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Serie „Deutschland 83“ : Dieser Jungspion verhindert den Weltkrieg?

In der Uniform des Klassenfeindes: Martin Rauch (Jonas Nay) ist als vermeintlicher Bundeswehr-Oberleutnant Moritz Stamm rund um die Uhr beschäftigt. Bild: RTL

Mit „Deutschland 83“ zeigt RTL einen Thriller aus dem Kalten Krieg. Die Agentenstory lief erst in Amerika und war dort ein großer Erfolg. Es gab viel Vorschusslorbeer. Doch hält das Stück auch, was es verspricht? Wir haben da unsere Zweifel.

          4 Min.

          Im vergangenen Februar wurden auf der Berlinale die ersten beiden Folgen der von Nico Hofmann und Jörg Winger produzierten achtteiligen Fernsehserie „Deutschland 83“ gezeigt. Bei der Medienmesse in Cannes gelang es, die von RTL in Auftrag gegebene Reihe in die Vereinigten Staaten zu verkaufen. Im kleinen, feinen Kabel- und Satellitenkanal Sundance TV, Mitte der neunziger Jahre von Robert Redford gegründet, lief sie im untertitelten Original schon im Sommer – und stieß auf ein nahezu ungeteilt positives Echo.

          Jochen Hieber
          Freier Autor im Feuilleton.

          Der ferne Erfolg zeitigte ein seltenes Ausmaß an Vorberichten, Vorabrezensionen und Interviews mit den Hauptbeteiligten, zu denen neben den Produzenten vor allem die amerikanische, in Berlin lebende Drehbuchautorin Anna Winger, die Regisseure Edward Berger (Folgen 1 bis 5) und Samira Radsi (Folgen 6 bis 8) sowie der Schauspieler Jonas Nay zählen, der die zentrale Figur, den jungen Ost-Berliner Grenzsoldaten Martin Rauch alias DDR-Kundschafter Moritz Stamm, auf Westmission im Kalten Krieg darstellt. Man mochte fast glauben, mit „Deutschland 83“ würden auch für unser Fernsehen neue Maßstäbe gesetzt. Ungemein schnell sei die Serie, blendend in Szene gesetzt, populär und hochwertig, spannend und Spaß bereitend überdies. Sie drehe dem öden, konventionellen Redakteurs- und Gremienfernsehen hiesiger Observanz eine lange Nase.

          Fernsehtrailer : „Deutschland 83“

          Dass so viel Vorauslorbeer auch eine Last sein kann, lässt sich von heute an vier Wochen lang beobachten. Denn die RTL-Serie bietet zwar allerhand Handlungskonvulsion und Szenenstakkato, viel Schauspielerschweiß und jede Menge Gewissensmalaisen und Seelenstrapazen, sie ist bisweilen in der Tat unterhaltsam und spielt geschickt mit den Moduswechseln vom Drama zum Slapstick, von der Klamotte zum Charakterfilm, von der Gesellschaftshumoreske zum Spionagethriller. Aber sie übernimmt sich permanent in Sachen innerer Evidenz, beim psychologischen Plausibilisieren des handelnden Personals und beim Beglaubigen des Plots.

          Loriothafter IT-Ehrgeiz und biedermännischer Geistesheldentum

          Es geht um nicht weniger als um die Verhinderung eines dritten Weltkriegs in letzter Sekunde und um die Abwehr des atomaren Armageddon durch den haarscharf die Katastrophe vermeidenden Menschenverstand von ansonsten so eiskalten wie dummen Sandkastenkriegern. 1983, insinuiert die Serie, war das Schreckens- und Schicksalsjahr der Menschheit schlechthin, seit 1945 und nach 1983 habe es kein vergleichbares Untergangsszenario auf dem geteilten deutschen Boden gegeben. Je nun.

          Anfang März 1983 nannte Ronald Reagan, weiland Präsident im Weißen Haus, in einer Rede die Sowjetunion zwar „das Reich des Bösen“ – mit Ausschnitten daraus beginnt die Serie. Als beim Nato-Herbstmanöver Able Archer (tüchtiger Bogenschütze) die Menschheitsuhr angeblich ihrem Ende zutickte, ließ er sich indes nur beiläufig über den Verlauf unterrichten und zeigte sich entspannt auf seinem Landsitz. Vom fiktiven Spion Moritz Stamm wie bei RTL wurde die Welt so wenig gerettet wie vom damals sehr realen DDR-Agenten Rainer Rupp, der die Nato in Brüssel ausspionierte, oder dem sowjetischen Luftwaffenleutnant Stanislaw Petrow, dessen Auffassungsinstinkt – er interpretierte einen von der Moskauer Luftüberwachung gemeldeten Nuklearangriff des Westens als Fehlalarm – aber in der Tat eine dramatisch ernste Krise vermied.

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