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RTL-Film „Starfighter“ : Sie nannten ihn den Witwenmacher

Der Starfighter war ein tödlicher Kampfflieger. 116 Piloten stürzten mit ihm ab. Ein Faszinosum blieb die Maschine. Von den Piloten und ihren Familien erzählt RTL in einem packenden Film: „Sie wollten den Himmel erobern“.

          7 Min.

          Der Starfighter ist das Kalamitäts-Kontinuum der Bundesrepublik. Permanent stürzte der Kampfflieger ab - 269 von 916 Maschinen und Abermilliarden Mark an Materialwert hatte die Bundeswehr am Ende verloren. 116 tote Elitepiloten waren zu beklagen - hinzu kamen die zivilen Opfer, zuletzt, im Mai 1983, Martin Jürges, der Pfarrer der Frankfurter Gutleut-Gemeinde, und mit ihm seine Frau, seine Mutter, die beiden Kinder und eine Freundin der Familie: Von der Feuerwalze eines explodierenden Starfighters erfasst, verbrannten sie in ihrem Kombi. Was der Luftwaffengeneral Steinhoff „Blutzoll“ nannte, war für Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel einst „eine gewisse Verlustrate in Friedenszeiten“ - im März 1970, ein paar Jahre nach der Äußerung im Bundestag, musste er seinem Sohn Joachim, Starfighter-Pilot seit 1966, das letzte Geleit geben.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Witwenmacher, Abschmiervogel, Starfaller, Sargfighter: die Spitz- und Spottnamen ließen nicht auf sich warten. Weiland Verteidigungschef auf der Bonner Hardthöhe, hatte Franz Josef Strauß den Abfangjäger, der bald auch als Aufklärer und Bomber diente, Ende der fünfziger Jahre beim kalifornischen Luftwaffenkonzern Lockheed geordert - Strauß stand Mitte der Siebziger auch im Zentrum der „Starfighter-Affäre“, bei der es, letztlich unbewiesen, um Korruption und Bestechung während der Beschaffung ging. Peu à peu durch die Nachfolgemodelle Phantom und Tornado ersetzt hat die Bundeswehr den Starfighter schon von 1975 an. Offiziell ausgemustert wurde er aber erst im Frühjahr 1991.

          Was notabene heißt: Bereits kurz nach dem Bau der Berliner Mauer und noch nach deren Fall - stets waren Starfighter in der Luft. Was im Umkehrschluss bedeutet: Es muss sich angesichts solcher Kontinuität zumindest partiell auch um eine Erfolgsgeschichte gehandelt haben. Und um einen Mentalitätsunterschied gegenüber Risiken und Dauerkrisen. Heutzutage wäre eine Verlustrate, die jener des Starfighters auch nur ähnelte, völlig inakzeptabel - inner- wie außerhalb der Streitkräfte. List des Fortschritts und der Gefahrendialektik: Für die gegenwärtigen Piloten der Luftwaffe, die etwa den Eurofighter fliegen, sind die technischen wie logistischen Konsequenzen, die man aus den Malaisen des Vorvorgänger-Modells zog, inzwischen fast zum Garantieschein in Sachen Flugsicherheit geworden. Andererseits: 1970 gab es allein in den alten Bundesländern nahezu 20 000 Verkehrstote, 2014 waren es, trotz vervielfachten Aufkommens, 3377 im ganzen Land. Auf die Idee, des Risikos wegen das Auto stehenzulassen, ist aber vor vier, fünf Jahrzehnten niemand gekommen.

          Die Geschichte des Starfighters als Teilgeschichte der Bundesrepublik ist jedenfalls ein lohnender, herausfordernder Stoff. RTL hat ihn aufgegriffen. Gefolgt ist der Privatsender dabei einer Anregung der Produzenten Michael Souvignier und Dominik Frankowski, die mit dem „Wunder von Lengede“, dem Zweiteiler „Contergan“ oder mit „Böseneckendorf - Die Nacht, in der ein Dorf verschwand“ reüssierten. Schon für das vergangene Frühjahr war der Fernsehfilm „Starfighter - Sie wollten den Himmel erobern“ angekündigt, wegen der Germanwings-Katastrophe in den französischen Alpen wurde die Ausstrahlung ausgesetzt. Ist das „Eventmovie“, das uns jetzt erwartet, auch ein Fernsehereignis?

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