, dem ist nicht zu helfen. Zu helfen aber wäre den Zuschauern mit einem früheren Sendeplatz.

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