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Neue Führung : RTL Deutschland wird an die kurze Leine genommen

Viel beschäftigt: Bertelsmann-Chef Thomas Rabe übernimmt zusätzlich die Leitung von RTL Deutschland. Bild: dpa

Der bisherige Chef von RTL Deutschland muss gehen. Nun übernimmt Bertelsmann-Konzernchef Thomas Rabe selbst den Chefposten – vorübergehend, wie er sagt.

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          Die Konkurrenz von RTL heißt Netflix, Disney oder Amazon, weshalb das Unternehmen sich neu erfinden muss. Mitten in dieser Umbruchphase bekommt RTL Deutschland eine neue Führung – mit einer besonderen Konstruktion. Den Vorsitz der Geschäftsführung übernimmt Thomas Rabe. Er hat schon seit 2019 die Führung der börsennotierten RTL Group inne, die wiederum mehrheitlich dem Medienkonzern Bertelsmann gehört, und auch dort ist Thomas Rabe der Vorstandsvorsitzende. Als Chief Operating Officer (COO) holt Rabe sich Andreas Fischer zur Seite, der schon lange Jahre mit der Strategie und Unternehmensentwicklung von RTL befasst ist. Dagegen verlässt Stephan Schäfer das Unternehmen, der für die Zusammenführung von RTL und Gruner + Jahr und die Weiterentwicklung des RTL-Programms verantwortlich war. Schäfer, der seine Karriere als Journalist bei der Bild-Zeitung begann und dann zu Gruner + Jahr wechselte, gehörte der Führung des Hamburger Verlags seit 2013 an. Schäfer hat RTL Deutschland seit dem vorigen Herbst in einer Doppelspitze mit Matthias Dang geleitet. Dieser bleibt in der Geschäftsführung, ebenso wie Alexander Glatz und Oliver Radtke. Er wolle die Führung breiter aufstellen und nach einer langfristigen Lösung für den Chefposten suchen, sagte Thomas Rabe im Gespräch mit der FAZ. Wenn er sich auf RTL Deutschland fokussiere, werde er auch besser beurteilen können, welche Persönlichkeit RTL Deutschland künftig auf dem Chefposten brauche. Er selbst werde den Posten nur bis auf Weiteres übernehmen, betonte Rabe - „ganz sicher nicht länger als ein Jahr.“

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Hamburg.

          Für Bertelsmann, den zweitgrößten europäischen Medienkonzern mit zuletzt 18,7 Milliarden Euro Umsatz, ist RTL von existenzieller Bedeutung, mit jeweils rund einem Drittel Anteil an Umsatz und Ergebnis. Die RTL Group ist an 56 Fernsehsendern, acht Streaming-Diensten und 36 Radiostationen beteiligt. In Deutschland ist mit RTL+ ein medienübergreifendes Streaming-Angebot im Entstehen, das auch die Online-Varianten von Print-Marken aus dem Gruner+Jahr-Portfolio und neuerdings auch Musik in einer App anbietet. RTL+ will damit den amerikanischen Konkurrenten Paroli bieten können, unter anderem wegen der regional geprägten Angebote, aber auch wegen eines günstigen Preises. Der aktuell populärste Tarif von RTL+ kostet 4,99 Euro. Er sei damit viel günstiger als das Angebot anderer Streaming-Anbieter. Aber auch die neue Kombination von Video und Musik sei mit vorläufig 9,99 Euro und später 12,99 Euro konkurrenzfähig, zeigte sich Rabe im Gespräch mit der FAZ sicher. „Gerade in Zeiten der Inflation kann so etwas auf großen Anklang stoßen“, erwartet er: „Das Timing ist sehr gut.“

          Generell indes ist die Inflation ein erhebliches Risiko, zumal noch die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg und die Verunsicherung um die Energiemärkte zu bewältigen sind. „Ich habe noch nicht erlebt, dass so viele externe negative Faktoren gleichzeitig aufgetreten sind. Das ist eine so außergewöhnliche Situation, da ist aktives Handeln nötig“, sagte Rabe im Gespräch mit der FAZ, um sein persönliches Engagement an der Spitze von RTL Deutschland zu begründen. Und er ergänzte: „Aktives Steuern bedeutet, dass man neben den Erlösen auch die Kosten im Blick hat, denn es geht um die Fähigkeit zu investieren.“ Die Zurückhaltung der Werbekunden hat schon im zweiten Quartal den Umsatz schrumpfen lassen. Das sei aktuell die größte Herausforderung, sagte Rabe, es gelte aber auch den Wechsel von Fernsehen zu Video auf Abruf zu managen, RTL müsse Video und Text ausbauen und habe zudem noch die Integration des Verlagshauses Gruner + Jahr abzuschließen. Insgesamt stehe RTL Deutschland gut da, betonte Rabe. Für die RTL Group brachte das Geschäft in Deutschland im ersten Halbjahr 36 Prozent vom Umsatz und 40 Prozent vom Ergebnis.

          Zur Strategie von Bertelsmann gehört es, mit RTL auf diese Weise in verschiedenen Ländern nationale Champions aufzubauen, die verglichen mit den Angeboten aus Amerika ihren jeweils regionalen Bezug punkten können. In Deutschland würde Rabe am liebsten noch die Sendergruppe ProSieben.Sat1 in so einen Champion einbeziehen. Unabhängig vom Willen der Aktionäre von ProSieben.Sat1 könnte er mit dieser Absicht aber wohl aktuell an Kartellbehörden scheitern, die ganz klar eine beherrschende Stellung der Sender auf dem Werbemarkt diagnostizieren würden. Die Beschränkung des relevanten Marktes auf Fernsehwerbung sei wegen der Verschiebung der Konsumgewohnheiten in den digitalen Bereich aber nicht mehr zeitgemäß, mahnt er. Noch in diesem Herbst erwartet Bertelsmann die Entscheidung der Kartellbehörden in Frankreich und den Niederlanden, wo jeweils Fusionen angestrebt sind. In den Niederlanden habe man noch gar nichts gehört, berichtete Rabe im Gespräch mit der FAZ. In Frankreich gebe es zwar erhebliche Bedenken der Dienststellen, er habe aber die Möglichkeit, in Anhörungen am 5. und 6. September seine Argumente noch einmal vorzutragen.

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