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TV-Kritik: RTL über Merkel : Ungewollte Parodie auf eine Kanzlerinnenbiografie

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Politik als Seifenoper

Der Rotkohl bleibt ihr Geheimnis. Es war nicht das einzige an diesem erstaunlichen Fernsehabend. Letzteres betraf die bemerkenswerte Idee, uns Zuschauer mehr als drei Stunden lang mit dieser Kanzlerinnenbiografie zu traktieren. Dabei kann man für einen Punkt durchaus Verständnis haben: Der Sender wollte auch das Publikum ansprechen, das Angela Merkel eher aus der Perspektive der klassischen Regenbogenpresse betrachtet. Dort ist das Frühstück wichtiger als der nüchterne Blick eines Politologen.

Dabei sollte der vermeintliche Knüller des Abends helfen – nämlich die medizinische Ursache des Zitterns aufzuklären, das die Kanzlerin vor einiger Zeit plagte. Nach drei Stunden des Wartens auf die große Enthüllung wurde der frühere Präsident der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, als medizinischer Sachverständiger aufgeboten. Er machte ihre permanente Übermüdung dafür verantwortlich. Das mag so sein, ist aber auch nur eine Spekulation. Tatsächlich stellte sich damals die Frage, ob ihr Gesundheitszustand die Wahrnehmung ihrer Regierungsgeschäfte beeinträchtigt haben könnte. Das Thema wurde immerhin angedeutet, etwa vom RTL-Politikchef Nikolaus Blome. Diese Form der Nachdenklichkeit blieb aber die Ausnahme in einem Konzept, das Politik als Seifenoper inszenierte.

„Aufgeweckt lassen wir erst einmal weg“

Wobei es zum Glück Momente der ungewollten Komik gab. Etwa als Merkels frühere Russisch-Lehrerin Erika Benn lieber über die Funktion des Fachleiters in der ostdeutschen Lehrerausbildung sprechen wollte als über die wohl nicht so beeindruckende erste Begegnung mit der späteren Bundeskanzlerin. Als die für den Boulevard zuständige Co-Moderatorin Inka Bause die damalige Schülerin als „freundlich und aufgeweckt“ beschrieb, antwortete Frau Benn nur trocken: „Aufgeweckt lassen wir erst einmal weg.“   

Mit dieser Komik konnten die Filmbeiträge konkurrieren. Sie bestanden zumeist aus Sentenzen, die in jedem Kitschroman Verwendung finden könnten. „Angela – Eine Frau sucht ihr Glück“ wäre ein möglicher Titel – als Ärztin im aufopferungsvollen Kampf für ihre Patienten, oder halt als das Mädchen vom Land, das ihr Glück in der großen weiten Welt findet. Es wäre jede Rolle denkbar, sogar die der Bundeskanzlerin. Ein begabter Satiriker könnte mit dem Material dieses Abends schon einmal eine Parodie auf ihre Memoiren schreiben.

Wobei das ironischerweise zugleich den aufklärerischen Kern dieses ansonsten grotesken Abends offenlegte. Denn wir haben es bei Angela Merkel mit einer einzigartigen Karriere zu tun. Sie wurde im Einigungsjahr 1990 zur hauptberuflichen Politikerin und nach der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl zur Bundesministerin ernannt. Sie stieg sofort in die höchsten politischen Spitzenämter auf, die das Land zu vergeben hat. So enden ansonsten politische Karrieren, Angela Merkels begann damit. In den anschließenden 30 Jahren war sie kontinuierlich in solchen Spitzenämtern vertreten, davon lediglich in sechs Jahren als Oppositionsführerin.

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